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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-16 · Heft 46 (16.11.1906) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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549 vertrugen, sondern fast einander bedingten, der kann das Gleiche deutlich an diesem modernen Denker sehen. Dieser Umstand, daß Steinthal als Jude schreibt, gibt ihm seine eigenste Originalität, seinen so durchaus persönlichen Stil. Das beste am Stil macht nicht die Geschicklichkeit aus, die die Sätze meißelt und feilt; dies ist nur die äußerlichste Technik des Meisters. Le style est Phomme meme, das ist so wahr, daß es sich auch umkehren läßt: man muß ein rechter Mensch sein, um den rechten Stil zu besitzen. Steinthal besaß eine bewundernswerte schriftstellerische Kraft, seine Darstellung hat in ihrem Aufbau und in ihrer Durchsichtigkeit oft etwas sokratisches. Aber die klarste Klarheit und die geradeste Geradheit seines Stils kommen doch daher, daß der, der schrieb, ein so klarer, offener und gerader Mann war, der sich nie versteckte, nie zu verbergen sich bemühte, wer er war. Die sichere persönliche Bestimmtheit seines Wesens spricht sich auch darin aus, daß er zeitlebens mit seiner Heimat und mit seiner Kindheit zusammenblieb. Seine Erinnerungen, die den Schluß der Aufsätze bilden, sind in mancher Hinsicht der reizvollste Teil des Buches. Der Berliner Professor Steinthal wollte nicht wie die Snobs von dorther und daher ein Berliner sein, er blieb ein Gröbziger Kind. Ein gewisser romantischer Zug wirkt dabei wohl auch mit, derselbe, der ihn so innig an den alten jüdischen Melodien und nicht minder an den lieben alten Wörtern aus dem Jüdischdeutschen hängen ließ, am „seclmt“, am „chem", am „bekowed“, „in denen das jüdische Herz liegt". Steinthals Denken hat überhaupt seine tiefe Wurzel in der Romantik, die ja auch die Mutter seiner Wissenschaft, der Sprachwissenschaft, gewesen ist. Von der Romantik hat er einerseits den universalen Zug, das Streben zum Weiten und zum Großen und andererseits die „Andacht zum Unbedeutenden", die Feinfühligkeit, die auch im Kleinen das Wesentliche und Eigenartige sieht; alles, was der Denker beobachtet und entdeckt, soll ein Beitrag zum Verständnis des Menschen sein. So ist er der Menschenkenner geworden, der Kenner' vor allem des jüdischen Menschen, des jüdischen Geistes und des jüdischen Herzens — ein Romantiker in dem edlen Sinne weit entfernt von jener Art, die bisweilen -ebenso benannt wird, die das Schlechte für gut hinnimmt, wenn es nur alt zu sein scheint, und das Beste für schlecht erklärt, bloß weil es ihr neu dünkt. Und weil er die Seinen kannte, ist Steinthal ein Mahner in ihrer Mitte geworden. In ergreifenden Worten ruft er seine Glaubensgenoffen zur Selbstbesinnung auf. Er will die Seelen wecken, damit die Gewissen erwachen. Mit großem Recht überschreibt er diese Reden: „Schema Jisroel"; wer hören mochte, konnte hören. Ob sein Wort, das jetzt von neuem an die Ohren dringen will, vernommen werden wird? Im Jahre 1890 hatte er seine erste Sammlung von Aufsätzen hinausgeschickt, in denen er über die Bibel sprach, und bis zum heutigen Tage haben sie noch nicht zum zweitenmal hinausgehen können — ein trauriges Zeichen der Zeit, die die rechten Bücher begehrt, aber sie nicht liest. Möchte diese neue Sammlung, die Gustav Karpeles vortrefflich angeordnet hat, ein besseres Schicksal finden. Wir haben nicht viele Männer wie Steinthal gehabt; wir können uns nicht den Luxus gestatten, ihn zu vergessen, an ihm vorüberzugehen. Niemand wird das Buch aus der Hand legen, ohne durch die Wahrheit der Gedanken belehrt und durch die