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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-16 · Heft 46 (16.11.1906) · p. Seite 548

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 548 (sequence 8)
Language
German
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548 Jahre mit der Angelegenheit, und endlich gab das Obergericht im Jahre 1846 die Entscheidung ab, daß der amerikanische Grundsatz „majority rules" durch diese Neuerungen nicht verletzt worden sei; die Gemeindemitglieder, welche für die Neuerungen stimmten, feien aus dem Boden der Konstitution geblieben und deshalb seien sie auch die rechtmäßigen Besitzer des Gemeindevermögens. Die Spaltung bestand weiter, und keine der beiden Gemeinden war eigentlich lebensfähig, obwohl es schien, daß die Orthodoxen an Halt gewannen. Man beschuldigte Posnansky, daß er die Ursache der andauernden Spaltung sei, ja es scheinen allerlei schmutzige Geschichten im Umlauf gewesen sein, da bei den Akten der Gemeinde sich ein Dokument befindet, welches bezeugt, daß Posnansky ehelicher Geburt sei. Er legte endlich freiwillig sein Amt nieder, und nach mancherlei Zwischenfällen wurde Jsaac M. Wise, damals in Albanh, Newyork, als Rabbiner gewählt. Auch er verzichtete. Mehrere andere Rabbiner folgten, bis nach dem Kriege 1866 sich beide Gemeinden vereinigten und die neue Gemeinde ganz den Typus der seit 1845 gebildeten amerikanischen Reformgemeinde annahm. Wie überall, haben auch dort die russischen Einwanderer eine Gemeinde gebildet, die schon seit 1857 besteht, aber erst seit dem großen Exodus von 1881 beträchtlich gewachsen ist. Eine führende Stellung hat Charleston seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts niemals eingenommen. i Lteinthsls Uuklätze üdrr Luden und Ludrntum?> Von Dr. L. Baeck-Oppeln. teinthal konnte ganz besonders an sich gedacht haben, als er an Albrecht Weber schrieb: „Man muß, um jemand recht zu kennen. Persönlich mit ihm verkehrt haben." Und es war nicht nötig, mit Steinthal lange zu verkehren, um das Bild seiner Persönlichkeit vor sich zu sehen, und wer es einmal gesehen hat, der besitzt es unvergeßlich, unverlierbar. Der erste Eindruck war es wohl für jeden, daß dieser Mann wie mit Kindesaugen in die Welt hinaussah, sowie jeder wahre Poet zeitlebens ein Kind ist — neugierig, fragend, verwundert ob alles desien, was draußen geschieht. Steinthal erzählte im Kreise seiner Schüler bisweilen ein kleines, scherzhaftes Vorkommnis, das ihm in einer englischen Familie begegnet war. Die Frau des Hauses, eine gläubige Christin, disputierte mit ihm über die Entstehung ihrer Religion, und sie wollte alles mit dem einen, letzten Argumente entscheiden: „Aber Jesus ist doch vom Himmel gekommen!" Worauf Steinthal ruhig erwiderte: „Auch ich bin vom Himmel gekommen!", und damit war dieses Gespräch denn vorläufig beendet. Im Zimmer befand sich die kleine Tochter, die aufmerksam zugehört hatte, und als ihr Bruder dann auch hereintrat, zog sie ihn rasch beiseite und mit scheuem Staunen wies sie auf den fremden Mann hin: „this gentleman is come from heaven!" Wenn man Steinthal gegenüberstand,, ging einem oft die unbeabsichtigte Weisheit dieses Kindeswortes durch den Sinn. "Es war wie etwas Erdentrücktes, über das Irdische Hinaufgehobenes in diesem Mann, er schien immer zu sehen, was in der Ferne lag. h Ueber Juden und Judentum. Vorträge und Aufsätze von Prof. Dr. H. Steinthal. Herausgegeben von Gustav Karpeles. (Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums.) Der Herausgeber seiner Aufsätze über Juden und Judentum nennt ihn in der trefflichen Einleitung mit fein geprägtem Wort einen „rührenden Mann". Man könnte ihn