Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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70. Jahrgang. No. 46. Der Oemeindrbllte. Be"n 16 November tm Veilssr zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums". korrrlprmdrn?m und Machrichtrn. Deutschland. 8. Berlin, 12. November. Die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde und dem Verbände der Deutschen Juden zur Vorbereitung eines Gesetzes über die Organisation der jüdischen Gemeinden Preußens eingesetzte gemischte Kommission hat sich entschließen müssen, von dem Entwürfe des Geheimrats Nosin, trotz einer großen technischen Vorzüge und bewundernswerten Formulierung, abzusehen, weil er den Ueberlieferungen und Ansichten der preußischen Judenheit zuwiderläuft. Die Kommission legt nun ihren Be. ratungen einen anderweiten Entwurf zugrunde, der auf den bestehenden gesetzlichen Einrichtungen beruht und nur in eigentlich administrativer und Wohltätigkeitshinsicht eine Vereinigung in Aussicht nimmt. 8. Berlin, 11. November. In der heutigen Repräsentantenvßrsammlung wurde die wiederum stattliche Reihe von Vorlagen mit mehreren Zuwendungen zu Grabeserhaltungszwecken eröffnet, welche debattelos angenommen wurden. Die Zuwendung des im vorigen Jahre verstorbenen Justizrats Dr. Heinrich Meyer Cohn, die im Betrage von 20000 Mark zur Errichtung einer Gemeindebibliothek mit Archiv und Lesezimmer bestimmt war, wird im Einverständnis mit der Witwe des Erblassers für die Zwecke der inzwischen gegründeten .Gemeindebibliothek verwendet werden. Der Referent Benas Levy widmet bei dieser Gelegenheit dem Verstorbenen einige ehrende Worte des Nachrufs, hebt dessen warmes Herz und klaren Blick für die sozialen Bedürfnisse seiner Glaubensgenossen hervor und gibt dem Wunsche Ausdruck, daß sich in Zukunft noch mehr Wohltäter für die Gemeindebibliothek finden mögen. Mit der Ueberweisung der Jutrosinski-Stistung an die Verwaltung des Reichenheimschen Waisenhauses erklärt sich die Versammlung einverstanden. Das Stiftungskapital beträgt jetzt 33261 Mark. Zweck der Stiftung ist die Unterstützung früherer Zöglinge des Waisenhauses durch Gewährung zinsfreier Darlehen nach Maßgabe der Satzungen. — Die Herstellung von Sonderabdrücken der im Jahrbuch des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur enthaltenen Parallelen „Christentum und Judentum" hat endlich auch das Tageslicht erblickt. Der Gemeindevorstand wird nunmehr ersucht, die zur Herstellung der Abdrücke erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. In der anschließenden Debatte werden von mehreren Rednern Bedenken dagegen erhoben; auch im vorberatenden Ausschuß hatte sich keine Stimme für die Versendung vom Gemeindevorstand aus erhoben. Während Rechtsanwalt Dr. Cohn dem Literaturverein die Versendung übertragen zu wissen wünscht, hält Prof. Blaschke den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens für geeignet und eine Verteilung des Schriftchens in den Versammlungen dieses Vereins für wirkungsvoller als eine Postversendung. Betreffs der Verbreitung der Abdrücke unter der Jugend mMe erwogen werden, ob es angemessen sei, in jedem Falle die erforderliche Genehmigung des Schuldirektors einzuholen. Syndikus Justizrat Lilienthal bittet, bezüglich der Ausführung der Verbreitung noch alles offen zu lassen. Herr Benas Levy erinnert daran, daß der Vorlage zur Zeit, als sie vom Antragsteller Geheimrat Senator überreicht wurde, nur unter der Bedingung zugestimmt worden sei, daß der Gemeindevorstand selbst die Versendung übernehmen solle. Als berechtigte Instanz für die Verbreitung könne alsdann nur der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Betracht kommen, der in 7000 Exemplaren seines Jahrbuchs sich die Veröffentlichung der Parallelen bereits hätte angelegen sein lassen. Die Vorlage wurde gemäß dem Ausschußantrage einstimmig angenommen. — Der vom Justizrat Veit Simon überreichte Antrag, den Vorstand zu ersuchen, über die Herstellung einer für größere Beerdigungen geeigneten Predigthalle auf dem Friedhof Weißensee die erforderlichen