Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 30 Jahren die nächste Verteilung vorgenomme» werden können; wann der verbleibende Fonds dann wieder mit Zinsen 1500 «Mark beträgt, mag ein besserer Mathematiker Ihnen schnell ausrechnen. Hierher gehören auch Bestimmungen, derer! Ausführung ein großes Kapital erfordert, während eine zuweilen minimale Summe nur zur Verfügung gestellt wird. Das Wichtigste aber ist, daß der Zweck der Stiftung in klarer, präziser Weise zum Ausdruck kommt und daß er verständig und wirklich nützlich ist. Leider ist beides in sehr vielen Fällen nicht zutreffend. In einer Stiftung soll ein Teil der Zinsen für jugendliche Lungenkranke verwandt werden, die nicht in einer Anstalt sind. Wollte der Stifter für diejenigen Unglücklichen, die nicht das Glück haben, in einer Heilanstalt Aufnahme zu finden, besonders sorgen? Oder war er im Gegenteil ein Feind der Anstaltsbehandlung und wollte zu einer solchen nicht verhelfen? Dürfen aus den Stiftungsmitteln Gelder verwandt werden für Kranke, die z»var zurzeit nicht in einer Anstalt sind, aber das empfangene Geld gerne verwenden möchten, um sich einen Kuraufenthalt in einer Anstalt zu ermöglichen? Darf endlich ein Patient bedacht werden, der zwar zurzeit in Anstaltsbehandlung sich befindet, aber die Unterstützung wünscht, um als Nachkrir sich einen Landaufenthalt wählen zu können? Alle diese Möglichkeiten sind bei der betreffenden Stiftung tatsächlich in Frage gekommen; doch weiter, wer soll, falls wirklich der Sinn der Stiftung klarer gefaßt wäre, die richtige Verwendung so genau kontrollieren? Bei dieser Stiftung ist, wie eben betont wurde, möglicherweise das momentane Urteil des Stifters betreffs einer bestimmten Heilmethode maßgebend gewesen; das aber ist bei einer Stiftung, die, wie in diesen: Falle, aller Voraussicht nach lange Zeit bestehen wird, ein schwerer Fehler! Welche Methode, welche wissenschaftliche Anschauung hat Bestand? Bereits ii: kurzei: Zeitläufen ändern sich oft allein — nicht nur in der Medizin — die Grundanschauungen; was heute gilt, ist morgen bereits als veraltet völlig unhaltbar. Darum hatte auch die Stadt Berlin durchaus Recht, als sie vor einigen Jahren ein großes Vermächtnis zur Einrichtung eines vegetarischen Waisenhauses abwies; sie konnte und durfte nicht die Verantwortung übernehmen dafür, das; nach der mehr oder ininder wirtschaftlichen Ueberzeugung eines einzelnen dauernd Waisenkinder aufgezogen werden sollten. Ebensowenig zweckmäßig ist eine vor kurzen: erst veröffentlichte Stiftung zur Errichtung eines Findelhauses, während doch von allen Kennern jetzt solche Findelhäuser als unzweckmäßig verworfen werden. Aehnliche Stiftungen auf Grund einseitiger Anschauungen oder solcher, die dem Wechsel der Zeiten unterworfen sind, könnten leicht in großer Zahl aufgezählt werdeir. Das ist überhaupt so oft der Fehler, daß der einzelne glaubt, für alle Zeiten seinen Willen erzwingen zu können; stets ist eine solche Ewigkeitsklausel eine Ueberhebung und sollte ernst bekämpft werden. In der Stiftungsurkunde der alten Fürstenfchule bestimmte der Kurfürst Joachim Friedrich 1607, daß er Joachinisthal zu einer Fürstenschule fundiert und „perpetniert habe, daß solches so lange die Welt stehet, dabey bleiben, im geringsten nichts davoi: genommen, sondern alles zu obiger und sonsten zu keiner anderen Nothdurfft angenommen und ausgenutzet werden solle". Nicht 50 Jahre hat diese Ewigkeit gedauert, und mannigfache Translokationen hat das Joachimsthaler Gymnasium bekanntlich durchmachen müssen. Wenn so die