auch schlicht als eine gläubige Natur bezeichnen. Jeder Glaube hat ja gewiffermaßen etwas Rührendes, um so mehr, in je größerem Widerspruch seine ideale Ueberzeugung zur mangelhaften Wirklichkeit steht. Die Gläubigkeit war die Grundlage von Steinthals Wesen. Sie war die Voraussetzung selbst seiner Wissenschaft; seine Sprachlehre geht ganz eigentlich von einem Glaubenssatz aus, dem der Einheit des Menschengeschlechts. Seinem Werke über den Ursprung der Sprache hat er als Motto einen Satz des Hippokrates vorgesetzt: „Alles ist göttlich, und menschlich ist alles." Besser als in diesem Worte kann das Leitmotiv des Glaubens gar nicht bezeichnet werden. Steinthal war, in dem vornehmen Sinne dieses Begriffes, ein wahrhaft gläubiger Denker. Die schärfsten Töne fand er darum, wenn er gegen den Unglauben sprach. Dann wurde der ruhige, gleichgemessene Denker leidenschaftlich und hatte Worte voller Zorn, voll grimmigen Eifers. Wie überhaupt jeder redlichen Ueberzeugung, gab er jeder ehrlichen, geschichtlich begründeten Auffassung des Judentums ihr gutes Recht; er hatte nicht umsonst an dem Leben der Sprache die Vielgestaltigkeit der menschlichen Seele beobachtet; über der Verschiedenheit stand ihm das Wesentliche, das „die Judenheit einigt". Für ihn gab es nur ein Ketzertum in Israel: außerhalb des Judentums standen ihm alle die, denen die Partei über die Religion ging, der kleine Brauch aus später Zeit über die Gebote der Wahrhaftigkeit und der Ehrlichkeit, alle die, denen es nicht auf die Frömmigkeit, sondern aus die Schablone ankommt, die nicht recht tun, sondern nur recht haben wollen. Sie waren für Steinthal die Ungläubigen in Israel, die „Posch'im", die „Rotte Korahs", und gegen sie wiederholt er das alte Wort der Schrift: „hibodlu mitoch haedah hasoth!"; „scheidet euch von ihnen, wie sich Israel von der Rotte Korahs schied". Solche schroffen Sätze spricht er sonst nur gegen jene strenggläubigen „Gottesleugner", die Israel bedrücken und verfolgen, auch hier hat er seinen Grimm nie verborgen. In einem schon früher veröffentlichten Briefe zum siebzigsten Geburtstag von I. Derenbourg schrieb er mit bezug auf die russischen Greuel: »Mit ruhigem Gewissen bete ich die Verse (in der Pessachhagada): „Gieße deinen Grimm und deine Zornesglut über jene Fürsten, die, deiner Lehre uneingedenk, Jakob verschlingen, ja ihn verschlingen und aufreiben, und die seine Wohnung verwüstet haben; verfolge sie in Zorn und vertilge sie unter dem Himmel Gottes, damit nicht nur Jakob erlöst, sondern jenes große Volk von vielen Myriaden, die meist noch nicht zu unterscheiden wissen zwischen rechts und links, frei werde von seinen Raubfürsten." Das gehört in das Bild des Mannes. Dieser Grimm spricht nur für die Geradheit und Furchtlosigkeit seiner Menschenliebe, für die Tapferkeit und die Offenheit seines ganzen Wesens. Steinthal versteckte nichts, und am wenigsten versteckte er sich. Wo immer er es konnte, ließ er jeder Zeile es anmerken, daß es ein Jude war, der schrieb; mochte er sich auch vor allem an ein christliches Publikum wenden, wie in seinen Aufsätzen in der „Deutschen Revue",in „WestermannsMonatsheften", der „Nation, der „Nationalzeitung" usw. Denn dieser universelle Geist war durchaus persönlich bestimmt, jedes verflachte Weltbürgertum war ihm fremd, er wollte stets zu oberst Jude sein. Er war, in dem Volltone dieses Wortes, ein Bekenner des Judentums. So ist es ja immer: wahrhaft universell kann nur der sein, der wahrhaft bodenständig ist. Wer nicht zu begreifen vermag, wie in den alten Propheten der weltumfassende Gedanke und das Festhalten an Israel sich nicht nur

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