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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · p. Seite 555

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 555 (sequence 3)
Language
German
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555 Mg. Dr. St rauch er: Das war Var Jahrzehnten, und was die deutschliberale Partei damals getan hat, ist mit dem nicht zu vergleichen, was jetzt geschieht. Wenn auf zirka 89 000 Deutsche je ein Mandat entfällt, dann müßten den Juden mindestens 11 bis 12 Mandate zugewiesen werden. Allein sie erhalten nicht nur kein Mandat, sondern sie werden noch beschimpft, und ich erachte mich infolgedessen als der einzige, der sich in diesem Hause zu seinem Volke beke nnt, für verpflichtet, für die Vertretung der Juden im Parlamen t einzutreten. Hätte der Abgeordnete Dr. Grob nicht im Wahlrefvrmausschusse das Gerechtigkeitsgefühl besessen und verlangt, das; zum ersten Wahlkreis Czernowitz der Vorort Sadagora zugeschlagen werde, wodurch die dortigen Juden einigermaßen Aussicht haben, ihrem Kandidaten zum Siege zu verhelfen, daun stünde man heute vor der Tatsache, daß die Bukowina mit 96 000 Juden von insgesamt 736 000 Einwohnern überhaupt keinen jüdischen Vertreter im Reichsrate erhalte. Jeder ohne Unterschied der Parteistellung wird zugeben müssen, daß eine derartige Situation ein schweres Unrecht gegenüber der Judenschaft bedeuten würde, insbesondere wenn man bedenkt, daß die Juden in allen Lagen für das deutsche Volk eingetreten sind und die verpönte Judenpresse den Grundpfeiler der Verteidigung und Wahrnehmung deutscher Interessen bildet. Wenn irgend jemand Ursache hätte, gegen die Judenpresse aufzutreten, so wäre es in erster Linie das Judentum selbst. In Galizien, wo sich über 900 000 Juden befinden, hat man diesem Volke sechs bis sieben Mandate konzediert, oaß heißt: es kommt auf fast je 200 000 Juden ein Abgeordneter. Trotzdem muß au- , erkennend hervorgehoben werden, daß die Polen das einzige Volk sind, welches sich im Wahlreformausschusse für eine Vertretung der Juden eingesetzt hatte. Abg. Dr. Le misch: Die Herren werden schon wissen, warum sie es getan haben! Abg. Dr. Straucher: Weil sie sich vom Gefühl der Gerechtigkeit haben leiten lassen! Abg. Dr. Lemisch: Aus Gerechtigkeit macht man nichts! Abg. Dr. Straucher«' Es würde den Juden in Galizien entsprechend ihrer Bevölkerungsziffer eine größere Anzahl von Mandaten gebühren, und es ist zu erwarten, daß der Polenklub dies bei den Wahlen auch einsehen werde. Man kann den Juden nicht vorwerfen, daß sie kultur- oder bildungsfeindlich wären, daß sie sich nicht freien Berufen zuwenden oder doch nur träge die Hände in den Schoß legen. Sie sind ein eifriges, arbeitsames Volk und haben sich auf jedem Gebiete menschlicher Kultur hervorragend betätigt. Abg. Sturm: Wir brauchen aber Ihre Kultur nicht! Abg. Dr. Straucher: Die Juden haben auch dem deutschen Volke selbstlose Dienste geleistet. Abg. Brzeznovsky: Das spüren wir besonders in Böhmen! Abg. Sturm: Wo es ihnen etwas eingetragen hat. Abg. Dr. Straucher (zum Abg. Sturm): Sie sind vielleicht selbstlos? Schauen Sie nur die Pfründen an, die Sie für sich einheimsen. Die Judenschast ist darauf angewiesen, hier von mir verteidigt zu werden, weil ich der einzige bin, der sich ihrer Interessen annimmt. Man kann streiten über das Maß der Rechte, das man einem Volke zuerkennen will, aber daß man ein Volk vollständig unvertreten lassen will, ist eine schwere Ungerechtigkeit. Die vielfachen Angriffe in der Presse, die Beschimpfungen und Verleumdungen hier im Hauie, die zweifellosen Zurücksetzungen lassen es als absolut notwendig erscheinen, daß dieses arme, zerdrückte, zertretene, beschimpfte und bei jeder Gelegenheit an den Pranger gestellte jüdische Volk eine Vertretung im Parlament finde. Abg. Sturm: Die Sache ist nicht so arg. Abg. Dr. Straucher: Auch die Fragen, welche im neuen Hause in betreff der konfessionellen Gesetzgebung zweifellos austauchen werden, erheischen es, daß die Juden eine Vertretung in der Gesetzgebung erhalten. Die Polen in