Pläne ausarbeiten zu lassen, veranlaßt eine längere Debatte. Der Gemeindevorstand plant nach Vergrößerung des Friedhofs die Anlage einer zweiten Predigthalle und deshalb hat der Ausschuß die Vertagung der Vorlage auf sechs Monate beschlossen. Kommissar Netter bestreitet das Vorkommen von Unzuträglichkeiten infolge der Raumbeschränkung der Halle, die, falls den Anordnungen der Beamten Folge geleistet werde, 400 Personen fasse. Nach einer jetzt aufgenommenen Statistik hat unter 1700 Beerdigungen die Anzahl der Erschienenen bei nur 15 Beerdigungen, also kaum bei 1 Prozent der Fälle, nicht untergebracht werden können. Es soll wegen der weiten Wegstrecke zu den Gräbern eine zweite Kapelle errichtet werden; diese wird aber, wie jetzt schon gesagt werden kann, aus keinen Fall größer werden. In bezug auf Größenverhültnisse kommt keine Kapelle in Berlin der Halle in Weißensee gleich, die durch Hinzunahme des Vorhallenraumes sehr gut erweitert werden kann. Justizrat Veit Simon und Herr B öden st ein beklagen demgegenüber die Unzulänglichkeit der Halle, welche dringend der Abhilfe bedürfe, während Herr Loewenthal die sofortige Ablehnung des Ausschußantrages beantragt, da an dieser Kapelle doch nichts mehr zu ändern sei. Die Mehrheit der Versammlung stimmt jedoch dem Ausschußantrage zu und vertagt die Angelegenheit auf sechs Monate. Ein fernerer Antrag von Mitgliedern der Versammlung wünscht Abstellung der an den. hohen Festtagen in der Synagoge Lindenstraße zutage getretenen Mängeh; es handelt sich um die ungünstigen Garderobenverhältnisse und um den in einem Teil der Synagoge bestehenden Zug. Kommissar Netter erklärt hierzu, daß bis jetzt noch kein, geeigneter Vorschlag zur Abstellung dieser Mängel gemacht worden sei. Die vorgeschlagene Verlegung der Wochentagsfynagoge werde kaum eine Besserung herbeiführen, und auch zur Aenderung der Lüftungsverhältnisfe sei von hervorragenden Technikern kein Mittel gefunden worden. Die Frage betreffs der Garderobenräume sei für alle Synagogen in Fluß, die durch Rundschreiben ausgefordert seien, über ihre Garderobenverhältnisse Aufklärung zu geben. Nach längerer Debatte gelangt ein Antrag Dr. Cohn zur Annahme, über diese Vorlage zur Tagesordnung überzugehen in Erwägung, daß diese Angelegenheit dem Gemeindevorstand bereits zur Beschlußfassung vorliegt. Nach einigen Bewilligungen <10 695 Mark zur Anlage einer Zufahrtsstraße zu den Treibhäusern aus dem Friedhofe in Weißensee, 3046,33 Mark für Reparaturen an Gemeindegrundstücken, 1664.55 Mark für die Kosten der Zweihundertjahrfeier des Jüdischen Krankenhauses) folgen Rechnungsabschlüsse pro 1905/06, welche sämtlich dechargiert wurden, so der Rechnungsabschluß der Armenkommission und des Fonds für verschämte Arme, der Fürsorgekommission, des II. Waisenhauses in Pankow (Minderverbrauch 207,43 Mark), der Zentralstelle für die Wohltätigkeitsanstalten (Minderverbrauch 58,45 Mart), der Friedhosskommission (Ueberschuß 61817,26 Mark), der Durchreisenden-Kommission (Mehrverbrauch 365,88 Mark), des zweiten Verwaltungsgebäudes und des Quellbades (Minderverbrauch 3325,85 . Mark), der Synagoge Lützowstraße (Minderverbrauch 3580,13 Mark) und der Bibliothek-Kommission (Mehrverbrauch 1204.32 Mark). Die Bibliothek wurde während des Berichtsjahres einschließlich des Lesesaales von 645 Personen 5217 mal benutzt, im Vorjahre von 587 Personen 4768 mal. Es ist demnach eine Steigerung der Frequenz um etwa 10f7..< zu konstatieren. — An Stelle des Herrn Sieskin d werden Herr Emil Pincus in die Durchreisenden-Kommission und Herr Weinberg in die Koscherfleisch-Kommission abgeordnet; in die gemischte Deputation zur Beratung der Petition auf Errichtung einer Orgel in der Synagoge Rykestraße wird Herr Bo den stein entsandt. Zum Schluß der öffentlichen Sitzung wird dem Gemeindevorstano zur bestmöglichen Verwertung des alten Inventars der Knabenschule, deren Neubau am 26. November eingeweiht wird, die Ermächtigung erteilt. — Aus der Tagesordnung der geheimen Sitzung steht der Bericht des Ausschusses zur Vorberatung der Wahl eines Aeltesten-