Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228738--63088-3290289
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 gegeben, von dessen Existenz inan früher keine Ahnung hatte. Und so kommen in unseren Tagen abermals judenfeiudliche Schriften zum Vorschein, die an Heftigkeit nnd Niedrigkeit jene des 18. Jahrhunderts noch übertreffen. Daß diese wieder Gegenschriften hervorrnfen, ist selbstverständlich, und so bietet uns das glorreiche 19. Jahrhundert in seinem letzten Drittel das unerfreuliche Bild eines häßlichen Streites wider und für die Juden. Aber auch das Judentum geht nicht leer aus. Wenn auch nicht wenige der Autoren sich dagegen verwahren, aus gemeinem Judenhaß die jüdische Religion anzugreisen, das Resultat, zu dem sie gelangen, steht doch mit dem der politischen Gegner auf einer Höhe: sie leugnen die Daseinsberechtigung des Judentums, wie die politischen Feinde die der Juden leugnen. Jedoch schon der Beruf der Männer, die gegen das Judentum auftreten, sollte eigentlich jeden unvoreingenommenen Leser ihrer Schriften zur Vorsicht mahnen. Wenn behauptet wird, daß Rabbiner zu einer objektiven Kritik des Judentums sich nicht aufraffen können, darf dasselbe mit noch iveit größerer Berechtigung von den christlichen Theologen gesagt werden. Und diese sind es, die in streng wissenschaftlichem Gewände, das jedoch nur schwach den unwissenschaftlichen Zweck verhüllt, das Judentum durch das : Christentum als erfüllt und überwunden, sonach als überflüssig für die religiöse Entwicklung der Menschheit erklären; nur ab und zu schließt sich ihnen der eine oder andere Philosoph an. Auf welchem Wege die protestantische Theologie zu ihren feindlichen Theoremen über die jüdische Religion kam, habe ich schon Gelegeilheit gehabt, den Lesern dieses Blattes teilweise auseinanderzusetzen.') Es ist aber so überaus wichtig, über diesen Punkt genau orientiert zu sein, daß man nicht häufig genug ihn in Erinnerung bringen kann. Der kritische Geist des 19. Jahrhunderts hat weder vor der Heiligen Schrift, noch vor den Evangelien, oder, um nrich des gangbaren Ausdruckes zu bedienen, weder vor dem Alten, noch vor dem Neuen Testamente Halt gemacht. Beide wurden gleich den Büchern Homers als literarische Erzeugnisse geprüft, analysiert, zerpflückt, zergliedert. Aber doch mit einein sehr gewichtigen Unterschiede. Während die Theologen der hebräischen Bibel gegenüber jede Rücksicht auf ihre religiöse Heiligkeit beiseite schoben, unbekümmert um Gott und Moses, und noch unbekümmerter um die Gefühle gläubiger Juden, ihre! Hypothesen aufstelltry, blieb ihnen das Neue Testament bei aller Kritik doch das Heilige Buch, dem sie Ehrfurcht nnd Scherl entgegenbrachten, und Jesus die Jdealgestalt, zu der man nur emporschauen dirrfte in tiefer Ergriffenheit nnd Religiosität. Zwar gilt er vielen nicht mehr als Sohn Gottes, aber als Gottmensch, in dem sich alle Ideale der Menschheit vereinigt haben, allen. Harnack gibt diesen Gefühlen der protestantischen Theologen mit den Worten Ausdruck: „Hier hat alle Forschung stille zu halten," und Wellhausen: ,,Ecce liomo“ — „ein göttliches Wunder in dieser Zeit und in dieser Umgebung". Wer wollte diesen Standpunkt tadeln? Wer ihn aber einnimmt, hat dann nicht das Recht, das Judentum einer Kritik zu unterziehen. Entweder — oder. Wenn Harnack so vom Sohnesverhältnis Jesu spricht, „so hat er mit dieser Erklärung sich des Rechtes der Kritik des Judentrtins begeben. Dieses anerkennt jenes Sohnesverhältnis überhaupt nicht, und dieser Umstand zieht vor den Augen Harnacks notwendig eine Warrd auf, durch die er nicht hindurchsehen kann. Welchen wiffenschastlichen Wert hat danrr die Kritik, die er ') Allgemeine ,'U'ituüfi des Judentums. 70 Jahrgang. Sir. 34, Seite 403. dennoch an dem Judentum übt?" (Güdemann, Apologetik XII.) Da jedoch die protestantische Theologie auf ihrem Standpunkte beharrt, wird sie einseitig und ungerecht. Die Tatsache, daß Jesus Jude war — obzwar jetzt schon mit großer Vorliebe selbst in Romanen mit Chamberlain die raffenreine Abstammung Jesu geleugnet wird — daß das Neue Testament von Juden geschrieben wurde, das Christentum auf dem „mütterlichen Boden" des Judentums emporgesprossen war, deucht ihnen Berechtigung zu geben, gibt sie ihnen auch, sich mit dem nentestamentlichen Judentums zu befassen, es einer kritischen Untersuchung zu unterziehe». Sie gehen dabei von einer feststehenden Prämisse aus, um zu einem im voraus bestimmten Endziele zu gelangen. Der Ausgangspunkt ist: Jesus ist der Ueberwinder des Judentums, und das Resultat ist dieselbe These: DaS ältere Judentum ist die Vorstufe und Vorbereitung des Christentums. Welche Früchte eine derartige „voraussetzungslose", „wissenschaftliche" Forschung zeitigen muß, liegt auf der Hand. Je idealer den Theologen die Gestalt Jesu erschien, je mehr sie in ihm das Höchste fanden, um so schwärzer malten sie den Hintergrund, von dem er sich abheben sollte, um so zerfahrener die Zustände, aus denen er emporstieg. Während man sonst die Vererbungstheorie im modernen Denken sehr hoch einschätzt. den Dichtern,. Künstlern nnd großen Gelehrten gerne bis ins kleinste erzählt, was sie vom Vater, was von der Mutter geerbt haben, wird hier all' dem ins Gesicht geschlagen. Wenn auch das Judentum der „mütterliche Boden" ist, ohne den das Christentum gar nicht verstanden werden könnte, so wird doch dieser mütterliche Boden als so verwahrlost, so devastiert geschildert, daß man es gar nicht begreifen kann, wie aus so elendem Boden eine solche Blume emporblühen konnte (Güdemann, S. 39). Wie sagt nun Jesus im Matthäus 7,16 ff? „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Sammelt man etwa Trauben von Dornbüschen oder Feigen von Disteln?' So bringt immer der gute Baum gute Früchte, der faule Baum aber bringt böse Früchte. Ein guter Banm kann nicht böse Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen." Ueberall ist dieser Satz als Wahrheit anerkannt, nur nicht bezüglich des neutestamentlichen Judentums, da darf er nicht wahr sein, sonst wäre ja das Christentum nicht die Ueberwindung des Judentums. Auf diese Weise gelangte die christliche Theologie zu folgenden vier Hauptergebnissen in der Gegenüberstellung der beiden Religionen in der Entstehungszeit des Christentums: 1. Jesus hat die großen Propheten Israels zum Vorbilde sich genominen, ist sonach ihr Fortsetzer und Erfüller, während die Schriftgelehrten seiner Zeit die religiössittlichen Lehren der Propheteii fallen ließen und das Gesetz als Wesen des Judentums kündeten. 2. Jesus hat frei von jedem Nationalismus' den Menschheitsgott gelehrt, während die Inden Gott nur als Nationalgott anbeteten. 3. Bei Jesus ist Gott der Allerbariner, der Gott der Liebe und Gnade, bei den Juden ein Gott der Rache, des Zornes, der Strafe. 4. Jesus führt die Befreiung vom Gesetze vorbereitend durch, indem er nur Gesinnung verlangt, das Judentum verschärfte und erschwerte das Gesetz nnd hat dadurch tote Worte, Buchstabenanbetung als Religion anfgepflanzt. Mit diese»! Hauptthesen der christlichen Theologie beschäftigt sich nun die Apologetik Güdemanns. In den ersten zivei Kapiteln behandelt er die Frage, ob denn die Schriftgelehrten init Recht den Vorwurf verdienen, die. Propheten in den Winkel geworfen zu haben, um an ihre Stelle ihre Ueberlieferungen, ihre Lehren zu setzen, d. h. ob das Gesetz auf alter Tradition beruhe oder eine Erfindung der Schriftgelehrten sei. Das dritte Kapitel, dem eigentlich auch das Schlußkapitel angehört, bespricht die große Frage, ob das-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.