Rußland machen wieder einmal den Juden Avancen. Das ist gefährlich. Timeo Danaos et dona ferentes. j In der Konferenz der polnischen Experten mit der Regierung über die Selbstverwaltung wurde in dem Programm der ersteren bei Erörterung der Wahlrechtsfrage die Forderung aufgestellt, daß für die Juden keine Beschränkungen bestehen sollen. In Russisch-Polen macht jetzt sogar die Schuljugend in allerdings stark grotesker Form der Geistlichkeit die allerschärfste Opposition. Das erfährt aber in erster Linie der Warschauer Erzbischof Bincenz Chosciak-Popiel. Der Erzbischof hatte die Absicht kundgetan, den Mittelschulen in Russisch-Polen Jnspektionsbesuche abzustatten. Daraufhin veröffentlichen die Zöglinge der Privatmittelschulen ein offenes Schreiben an den Kirchenfürsten, das leider auch von vielen jüdischen Knaben unterschrieben wurde, und in dem es unter andern: heißt: „Wir können und werden es auch Eurer Exzellenz nicht vergessen, daß Sie wider besseres Wissen jene päpstliche Enzyklika erwirkt und verbreitet haben, die von der ganzen Welt das polnische Volk verleumderisch der Judenmorde beschuldigt hat. Wenn daher Eure Exzellenz am Schluffe dieses Schreibens zahlreiche jüdische Unterschriften sehen werden, so mögen Sie wissen, daß sich die Unterschriften hier befinden, um von der schönen Eintracht Zeugnis zu geben, die uns alle, ohne Rücksicht aus den Glaubensunterschied, auf den Schulbänken verbindet." Das klingt wohl schön, ist aber doch im Grunde genommen sehr lächerlich von den kleinen Herrschaften, wenn man an die Vorgänge in Siedlce denkt, denn nur in der Furcht vor einem Pogrom in Polen hat der Erzbischof von Warschau jenes päpstliche Schreiben veröffentlicht. Es trifft sich seltsam genug, daß gerade in demselben Moment die traurige Bilauz des ersten polnischen Pogroms gezogen werden muß. * Vom Hilfsverein der deutschen Inden wird uns nämlich geschrieben: Erst in diesen Tagen ist es möglich gewesen, den vollen Umfang des Schadens festzustellen, der durch den letzten Pogrom in Siedlce verursacht worden ist. Ein Vertreter der vereinigten jüdischen Organisationen hat an Ort und Stelle eingehende Erhebungen angestellt. Die Zahl der Getöteten, deren Leichen aufgesunden worden sind, beläuft sich auf 32, von den sehr zahlreichen Verwundeten sind 20 dauernd erwerbsunfähig, 21 Frauen sind Witwen geworden und 64 Kinder verwaist. Durch Plünderung oder gewaltsame Zerstörung geschädigt wurden die Familien von 440 Handwerkern, 416 Kleinhändlern, 330 Arbeitern, 140 freien Berufen Angehörigen, 186 Leuten ohne bestimmten Beruf und 28 größeren Kaufleuten, insgesamt 1530 Familien mit 7306 Köpfen. Der Schaden, den diese erlitten haben, beträgt 344 584 Rubel. Unberechenbar sind die Schädigungen, die die Nachwirkungen des Pogroms noch Jahre hinaus für die jüdische Bevölkerung von Siedlce haben werden. Die ohnehin arme Stadt ist jetzt völlig verarmt; sie bietet noch jetzt, zwei Monate nach den blutigen Ereignissen, ein trauriges Bild der Verheerung. Die Stadt liegt wie ausgestorben da, die drei Straßen, in denen der Pogrom am heftigsten wütete, sehen aus wie nach einer Beschießumg im Kriege. Die Häuser sind noch heute ohne Dächer, die Mauern von Kanonenkugeln durchlöchert. Auch das Hrlfswerk für Siedlce wurde von den vereinigten Organisationen in die Wege geleitet. Durch Sammlungen in Rußland selbst sind 50 000 Rubel aufgebracht worden. Aus der gemeinsamen Kasse in Londen sinp^einstweilen 60 000 Rubel überwiesen. Es bleibt also noch immer ein erheblicher Schaden zu bessern, und größere Geldsummen sind noch nötig, um auch nur einigermaßen den Geschädigten die Fortsetzung ihrer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Eine Hauptsorge der Hilfsorganisationen bildet sodann die dauernde Versorgung der Witwen, Waisen und Krüppel. Für die Aermsten unter den Waisen, die nahe Verwandte, welche sich ihrer annehmen können, nicht haben, werden, wie bei früheren gleich traurigen Anlässen, Pflegestellen im Auslände ausfindig gemacht werden müssen. *

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