Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228737--63070-3290270- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MW» m WWW WWWWMMMM?» heirateten, da in der Stadt jährlich nur zwölf Paare den HeiratskonsenS erhielten. Die durch den Fortzug der Töchter im Haushalte entstehenden Lücken wurden durch fremde Mägde ansgefüllt. Auf jede Familie kamen 2,8 lebende, ortsanwesende Kinder. . Groß war die Zahl der „Studenten", das heißt der Talmudbeflissenen und ihrer Lehrer, 53 von den ersteren, 24 von den letzteren. Freilich waren solche Bezeichnungen, wie die als Dienstboten, oft nur vorgeschützt, um die sonst schwer zu erlangende Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Die rasche Zunahme der jüdischen Bevölkerung im Laufe des sechzehnten Jahrhunderts in einer Stadt, die damals nicht mehr als 18—19 000 chrlstliche Einwohner zählte, und ihre Zulassung zu fast allen Handelszweigen erregte unter den christlichen Frankfurtern große Unzufriedenheit, da diese sich von dem jüdischen Wettbewerb schwer geschädigt glaubten- Letzterer wurde als um so drückender empfunden, als es damals mit, der wirtschaftlichen Entwicklung Frankfurts unaufhaltsam zurück ging. Beide Umstände zusammengenommen — die üble ökonomische Lage der Frankfurter und ihr Unwille wegen der Konkurrenz der Juden im Gewerbe und Handel — haben dann den berüchtigten Fettmilch'schen Ausstand'der Jahre 1612—1614 herbeigeführt?) pus trüber Leit. Eine historische Erzählung. XII. -^ür die Aussichten des Grafen von Ramira genügte Diegos \3 Verschwinden nicht, sein Tod mußte ohne allen Zweifel sestgestellt sein. Der Graf hatte dem Capatoz diese neue Bedingung gestellt und ihm im Weigerungsfälle wiederum mit der Anzeige beim Hermana mahor gedroht. Dieser war bereitwilligst darauf eingegangcn, denn der Wunsch des Grafen gab ihm eine noch bessere Handhabe, auch den geringsten Verdacht zu zerstreuen. Unterdessen war Diego unter dein Schutze der drei Diebesgesellen geblieben. Diese Männer behandelten ihn mit außerordentlicher Aufmerksamkeit, sogar mit einer Art von Unterwürfigkeit, ohne ihn aber einen Augenblick aus den Augen zu verlieren. Sie lösten sich von Zeit zu Zeit in ihrem Dienst ab und hielten sich:,streng an die Vorschriften, die sie erhalten hatten. Uebrigens sah Diego ein, daß er von seinen Wächtern im Falle eines Fluchtversuchs das Aeußerste zu befürchten habe. Er war einmal in Gedanken, ohne an Flucht zu denken, auf und ab gegangen und hatte dabei zufälliger Weise einige Schritte weiter vorwärts gemacht, als ihm verstattet war. Da hörte er hinter sich ein knackendes Geräusch, und als er den Kopf umwandte, sah er, wie ein Floreador eben sein Gewehr auf ihn abdrücken wollte. Alles um ihn her war tiefes Geheimnis. Er wußte nicht mehr, worin sein Untergang, worin seine Rettung lag. Er hatte darüber noch viel weniger von seiner Umgebung Aufklärung zu erhalten versucht; ihr Anführer hatte ihm anh Nach Friedr. Bothe, Beitrüge zur Wirtschasts- und Sozialgeschichte der Reichsstadt Frankfurt; Leipzig, Dnncker & Humblot, 1906. empfohlen, ihnen unter keiner Bedingung zu sagen; wer er wäre, und seine Fragen konnten feinen Namen verraten; übrigens hätten ihm diese Leute auch nichts sagen können. Sie waren, wie wir gesagt haben, in Saragossa vollständig fremd und kannten die Ursachen der Expedition nicht. Nichtsdestoweniger konnte Diego nicht länger der Ungewißheit, in der er sich über die Lage seiner teuren Juanita befand, tviderstehen, und er entschloß sich, alle nur möglichen Anstrengungen zrl machen, u>n wenigstens einige Nachrichten zu erhalten. Die Sache war nicht leicht, besonders da er es nicht wagen durste, einzugestehen, das; Juanita seine Tochter fei. Er fand jedoch ein Mittel, durch welches ihm alles gelang. Er plauderte oft mit seinen Wächtern über gleichgültige Dinge; eines Tages sagte er, wie zufällig, mitten in der Unterhaltung, daß er alles, was er bei sich habe, darum geben würde, wenn er Nachrichten aus Saragossa bekominen könnte. Die Flvreadors hatten die wohlgespickte Börse des Gefangenen gesehen, die sie ihm auf Befehl des Hauptmanns hatten lassen müssen, als man ihn gezwungen hatte, seine Kleidung zu wechseln. Bei den ersten Worten Diegos spitzten alle drei die Ohren. „Ohne zu zählen," setzte er hocherfreut über den glänzenden Erfolg seiner leisen Andeutung hinzu, „und ich würde sogar noch viel mehr geben, wenn ich eines Tages meine Freiheit wieder habe, und das kann ja auch nicht mehr lange dauern." „Wir wären schon ganz zufrieden, wenn wir jeder nur ein Paar Piaster verdienen könnten," sagte einer der drei Gesellen, „denn das Geschäft ist schwer und bringt wenig ein, aber die gemessenen Befehle des Hauptmanns „Ich schwöre Euch bei allen Heiligen, daß ich keinen Fluchtversuch machen werde. Uebrigens können ja zwei von Euch hier bleiben, und der dritte geht allein nach Saragossa!" „Nach Saragossa gehen!" erwiderte der andere Spitzbube, „das ist unmöglich. Der Capatoz verläßt niemals die Stadt, und wenn er den einen von uns sehen möchte, ja wenn er nur hörte, daß er den Dienst vernachlässigt habe, so ließe er ihm einfach den Kopf abhauen, und kein Hahn krähte dann danach. Nein, nach Saragossa gehen ist unmöglich." „Aber," sagte der dritte Floreador, der doch nicht gern auf die angebotene Belohnung verzichten mochte, „muß man denn durchaus in die Stadt hineingehen? Kann man nicht auch in der Nähe, in den umliegenden Dörfern, die nötigen Erkundigungen einziehen?" „Das ist wahr," begann der erste wieder, „sagt uns, worüber wir uns erkundigen sollen, in allen Herbergen an den Landstraßen sprechen die Leute, die aus Saragossa kommen, nur von den Ereignissen in der Stadt, und so wird man mit leichter Mühe alles Mögliche erkunden können." Die Räuber waren sozusagen Diegos Wünschen entgegengekommen. Es wurde also abgemacht, daß für die versprochenen Belohnungen einer der drei Floreadores sich in die Umgebung von Saragossa begeben und möglichst genaue Erkundigungen über die Personen einziehen sollte, die ihm Diego bezeichnen würde. Dieser konnte sich nicht darauf beschränken, die Seinen zu nennen; dann hätte er sich verraten. Er nannte deshalb acht Namen, und unter sünf gleichgültigen brachte er dann noch den seiner lieben Juanita, Fernandos und endlich seinen eigenen an, um dadurch seine Wächter irre zu führen.