Innigkeit der Ermahnung erhoben zu sein. Und vor allem auch: wer eL gelesen hat, dem ist ein guter Jude, ein guter Mensch nahe getreten, eine Persönlichkeit, die kennen gelernt zu haben, zu den Erfahrungen des Lebens gehört, ein Mensch von eigenster Art, eine kindliche Natur, und doch ein ganzer Mann, ein getreuer Mahner, einer der „Hüter", die nach dem Worte des Propheten „über die Maliern Jerusalems gesetzt sind". Lin öriek lörrthold Auerbachs. Von Professor Ludwig Geiger. <^n wenigen Monaten sind es 25 Jahre, daß Berthold r Auerbach tot ist (8. Februar 1907). Ein Vierteljahrhundert ist im Leben eine lange Spanne Zeit, die manchen Kreis zerstört und viele Frische wegnimmt; für den Nachruhm eines Verstorbenen ist eine solche Epoche geradezu verhängnisvoll. Wie wenige selbst unserer Besten haben ihr widerstanden! Männer lind Frauen, die, so lange sie auf Erden lveilten, Lieblinge der Lesewelt waren, sind, kauur daß sie von dem Schauplatz-ihrer Tätigkeit abgetreten sind, tot, „als wären sie nie gewesen". Auch die Erinnerung an sie lebt oft auch nur im kleinen Häuflein ihrer Getreuen fort. Es wäre überaus intereffant, unter den Jüngeren, nicht etwa nur unter den 14- bis 18jährigen, sondern unter den Dreißigern, unter den jüngeren Gelehrten,, Beamten, Kaufleuten und unter den jungen Frauen im angeführten Alter eine Umfrage zu halten, ob und wieviel sie von Alierbach gelesen haben. Ich fürchte, die Antworten würden für den Historiker betrübend nnd vielleicht auch für manchen Autor ernüchternd sein. Berthold Auerbach leidet aber nicht nur unter dem allgemeinen Geschick des rasch verwelkenden Nachruhms, sondern unter dem Unglück, daß er ein Jude war. Ich kenne unter den modernen Literarhistorikern wenige, die irgendwie für Auerbach eingetreten sind, — Erich Schmidt gehört zu diesen; er hat Auerbach einen schönen Essay gewidmet, hält seine Sachen hoch und einer Wiederauslebung wert. Aber die anderen sind ihm gram, zum Teil, wenn sie es auch nicht offen eingestehell, weil er ein Jude war. Der Gegenüberstellung von Berthold Auerbach und Jeremias Gotthelf, in der gewöhnlich der erstere den kürzeren zieht, wird zwar meist der sogeilannte Realismus, der gesunde Naturalismus des Schweizers, dem falschen Idealismus der unrichtigen Verklärung des Bauerntums durch den Schwarzwälder Dorfburschen vorgezogen — aber wie oft mag sich unter dieser angeblich wissenschaftlichen, vom rein ästhetischen Standpunkt aus unternommenen Parallele Antisemitismus oder, was noch schlimmer ist, Rassenstolz oder sogenannte nationale Abneigung verbergen. Endlich schadet auch der Umstand, daß die Forschung ebenso wie das moderne Feuilleton so achtlos an Auerbach vorüber geht, seinem Andenken. Während seine Zeit- und teilweise Gesinnungsgenossen, die Männer vom jungen Deutschland gerade in neuester Zeit außerordentliche Beachtung gefunden haben, ihre Werke, wenn etwa die Schutzfrist schon verstrichen ist, in neuen Ausgaben erscheinen, ihre persönlichen Schicksale oder ihre literarische Bedeutung Gegenstand mancher Veröffentlichung und Untersuchung geworden ist, Briefe von ihnen zahlreich, oft gar zu zahlreich veröffentlicht werden, weil darin der Klatsch breitgetreten und ein geschmackloser Kultus des Unbedeutenden getrieben wird — ist Wissenschaft nnd Feuilleton über Auerbach fast zur Tagesordnung übergegangen. Man begnügt sich, wenn man nicht etwa gar schimpft, mit einer Erwähnung, mit einer respektvollen Verbeugung, und dann ist es aus. Die einzige größere Briefsammlung, die Briefe Berthold Auerbachs an seinen Vetter Jakob, eines der schönsten Briefwerke, das ich kenne, eine Reihe

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