Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 oppositionellen Parteigruppen. Man sei doch nicht so kurzsichtig und glaube, daß bei uns die radikalen Parteien in der praktischen Politik auch nur das geringste durchzusetzen vermögen. Was nützt es, daß im deutschen Reichstage jahraus jahrein von sozialistischer und freisinniger Seite die schönsten Reden zum Lobe Israels gehalten werden? — Kein Mensch kehrt sich in der Praxis daran! Und jene Gesetze aus den sechziger Jahren, welche den Juden die theoretische Gleichberechtigung brachten, sie sind auch nur zustande gekommen mit Hilfe der nationalen, „staatserhaltenden" Parteigruppen. Also die radikalen Parteien allein genügen nicht, um den Juden zu ihren vollen Rechten zu verhelfen. Ist es da nicht ein Fehler, Regierung und Mehrheitsparteien durch eine starre Opposition immer heftiger gegen sich zu erbittern? Regierung und Mehrheitsparteien kürzen den Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte, weil die Juden — angeblich — einen Mangel besitzen an deutscher Gesinnungen deutschem Empfinden. Und was tun die Juden darauf? Sie demonstrieren der Regierung durch ihren Anschluß an die oppositionellen Parteien ad oculos, daß sie für deutschnationale Bestrebungen tatsächlich nicht allzuviel übrig haben, daß also der Vorwurf der mangelnden deutschen Gesinnung anscheinend nicht unberechtigt ist. Man wird einwenden: Ist denn die politische Opposition eine Unart? Es gibt doch auch genug christliche Anhänger der radikalen Parteien, und kein Mensch wird beispielsweise jedem Freisinnigen christlichen Glaubens die deutsche Gesinnung absprechen wollen. Hier antworte ich: Ebenso wie der Jude sich im geschäftlichen Leben besonderer Tüchtigkeit, besonderer Ehrlichkeit befleißigen muß, um neben seinen christlichen Konkurrenten bestehen zu können, ebenso muß er auch im politischen Leben seine deutschnationale Gesinnung weit kräftiger, weit lebhafter, betätigen als seine christlichen Mitbürger. Zugegeben, daß der Judenhaß unserer,.Gegner in erster Reihe auf blinden Vorurteilen beruht — auf dem Wege der politischen Opposition wird man diese Vorurteile nimmerniehr aus der Welt zu schaffen vermögen. Ich hoffe, man wird meine Ausführungen nicht..mißverstehen. Nichts liegt mir ferner, als Proselyten machen zu wollen. Der Jude, der ein wahrer, überzeugter Anhänger des Sozialismus oder des Freisinns ist, er mag es bleiben; ich will ihm seine ehrliche Ueberzeugung wahrlich nicht antasten. Was ich mit meinen Ansführungen bezweckte, ist allein: aufrütteln wollte ich alle jenen, die bisher den'Fahnen der Opposition Folge geleistet, ohne sich klar gemacht zu haben, wohin der Weg sie führe. Ob sie nun auch wirklich dem Radikalismus die Gefolgschaft verweigern werden?') . . . ') Wir haben diesen Ausführungen Raum gegeben, weil wir unserem Prinzip getreu, jede Anschauung innerhalb des Judentums in unparteiischer Weise zu Worte kommen lassen. Namentlich aber gilt dies unserer Jugend gegenüber. Daß wir jedoch darum den Standpunkt des Verfassers nicht teilen, braucht wohl'nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Es verhält sich damit genau so, wie mit dem Ablegen der spezifischen Fehler, wo der Verfasser im Eingang seines Artikels selbst das Richtige getroffen hat. Ein deutscher Jude, der heute sich zur konservativ-agrarischen Partei bekennen würdewäre ein Don Quixote oder noch etwas Schlinnueres. Erst wenn diese „staatserhaltenden" Parteien ihr Tivoliprogramm aufgegeben haben werden, wird es den Juden möglich sein, sich ihren Standpunkt frei innerhalb der Parteien zu wählen und auch ihre zweifellos konservative Gesinnung zu betätigen. Solange sie aber um die praktische Ausführung der Gleichberechtigung, ja sogar um die theoretische Ausrechterhaltung derselben, kämpfen müssen, sind sie mit innerer Naturnotwendigkeit auf die Parteien im Staate angewiesen, die mit ihnen und für sie diesen Kampf führen. Die Red. Jüdische Apologetik. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. m^^eitdem Flavius Josephus seine Schutzschrist „Gegen 'v—* Apion" geschrieben hat.^sind achtzehn Jahrhunderte au der Menschheit vorübergegangen. Geschrieben hat Josephus sein Buch, „einmal um die geflissentliche Verdrehung der Tatsachen seitens der Lästerer und die Böswilligkeit jener Leute zu kennzeichnen, dann aber auch, um die Unwissenheit der anderen zu belehren" (I!). Diese Worte des berühmten Geschichtsschreibers hätte Dr. M. Gübemann getrost als Motto an die Spitze seines soeben erschienenen, von der „Gesellschaft znr Förderung der Wissenschaft des Judentums" herausgegebenen apologetischen Werkes') setzen können. Ein Kampf- und Tendenzbuch ersten Ranges ist das Werk, das den um die Wissenschaft des Judentums so verdienten Oberrabbiner von Wien in die vorderste Reihe jener Männer stellt, die für die Ehre des Judentums in der Wissenschaft eintreten. Hohe Zeit, daß wir uns auf uns selbst besinnen und den Kampf gegen altererbte Vorurteile und „stilisierte Geschichtsschreibung" aufnehmen. Und nicht erlahmen dürfen wir. Es muß heute als vornehmste Aufgabe der jüdischen Gelehrsamkeit gelten, den Schild des Judentums von dem Schmutze zu reinigen, mit dem die christliche Theologie, allen voran die protestantische, ihn von alleil Seiten beworfen hat lind unablässig bewirft. Lange genug haben wir geschwiegen. Der im Jahre 1594 verstorbene Jsak Troki war der letzte Polemiker, der vorlMendelssohn mit Wissen und Geist das Judentum gegen Anwürse und Beschuldigungen erfolgreich verteidigt hat. Die daranssolgenden anderthalb Jahrhunderte sind vielleicht die in jeder Hinsicht traurigsten in der Geschichte unseres Stammes. Kein Zeitalter war so arm an Denkern und bedeutenden Geistern, alle Disziplinen, die sonst von den jüdischen Gelehrten gepflegt wurden, verflachten und versumpften. Holland allein mit seinen spanischen Juden bildete eine kleine Oase in der geistigen Oede. Dagegen blüht gerade um diese Zeit die judenfeindliche Literatur wie noch nie zuvor. Eine Unmenge von gehässigen, unflätigen Büchern erscheint, die den Zweck verfolgen, das Judentum dem allgemeinen Gespött auszusetzen. Die Nachwehen dieser Schandliteratur spüren wir noch heute. Angst und Unwissenheit haben die Jllden jener Zeiten zum Schweigen verurteilt. Erst Mendelssohn trat wieder offenherzig und energisch, wenn auch unfreiwillig, als Verteidiger des Judentums aus. Mit ihm hebt an die Kette jener Schutzschristen für das Judentum, teils von Christen, teils von Juden geschrieben, deren Verdienst es war, die Gleichberechtigung der Juden miterwirkt zu haben. Zum großen Teile sind diese Schriften politischer Natur gewesen; wenn sie auch vielfach falsche Behauptungen über das Judentum, über unsere Religio», entkräften muhten, um zu'zeigen, daß in ihr nichts enthalte» sei, was uns der Freiheit unwürdig machen könnte, werde» sie doch zumeist geleitet und gestützt von ben neuen Ideen über Staat und Bürgertum. Nicht lange konnten wir uns des ungetrübten Besitzes der Gleichberechtigung erfreuen. Die mächtige Entwicklung der Juden iin materielle» Wettbewerb, in Kunst und Literatur, hat alle überrascht. Die bürgerliche Freiheit, die man »ns aus Mitleid gab, in der schwachen Hoffnung, uns zu gute», nützlichen, patriotischen Gliedern des Staates zu machen, hat aus den Juden allerdings sehr gute, nützliche und patriotische Bürger gemacht, aber zugleich den an bequemes Reichwerde» gewohnten christlichen Mitbürgern einen schweren Konkurrenten ') Jüdische Apologetik. Von Dr. Al. Güdemann. (Slogan lii06.