Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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-— 550 - von Dokumenten, die man fast eine Selbstbiographie nennen könnte, eine Sammlung, die wenige Jahre nach deS Dichters Tode erschien, mit einer Einleitung von Friedrich Spielhagen, ■ erlangte eine so geringe Verbreitung, daß sie von dem Verleger ein paar Jahre nach dem Erscheinen, nachdem er ungefähr auf seine Kosten gekonimen war, als Makulatur verkauft wurde. In den 25 Jahren ist keine Biographie Auerbachs erschienen; man weiß freilich, daß Anton Bettelheim seit langer Zeit mit einer solchen beschäftigt ist, aber er hält mit ihrer Ausgabe zurück. Man darf von der Gründlichkeit des Biographen, von seinem feinen Geschmack'und seiner tiefen Sympathie für den Dichter das Beste erwarten. Aber wird er, so gewichtig auch sein Wort ist, wirklich vermögen, das ersterbende oder gar erstorbene Interesse für Auerbach wieder aufzufrischen oder wieder zu beleben? Was nun auch die Zukunft bringt, eine jüdische Zeitschrift hat die Pflicht, von Zeit zu Zeit an Auerbach zu erinnern. Gewiß nicht, weil wir ihn den Deutschen rauben und für uns reklamieren wollen, sondern weil er, obgleich voll und ganz im Deutschtum wurzelnd, und nur gelegentlich, nicht immer mit Glück — denn sein Spinoza und sein Dichter und Kaufinann sind gewiß nicht seine Meisterwerke — auf jüdischem Boden sich bewegend, überall wo es galt, den Juden herauskehrte und für die Juden eintrat, wie er sich als Jude bekannte. Ich fürchte nicht den Vorwurf, daß diese Einleitung zu lang sei für den Brief, der nun folgen soll. Denn dieser Brief, den ich gelegentlich einer Ferienreise im Rhätischen Museum zu Chur fand und die Erlaubnis erlangte, ihn zu veröffentlichen, ist ein wichtiges Dokument gerade deshalb, weil er die Zugehörigkeit Auerbachs zum Judentum deutlich bezeugt und der Ansicht Worte leiht, daß er in erster Linie für und zu Inden spreche. Der Brief ist im Original erhalten, da er ohne Kuvert, also auch ohne Adresse. Er muß aber an den Herausgeber eines jüdischen Kalenders gerichtet sem, und zwar eines solchen, der größere Artikel neben novellistischen Beiträgen brachte. Als solche Herausgeber (vergl. Kayserlings Artikel in Winter und Wünsche, Jüdische Literatur UI, 878 ff.) kommen Joseph Wertheimer und H. Liebermann in Betracht, von denen der erste seit 1864, der letzte seit 1852 solche Jahrbücher Herausgaben. Am nächsten liegt es freilich, an Philipp Wertheim, den später so hochverdienten Sekretär der jüdischen Gemeinde in Berlin, zu denken, der 1858 begann, ein solches Jahrbuch herauszugeben, das, wenn auch nur zwei Jahre bestehend, durch die von ihm veröffentlichten Bernstein'schen Geschichten aus dem jüdischen Leben sich ein großes Verdienst erworben hat. Vielleicht war Wertheim gerade durch Bernstein ernmtigt worden, sich an Auerbach zu wenden. Was eigentlich Auerbach dem Adreffaten in Aussicht stellt, wird nicht recht klar. Soll „der Inhalt meines Familienkalenders (Auerbach edierte, wie man weiß, bei Keil in Leipzig einen solchen Familienkalender, der eine Reihe von Jahren erschien und durch viele wertvolle literarische Beiträge, besonders aber durch die Menzel'schen Illustrationen noch heute einen ziemlich großen buchhändlerischen Wert besitzt), der auf den Inhalt des jüdischen