Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · p. Seite 560

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228738--63086-3290287
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

560 konservativen Verfasser überein. Nur unser Weg zur schließlichen Lösung wird ein etwas anderer sein als der seine. Er meint: die Juden sollen erst ihre Fehlersablegen, dann werden sie die Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern erlangen. Wir werden vielleicht umgekehrt sagen: erst sollen die Juden gleichberechtigt sein, dann 'werden sie von selbst auch ihre Fehler verlieren. Doch das sind Gegensätze, über die sich schließlich zwischen vernünftigen Leuten debattieren läßt, die bei etwas gutem Willen hüben wie drüben sicherlich auch nicht unüberbrückbar sind. Dankbar begrüßte ich es daher, als die Schriftleitung der genannten konservativen Zeitschrift mir, dem Juden, zur Darlegung meiner Ansicht über die Judenfrage die Spalten ihres'Blattes öffnete.') Bedeutungsvoller jedoch als die Grundtendenz des erwähnten Aufsatzes dünkt mich ein anderer Punkt in jenen Darlegungen. Er betrifft die Stellungnahme der Juden zur deutschen Politik. Der Verfasser legt den Juden als Hauptfehler ihren politischen Radikalismus zur Last. Er, der königstreue, streng monarchisch gesinnte Konservative, empfindeteinen urwüchsigen, natürlichen Widerwillen gegen die Juden, die fast stets auf seiten der Opposition zu finden sind. Und er ist sicherlich nicht der einzige, der also denkt. In weiten deutschnationalen Kreisen ist zweifellos der Antisemitismus — ausschließlich oder zumindest in erster Reihe — auf diesen politischen Gegensatz zurückzuführen. Das ist ein Gedanke, der nicht das erstemal auftaucht. Vor etlichen Jahren bereits wurde von jüdischer Seite ein Verein ins Leben gerufen, welcher der radikalpolitischen Gesinnung der Juden'steuern wollte und auf diese Weise dem Antisemitismus den Wind aus den Segeln zu nehmen gedachte. Es war ein vergebliches Mühen; schon nach kurzer Zeit nahm jener Vereiir ein unrühmliches Ende; seiner Idee hatte die Werbekraft gefehlt in jüdischen Kreisen. Und doch befand sich der Verein, scheint mir, auf dem richtigen Wege. Auch ich bin der Ansicht, daß die Juden ihre parteipolitische Stellungnahme einer Revision unterziehen müssen, wenn anders sie nicht der antisemitischen Bewegung in die Hände arbeiten wollen. Auch mir scheint der derzeitige Radikalismus der deutschen Inden ein Fehler zu sein, schädlich für unser deutsches Vaterland, schädlich auch für die eigene jüdische Sache. Bevor ich diese Ansicht näher begründe, möchte ich mit einigen Worten auf die Entstehungsursache dieses jüdischen Radikalismus eingehen. Jener konservative Verfasser glaubt, die Oppositionslust der Juden fei ein Ausfluß des allgemeinen jüdischen Charakters. Er meint: der dem Juden innewohnende Hang zur Kritik sei es, der ihn zu allen Zeiten und in allen Ländern auf die Bahn der Opposition führe. Dieser Gedankengang ist jedoch irrig. Ich gebe zu, der Jude besitzt eine unverkennbare Begabung auf dem Gebiete der Kritik. Diese kritische Befähigung tritt aber bei ihm stets zurück hinter einer seiner anderen Charaktereigenschaften, .hinter seinem Pietätsgefühl. Wohl erkennt der Jude die Schwächen und Fehler seiner Eltern, dennoch werden nirgendwo Vater und Mutter in gleicher Treue geehrt wie gerade im Judentum. Wohl erspät das kritische Auge des Juden die Mängel undMückständigkeit vieler überlebter jüdischer Anschauungen und Gebräuche, dennoch hält kein Volk an seinen überlieferten Gewohnheiten mit gleicher Wärme, mit gleicher Zähigkeit fest wie gerade das jüdische. Man braucht nur auf die Formen des >) Vgl. meinen Aufsatz „Zur Judenfrage" in dem Novemberheft der „Konservativen Monatsschrift". heutigen jüdischen Gottesdienstes zu blicken, um zri erkennen, welch konservativer Sinn dem Juden innewohnt. Will/ man also das innerste Weselr, den Grundcharakter des Juden, kennzeichnen, so wird man — im Gegensatz zu jenem Verfasser — sagen müssen: nicht zum Radikalismus, sondern zum Konservatismus neigt der Jude. Die Richtigkeit dieser unserer Anschauung bestätigt uns übrigens die Erfahrung in den außerdeutschen Staaten. Betrachten wir Länder wie England. Frankreich, Spanien, Italien, überall zählt das Gros der Juden zu den konservativen, staatserhaltenden Elementen, überall sind die Juden aktiv, oft sogar in leitender Stellung, an der Regierung ihres Vaterlandes beteiligt. Auf den allgemeinen jüdischen Charakter ist der politische Radikalismus nicht zurückzuführen — was also treibt die deutschen Juden ins Lager der Opposition? Nichts geringeres als die Maßnahmen der eigenen Regierung! Weil dem deutscheil Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung vorenthalten wird, darum — und nur darum — schlägt er sich auf die Seite der politischen Opposition. Die Zurücksetzung der Juden seitens des Staates ist die Ursache, der jüdische Radikalismus ist die Wirkung! Auch hierfür liefert uns das Ausland wiederum den Beweis. In England, dem Lande, das keinen Unterschied kennt zwischen Juden und Christen, ist die jüdische Bevölkerung durchaus gemäßigt und. königstreu. In Rußland dagegen, dem Lande der grimmigsten Judenknechtung, stehen die Juden in den vordersten Reihen der Opposition. Man sieht, Franzos hat nicht so unrecht: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. Die Politische Opposition der deutschen Juden wird sonach einem jeden, der auf seine Entstehungsursache zurückgeht, menschlich völlig verständlich sein. Billigen kann ich sie gleichwohl nicht. Im Gegenteil! Nicht oft genug kann ich es wiederholen: Der Radikalismus der deutschen Juden ist ein Fehler, schädlich für unser deutsches Vaterland, schädlich auch für die eigene jüdische Sache. Ich glaube, man wird mir beipflichten, wenn ich erkläre: verwerflich ist die Handlungsweise eines Agrariers, der aus Aerger über niedrige Kornzölle bei politischen Wahlen einen sozialdemokratischen Stimmzettel abgibt. Der Betreffende ist zu verurteilen, weil er das Wohl des Staates hinter sein persönliches, selbstisches Interesse zurücktreten läßt. Nicht anders aber handeln auch viele deutsche Juden. Weil ihre Persönlichen jüdischen Interessen bei der Regierung, bei den Mehrheitsparteien, nicht . die gewünschte Berücksichtigung finden, darum — und nur darum — flüchten sie in den Schoß der allein seligmachenden Opposition. Ich will hierfür nur ein Beispiel anführen. Wie viele Juden gibt es, die an sich durchaus flottenfreundlich gesinnt sind, die sogar am Wachstum der deutschen Flotte aus beruflichen Gründen ein volles Interesse haben — gleichwohl geben sie bei Wahlen nicht selten ihre Stimme einem flottenfe indli che n Abgeordneten. Und warum? Einzig deswegen, weil sie die flottenfeindliche Partei ihres Wahlkandidaten für die judenfreundlichste halten. So fallen also ihre — an sich flottenfreundlichen — Stimmen in die Wagschale zugunsten der Flottenfeinde. Daß hierin eine schwere Schädigung des Vaterlandes liegt, brauche ich wohl nicht auseinanderzusetzen. Aber auch für die eigene jüdische Sache ist der politische Radikalismus verderblich. Was bezwecken die Juden? Sie streben nach politischer und gesellschaftlicher Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern. Die Erreichung dieses Zieles erschweren sie sich aber durch nichts mehr als gerade durch ihren Anschluß an die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.