Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- Seite 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228738--63082-3290283- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
| 1 I i WWDWWWMW8WWWWWWMWMMWWWWWWWWWWWW — 556 - Deutschen Blättern wird jetzt telegraphisch aus Newyork gemeldet, daß sich dort ein amerikanisch-jüdisches Komitee gebildet habe, das sich zur Aufgabe setzt, die bürgerlichen Rechte der Juden zu schützen, zu erhalten und auszudehnen. Es will einen Ueberschußfonds von einer Million Dollars bereit halten, der in Notfällen, wie sie in Kischinew und San Francisco eingetreten, zur Verwendung kommen soll. Dem Komitee-gehören angesehene Männer aus dem ganzen Lande an, so in Newyork Oskar L. Straus, der designierte Chef des Tepartemeiüs für Handel und Arbeit, und der Bankier Jacob H. Schiff. Diese Nachricht haben wir vor ungefähr einem halben Jahre schon mitgeteilt. Damals fand unter dem Vorsitz von Mayer Sulzberger eine große Sitzung statt, in der über die Begründung einer solchen Institution nach europäischem Muster beraten wurde. Die Sache fand zur Zeit aber nur wenig Anklang in der Versammlung selbst, wie in den Gemeinden und in der Presse. Man betrachtete den Antrag auf Einsetzung eines Komitees als eine Art von Begräbnis erster Klasse für die ganze Sache. Ob sich inzwischen der Wind gedreht und eine beffere Stimmung für den Antrag in maßgebenden Kreisen geweckt hat, ist uns nicht bekannt geworden. Aber es wäre jedenfalls zu wünschen, daß eine derartige Institution, die alle Kräfte des amerikanischen Judentums zusammenfaßte, im Hinblick auf die großen Aufgaben, die dessen harren, geschaffen werde. «ML" Lim Milche tzachlchuie in Philadelphia. Von Prof. Dr. Wilhelm Bacher. or fünf Jahren habe ich in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (vom 7. August 1901) die Idee Dr. Isidor Singers voll der Gründung einer „jüdischen Universität" in Amerika besprochen. Diese Idee fängt an konkrete Gestalt zu gewinnen durch die großherzige Stiftung eines Freundes der Wiffenschaft des Judentums und durch den jüngst gefaßten Beschluß seiner Testamentsvollstrecker. In seinem letzten Willen hatte der im vorigen Jahre verstorbene Moses A. Dropsie, ein verdienstvoller Rechtsgelehrter in Philadelphia und tatkräftiger Förderer des dortigen jüdischen Unterrichtswesens (siehe seine Biographie in der lewisb Encyclopedia V, 8), folgendes verfügt: „Da sich in den Vereinigten Staaten das wachsende Bedürfnis einer gründlicheren und systematischeren Erziehung in jüdischem Wissen längst fühlbar macht und allen wahren Israeliten, die die Religion ihrer Vorfahren lieben, Gegenstand der Besorgnis ist, soll eine Anstalt für da§ Studium der Bibel und der gesandten jüdischen Literatur gegründet werden. Es ist mein Wunsch, daß diese Lehranstalt den Studierenden leicht zugänglich sei; da ich glaube, daß der Zweig des Wissens, der in ihr gepflegt werden soll, in allgemeinen gelehrten Anstalten nicht leicht zugänglich ist, und er mir auch für die große Gesamtheit sehr nützlich zu sein scheint, bestimme ich, daß bei der Zulassung von Studierenden kein Unterschied in bezug auf Glaube, Farbe oder Geschlecht gemacht werde." — Zum Zwecke dieser Lehranstalt hat M. A. Dropsie ein Kapital von ungefähr 800000 Dollars (3 200000 Mark) hintcrlassen. Zu den Testamentsvollstreckern gehören Richter Sulzberger, Oscar S. Straus (der neue Handelsminister), Dr. Chrus Adler, Dr. Harry Friedenwald, die besten Namen der amerikanischen Judenheit. Nach mehreren vorausgegangenen Beratungen hat das Komitee der Testamentsvollstrecker in einer am 21. Oktober d. I. in Philadelphia abgehaltenen Sitzung beschlossen, urn die staatliche Bewilligung zur Gründung einer Lehranstalt unter dein Namen „The Jewish University, founded by Moses A. Dropsie" anzusuchen. Mit der Gründung dieser Anstalt soll die letztwillige Verfügung Dropsies ausgeführt werden, und es ist nach der Ansicht des Komitees zu erwarten, daß die neue Anstalt in der Lage sein wird, gemeinsam mit den in Philadelphia und anderwärts bereits bestehenden Anstalten ähnlicher Art, zur Förderung des jüdischen Wissens beizutragen. — So meldet das in Newyork erscheinende Wochenblatt „The American Mehrew" vom 26. Oktober. Mit diesem Beschluß des Dropsie-Komitees ist die Idee einer „jüdischen Universität" in Amerika in das Reich der Tatsachen eingetreten und Amerika Hat sich wieder einmal als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erwiesen. Allerdings muß nun abgewartet werden, nach welchem Plan und mit welchen Lehrkräften die neue Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ins Leben gerufen werden wird. Dem oben angeführten Wortlaute, der letztwilligen Verfügung des Stifters gemäß ist es ausgeschlossen, daß die neue Anstalt zu einer bloßen Rabbinerbildungsanstalt sich entwickeln wird. Es ist etwas ganz Neues, was hier in der Bildungsgeschichte des Judentums ins Leben treten soll. Daß dies auf amerikanischem Boden geschieht und daß den vielen Hochschulen der Vereinigten Staaten, die den Namen ihrer Stifter tragen, nun auch eine solche, die der jüdischen Wissenschaft zu dienen bestimmt ist, sich anreihen soll, ist ein neuer Beweis für die wachsende Bedeutung des amerikanischen Judentums. Budapest, im November 1906. Lnrk aus Weltkalen. Beit bald zwei Jahrzehnten bin ich nun aufmerksamer Leser der „Allgem. Ztg. des Judentums" und habe stets mit besonderem Interesse die Briefe aus den verschiedensten Landes- und Erdteilen und Städten gelesen. Vergeblich aber habe ich bis jetzt nach einem solchen, das herßt periodisch wiederkehrenden, aus der in der Ueberschrist genannten Provinz, deren Bewohner sich doch der ganz besonderen Sympathie eines gewissen — Heinrich Heine erfreuten, ausgeschaut. „Ich habe sie immer so lieb gehabt, Die lieben, guten Westfalen, Ein Volk, so fest, so sicher, so treu, Ganz ohne Gleißen und Prahlen. Sie fechten gut, sie trinken gut, Und wenn sie die Hand dir reichen Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie, Sind sentimentale Eichen." Ich setze voraus, daß weiland Heine nicht so von Klassen- und Rassenkampf befangen war wie sein zeitgenössischer, großsprechender jBiograph Adolf Bartels, daß er also, zu Westfalens Volk seine eigenen Glaubensgenossen zählend, auch diese in sein jüdisches Herz eingeschlossen hat. Woher kommt es nun, daß mein Suchen nach „Briefen" aus der Provinz mit dem der jüdischen Küche entlehnten schmückenden Beiwort vergeblich war? Ich weiß es nicht und will auch jetzt keine weiteren Untersuchungen darüber anstellen: Der Ausruf, den mir jüngst ein neuorthodoxer Glaubensgenosse halb in Scherz, halb in Ernst zurief, kann nicht wörtlich genommen werden: „In Westfalen gibt es überhaupt keine Juden!"