höchste Macht im Staate nicht einmal für eine kurze Spanne Zeit Bestimmungen im voraus treffei: kann, um wieviel vorsichtiger sollten andere Stifter sein, bevor sie sich entschließen, ein Haus,, einen Platz oder ähnliches als. dauernd unveräußerlich und stets für den ursprünglich bestimmten Zweck" — womöglich ohne bauliche Veränderungen — erhalten zu wollen. Auf der Zeit in Frankfurt a. M. ist das große Rothschildsche Palais zum Heim für ältere Damen bestimmt; wenn nicht bauliche Veränderungen stiftungsgemäß verboten wären, würde man aus großen Sälen, die zurzeit fast unbenutzbar find, leicht Raum für noch 10 bis 15 Damen schaffen können; die zeitige Lage an der belebtesten, unruhigsteil Straße der ganzen Stadt macht es für seinen jetzigen Zweck wenig geeignet, während man aus dem Erlöse des Hauses, das eben an der teuersten Stelle von Frankfurt liegt, sicher ein herrliches Hein: in geeigneter Lage für eine weit größere Anzahl von Damen leicht errichten könnte. Doch hier sind Gründe der Pietät vorliegend, die man respektieren mag; wo solche aber nicht vorliegen, sollte man nicht versuchen, eine Stiftung an ein bestimmtes Haus, einen begrenzten Ort, für alle Zeit zu binden. Eine Stadtgegend, die sich heute für ein Krankenhaus, eine Bibliothek usw. sehr günstig erweist, ist nach Jahren vielleicht für diesen Zlveck ganz ungeeignet, eine notwendige Erweiterung ist vielleicht an der gegebenen Stelle unmöglich; warum soll man dann für die Dauer durch irgendeine Klausel gehemmt werden? Es konnte dem Stifter doch nur an dem Ziel liegen, das er in: Auge hatte, und das er dauernd sichern wollte, nicht an den Einzelheiteil der Ausführung, um dasselbe zu erreichen! Btt Iudrn und Mr Kolltik. Von Dr. Bernhard Weiß. as vorletzte Heft der „Konservativen Monatsschrift" brachte einen Aussatz „Judentum uud Revolution". Seltsamerweise nahm die jüdische Presse keinerlei Notiz von ihm, wiewohl er in mehr als einer Hinsicht für uns Juden äußerst lehrreich war. Schon seine Grundtendenz heischte Beachtung; war er doch durchaus nicht auf den üblichen giftig-gehässigen antisemitischen Ton gestimmt. Gewiß, sein Verfasser ist kein Jlldenfreund, doch segelt er auch nicht in: Fahrwasser derer um Pückler und Bruhns. Ihm ist die Judenfrage ein tieferes Problem als Herrn Liebermann von Sonnenberg, der des Rätsels ganze Lösung gesunden zu haben glaubt in der Sanktionierung des geschmackvollen Grundsatzes: „Wer einen Juden - totschlägt, beerbt -ihn." Antisemiten pflegen gemeinhin den Standpunkt zu vertreten: Zwischen Judentum und Deutschtum ist kein Kompromiß möglich, die Verschmelzung des einen mit dem anderen bedeutet den Ruin der deutschen Raffe. Anders der Verfasser des Aufsatzes in der „Konservativen Monatsschrift". Er stellt die Forderung auf: Die Juden sollen restlos aufgehen im Deutschtum, sollen lernen, sich letzten Endes als nichts anderes zu fühlen deiln als Deutsche — als Deutsche jüdischen Glaubens. Sein Ziel ist also das gleiche wie das unsere. Und auch die Voraussetzungen, von denen er ausgeht, sind einwandsfreie. Die Juden haben Fehler, erklärt der Verfasser, spezifisch-jüdische Fehler. Wir geben ihin recht. So engherzig sind wir nicht mehr, daß wir uns in falscher Ueberhebung für fehlerlos halten. Offen gestehen wir unsere Schwächen ein. Die Zeiten sind vorbei, da jeder Jude als Ketzer galt, der unrühmliche Eigenschaften seiner Glaubensgenossen zu geißeln wagte. . . In beti Voraussetzungen und in den: Ziel, das heißt in dem Ausgangs- und in dem Endpunkte zur Löftmg der Judenfrage, stimmen wir also tritt jenen: