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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-23 · Heft 47 (23.11.1906) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
Seite 554 (sequence 2)
Language
German
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-- 55,4 Aushebung des betreffenden Paragraphen verlangt. Der Kampf wurde auch von jüdischer Seite geführt, ohne' Erbitterung, aber mit Entschiedenheit. Es handelte sich dabei zunächst um das Schächten, um das Kolnidre-Gebet, um die Lüge vom „Ritualmord" und dergleichen mehr. Immer vergeblich! Nun wird ihr urplötzlich, der jüdischen Religion, Recht gesprochen aus jenem selben Paragraphen, zum erstenmal! Ist es ■ ein Zufall nur, ist es ein neuer Kurs, will man das Gesetz jetzt anders, 'weiter, günstiger auslegen, mit dem Privileg einer Religion brechen? Nun, wir leben in Preußen; morgen schon kann ein anderer Gerichtshof ein entgegengesetztes Urteil fällen; die zweite Instanz vielleicht wird schon anders entscheiden. Darum, wenn man auch der aufrichtigen Freude über den Hamburger Richterspruch unumwunden Ausdruck verleihen darf, soll uns das eine Urteil doch nicht die Waffen aus der Hand winden. Wir wollen weiter verharren im Kampfe gegen den 8 166, der immer, auch beim besten Willen aller preußischen Richter, die eine Religion bevorzugen muß. Und wir wollen dann eben lieber alle gleich schlecht stehen, als daß es nach unserm Strafgesetzbuch Religionen verschiedener Grade und Klassen gibt. Vielleicht, sicherlich sogar unbeabsichtigt, sind diese Rangunterschiede doch nun einmal geschaffen; lange genug leiden die liberalen Kreise schon darunter; zur Besserung ist es trotzdem noch nicht zu spät. Und es sei ausdrücklich gesagt, daß das eine Urteil unser Urteil nicht beeinflußt hat; wir werden weiter danach streben, Ungleichheiten im Gesetze zu beseitigen. Nun die andere, lehrreiche Seite des Hamburger Prozesses, der eigentlich nur eine alte Lehre bestätigte: den Satz von der Unkenntnis und Unfähigkeit der antisemitischen Führer. Die Gerichtsverhandlung liest sich wie eine blutige Satire auf die sogenannten „Leuchten", die nichts gelesen haben, nichts wiffen, nichts verstehen, kaum sogar die Intelligenz richtigen Erfaffens besitzen. Ihr ganzer Reichtum ist ihr Lied, das sie nach einer alten Melodie singen, ohne daß sie die einzelnen Noten kennen, und das sie deshalb immer wieder wiederholen müssen, monoton und veraltet. Nichts haben sie zur Auffrischung hinzugefügt: die neue Zeit hat sie nichts gelehrt. Die verbrauchten Schlagworte sind ihre Waffe geblieben, wüste, alberne Beschimpfung der ganze Angriff. Sie merken nicht einmal, daß ihre Wehrschön stumpf ist, daß wir uns gegen ihre Angriffe nicht mehr selbst zu verteidigen brauchen, daß wir längst schon von ganz anderer Seite geschützt werden, oder daß urplötzlich eine Erkenntnis sich durchringt, ans die wir überhaupt schon gär nicht mehr rechneten. Der Prozeß in Hamburg hat es uns gelehrt. Doch sind wir „viel zu klug und zu bescheiden", Triumphgesänge anzustimmen, denn uns ist nur geworden, was unseres Rechtens ist. Daß wir trotz dieses Sieges bei unserer alten Meinung über den 8 166 bleiben, mag den Beweis erbringen, daß wir längst schon es verlernt haben und müde geworden sind, alle Beschimpfungen der Antisemiten geahndet zu wünschen. Leicht wäre es, auf den Präzedenzfall fußend, mehr Verurteilungen herbeizuführen — es kann aber nicht in unserem Interesse liegen, junge, unerfahrene Männer, die sich von den alten Füchsen ins Feuer schicken lassen, ins Gefängnis zu bringen — mögen sie schreien und schimpfen und sich einen Eintagsruhm verschaffen. Sie werden vergehen und vergessen werden — dem Judentum können sie nichts anhaben. Dir Woche. Berlin, 20. November. 3/ m Reichstag hat die große Debatte über die internationale Lage alles andere in dieser Woche in den Hintergrund gedrängt. In dieser Debatte aber waren für uns nur wenige Momente von spezifischem Interesse. Das wichtigste war jedenfalls — im Hinblick auf verschiedene, noch nicht aus der Erinnerung geschwundene Vorkommnisse — die Erklärung des Reichskanzlers in seiner großen Rede. Er versuchte gegen das „Berliner Tageblatt" zu polemisieren, das, anknüpfend an einen Einzelfall aus der Zeit Bismarcks, zutreffend geschrieben hatte: „Heute würde man wahrscheinlich erst fragen, was ist der Mann, und welcher Konfession gehört er an (Lachen rechts), welcher Partei zählt er sich zu? Und wenn die Auskunft verdächtig erscheint, dann läßt rnan ihn in der Patsche sitzen." (Sehr richtig!) Fürst Bülow erklärte nunmehr feierlich: „Der Schutz des Reiches wird auch heute allen Deutschen ohne Unterschied des Standes, der Konfession und der Partei zuteil." Nun, wir wollen uns diese Erklärung merken. Ziemlich bedeutungslos war dagegen, was von andern vorgebracht wurde. Auch der Abgeordnete Gothein begnügte sich mit einigen billigen Witzen. So sagte er u. a.: „Sympathien für Deutschlands innerpolitische Entwicklung können eigentlich nur noch das klerikale Belgien — das unwichtige, und auch das noch wie langes — und die Veranstalter der Pogrome in Rußland haben." (Heiterkeit und Sehr gut! links.) Wir hätten gewünscht, daß der Redner auf den letzten Punkt etwas näher eingegangen wäre, anstatt solche Uebertreibungen vorzubringen. Komisch waren die-Reden der beiden Antisemiten, die zum erstenmal im Leben eine Rede gehalten haben, ohne gegen die Juden aufzutreten — falls der Zeitungsbericht zuverlässig ist. Nur der eine polemisierte gegen die „gesinnungslose Geschäfts- Presse, die international beeinflußt sei". Das ist in der Tat der Gipfel aller Komik: Ein Antisemit, der gegen die gesinnungslose Geschäftspresse eifert. Am Ende hat der Mann vielleicht gar seine feindlichen Brüder gemeint! * In: österreichischen Reichsrat wird jetzt die Wahlreform eifrig debattiert. Es liegt nahe, daß dabei auch die Juden der einzelnen Kronländer eine Rolle spielen. In der Sitzung vom 13. d. M. kamen auch ihre Interessen zur Sprache, und wieder war es der unermüdliche Abgeordnete Dr. Straucher aus Czernowitz, der sich ihrer mit großer Wärme angenommen hat. Wir geben im folgenden ein Bild der Verhandlungen: Abg. Dr. Straucher: In Oesterreich existieren Millionen Juden, und die Regierung hat teilweise Den berechtigten Anspruch dieses Volkes auf eine entsprechende Vertretung anerkannt, indem in Galizien Wahlbezirke mit jüdischer Majorität geschaffen wurden. Es ist nicht richtig, zu sagen, die Juden seien lediglich eine Konfession; sie assimilieren sich wohl hier und dort, allein dort, wo sie zu Hunderttausenden wohnen, müssen sie gewiß eine selbständige Vertretung erhalten. Die neun Millionen Deutschen in Oesterreich erhalten 263 Abgeordnete. Abg. Dr. Götz: Da sind aber viele Juden dabei! Abg. Straucher: Gewiß, 450 000 Juden, die sich nach ihrer Umgangssprache zur deutschen Nation bekennen. Abg. Dr. Götz: Die Juden können ja auch gewählt werden! Abg. Dr. Straucher: Sie können, aber sie werden nicht! Zeigen Sie mir, ausgenommen den Abg. Dr. Ofner, einen einzigen jüdischen Abgeordneten aus Westösterreich. Abg. Dr. Götz: Mein Vorgänger war der Abg. Auspitz.

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