übertragen werden könnte", sich auf Auerbach'sche Erzählungen beziehen, oder soll etwa gemeint sein, daß die dem Herausgeber dieses Jahrbuchs eingesandten, aber nicht paffend erscheinenden Beiträge jenem zugewiesen werden sollen. Bleibt auch diese Stelle unklar, so ist der Brief doch ein interessantes Dokument und wird hoffentlich auch manchem Leser willkommen sein. Er lautet: ~ - 7 Dresden, 20. Februar 1858. Hochgeehrter Herr! 1 ■ Sie haben mit Recht vermutet, daß es mir eine besondere Freude und Genugtuung fein würde, gerade auf die Lebenskreise zurückzuwirken, von wo vielfach meine Lebensanschauung ausging. Sie werden mir aber einfach auch Recht geben müssen, wenn ich Ihnen sage», daß ich zunächst ausschließlich dem von mir neu begründeten Kalender ineine demgemäßen Arbeiten zuwenden muß. Und wenn es inir auch leid tut, Ihrem so wohlwollenden Anerbieten nicht entsprechen und nicht vor allen denen das, was ich vermag, zuzuwenden, denen ich es so gern möchte, so kann ich doch über das zunächst Gegebene nicht hinwegkommen. Vielleicht — es ist das eben nur eine flüchtige Idee von mir — ljeße sich aus dem Inhalt meines Fämilienkalenders mit der Zeit etwas auf den Ihrigen übertragen. Ich werde jedenfalls Ihres schönen Unternehmens eingedenk bleiben und wohl einmal Mittel und Wege finden, Ihren Wünschen zu entsprechen. Indes grüße ich Sie bestens. Mit vollkommener Hochachtung ergebenst Berthold.Auerbach. hjltorilche Lrlrkrüchtr. Von Prof. Martin Philippson. ie zweitgrößte jüdische Gemeinde Deutschlands ist die in Frankfurt am Main, und sie kann auf eine langdauernde und bedeutsame Vergangenheit zurücksehen. Ein starker Zuwachs fand in ihr vom Ende des fünfzehnten Jahrhunderts an statt. Während im Jahre 1473 in der Frankfurter Judengasse 22 Familien mit 146 Köpfen wohnten, deren Wohnungen sich nur in einer Reihe an der Stadtmauer entlang zogen, wckr ihre Zahl gegen Mitte des sechzehnten Jahrhunderts bereits auf 419 Seelen gewachsen. Die im übrigen Deutschland stattfindenden Verfolgungen und Austreibungen ließen die „Gasse" schnell anwachsen. Am Schluß des sechzehnten Jahrhunderts zählen wir 434 jüdische Familien, die mindestens 2700 Seelen enthielten und in einer Doppelreihe von 195 Häusern untergebracht waren. Aus dem Jahre 1709 besitzen wir eine amtliche Volkszählung; sie zählte 505 Familien mit 3019 Köpfen auf — zweifellos die bedeutendste jüdische Gemeinde des damaligen Deutschland. Aber die Wirklichkeit bleibt weit hinter den Schätzungen der Zeitgenossen zurück. Nahm doch der Frankfurter Konrektor Schudt in seinen 1714 erschienenen „Jüdischen Merkwürdigkeiten" die Zahl der seine Vaterstadt bewohnenden Juden zu 12—15 000 an, und nach gleichzeitigen holländischen Zeitungen wären ihrer gar 24 800 gewesen. Unter den 3019 jüdischen Einwohnern gab es 460 Männer und 483 Ehefrauen und Witwen, 742 Söhne und 672 Töchter. 46 Knechte und 461 Mägde, 103 männliche und 28 weibliche erwachsene Hausgenoffen und deren 24 Kinder. Unter solchen „Hausgenossen" sind Gelehrte, Lehrer, Handlungsgehilfen, Verwandte und Freunde zu verstehen. Das Verhältnis der männlichen zur weiblichen Bevölkerung war 1000:1210, das der Familiensöhne zu den Töchtern dagegen 1000: 906. Der Grund für dieses Mißverhältnis ist darin zu suchen, daß die Jüdinnen im jugendlichen Alter sich nach auswärts ver-