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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-16 · Heft 46 (16.11.1906) · p. Seite 546

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
Seite 546 (sequence 6)
Language
German
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auSschuß und mächtige Agitator Geffmam:, verhandelt im Parlamentsgebäude mit über die Wahlreformvorlage, die nun fertiggestellt ist und schon in den nächsten Tagen vor das Plenum des Reichsrats gelangen soll. Die tragischen Gegensätze aber in dem ganzen Bilde liegen darin: Lueger, der von der neuen Wahlreform eine ganz gewaltige Stärkung seiner Partei erwartete, deren Geist und treibende Kraft er darstellt, Lueger ist es nicht gegönnt, an dieser für Oesterreich so epochalen Beratung teilzunehmen, er wird wohl kaum die Früchte dieser einschneidendsten Reform im politischen Leben unseres alten Staatswesens genießen, auch ihm scheint das Schicksal manches vor ihm beschieden zu sein, das Land der Verheißung nur aus der Ferne zu erschauen, in dieses aber selbst nicht gelangen zu können. Die Parteigänger des schwerkranken Bürgermeisters scheinen dies auch begriffen zu haben; denn in dem Schreiben, das sie an ihren Herrn und Meister richteten, sagen sie in mehr wehals demütigen Tone: sie hoffen, daß es ihrem Führer gegönnt sein werde, bei den neuen Wahlen, die im demokratischen Sinne erfolgen sollen, an ihrer Spitze zu stehen, um die Christlichsozialen auf allen Linien zum Siege zu führen. Die Barrierestöcke Luegers, das ist seine eigene Bezeichnung, die Neumayer, Geßmann, Hraba, Schneider e tutti quanti, merken wohl, wie wenig Stöcke bedeuten, wenn derjenige fehlt, der sie zusammenhält. Man wird noch manches erleben in diesen: Lande der Unwahrscheinlichkeiten. Der alte Laube, dessen 100. Geburtstag unsere Zeitungen in spaltenlangen Artikeln feierten, pflegte zu sagen: Beim Theater kommt alles immer anders. Auch auf unserer politischen Schaubühne pflegt alles anders zu kommen. Wer leben wird, wird erleben und erschauen, „qui vivra verra“, und man mag gespannt darauf sein, was uns das nächste Jahr bringen wird. Denn noch vor dem Ende dieses Katastrophenjahres 1906 wird die Wahlreform unter Dach und Fach sein, und dann wird das große Rennen beginnen unr jene Gunst, die am schwersten, aber auch am leichteste,: zu erringen ist, um die Volksgunst, von der man nach jenem berühmten Spruche auf der Wartburg sagen kann: Sie tönet wohl, doch währt nicht lang. Wird sie Luegers Kampfesschar zuteil werden oder den Sozialdemokraten, den Tschechen oder den Deutschen, den Liberalen oder Klerikalen? Dies alles liegt noch im Zeitenschoße, aber bald wird es sich zeigen, ob aus ihm ein verjüngtes Oesterreich hervorgehen wird. Manche Parteien allerdings, die jetzt in unserem Parlamente noch eine Rolle, und wahrlich nicht die unbedeutendste, spielen, wie die der Großgrundbesitzer, machen mit Recht jetzt schon ihre Rechnung/wenn auch nicht mit dem Himmel; ihre Uhr scheint abgelaufen zu sein. Die Partisane Schönerers wittern auch Morgenluft, denn das Geschrei nach der Rassenreinheit wird wohl in dem neuen Kampfe wenig verfangen. Man wird in diesem nicht so sehr nach rassenreinen, als vielmehr nach Volksmännern rufen. Niemand hofft so sehr auf Stärkung der Partei wie die Klerikalen, Antisemiten und Tschechen. Und so ist denn die Kampfesparole für den zu erwartenden Wählkampf gegeben: Alle Freisinnigen mögen sich zusammenschließen um den viris obscuris entgegenzutreten. Für die Juden ist die Marschroute vorgezeichnet: Für Freiheit und Recht, gegen Tyrannei und Dunkelmännertum. So haben wir es immer gehalten. Die Wahlbewegung in Mähren aus Anlaß der bevorstehenden Landtagswahlen ist für uns Juden lehrreich genug. Da wurde den bestehenden Kurien eine vierte, die Volks- oder allgemeine Kurie, angegliedert. Und was sehen wir? Es gibt in unserer Mitte Leute, . die gleich dem alten Ephialtes uns in den Rücken fallen möchten. Man höre und staune über die Unverschämtheit dieser Wahlmacher. Sie wollen unser Volk dazu verführen, ausgesprochenen 546 -- Antisemiten, die jetzt freilich ihren Antisemitismus weise in den Hintergrund rücken, die Stimmen zu geben. Dies geschieht sogar in der Landeshauptstadt. War da vor einigen Tagen in dieser eine sehr lehrreiche Wählerverfammlung. Der Kam didat der vierten Kurie, ein Stadtsekretär, der als antisemitischer Held nicht unbekannt ist, stellte sich vor, oder wollte dies wenigstens tun, wenn nicht die ganze Versammlung früher gesprengt worden wäre. Er wirbt natürlich auch um jüdische Stimmen. Als aber die Sozialdemokraten, die, nebe::bei bemerkt, auch nicht unsere Vertreter sind, ihn: und seinem Anhänge, bestehend meist aus einigen kräftig schreienden Heilsbrüderchen, hart zusetzten, da hörte man aus diesen Reihen einige gegen die Juden gerichtete Rufe, die wahrlich nicht wie Kosenamen klangen. Und diese Leute besitzen die Un—Verschämtheit, um jüdische Stimmen zu werben. So wird hier alles auf den Kopf gestellt. Für uns Juden gilt jetzt die Beherzigung des Wortes: „Gedenke. Nichts vergessen"; darin liegt das Arkanum für die jüdischen Wähler, das ihnen die Mittel an die Hand geben soll, für die Besserung ihrer politischen Lage zu sorgen. Wir wiederholen nochmals: Für die Sozialdemokratei: wollen wir uns nicht erwärmen, aber lieber diese wählen, wenn sie wahrhaftig freisinnig sind, als jene Herren, die sich mit dem Mäntelchen des schäbigsten Liberalismus drapieren, wenn er gilt, jüdische Stimmen zu ergattern, die uns aber von sich stoßen, nachdem sie auf unseren Schultern sich zur ersehnten Höhe emporgeschwungen haben; wir wollten eigentlich ein anderes, drastischeres Wort niederschreiben. Wenn die Juden in Oesterreich Pessimisten geworden sind, kann ihnen dies kein Einsichtiger übel nehmen. Wir haben eben etwas aus unseren vielen Kämpfen gewonnen: Erfahrung; diese bedeutet doch auch etwas. Das zukünftige Parlament gehört dem Volke, Volksmänner sollen in dieses eiuziehen. Fragen wir nicht viel nach ihrem Namen und ihrer Art, nach ihrer Geburt und ihrem Stande, sondern richten wir unser Äuge darauf, daß von ihnen für das Volk etwas geleistet werde. Wie heißt es doch in dem schon einmal zitierten Psalm: „Gott der Herr zerhieb den Strick der Bosheit." Die Bosheit und Gewalttätigkeit ließ ihre furchtbare:: Spuren auf dem Rücken unseres Volkes zurück. Helfen wir uns selbst gegen diese. Der Juden' in Oesterreich Fürsorge sei es, danach zu trachten, daß endlich das wüste Antisemitengeschrei in unserem Parlamente verstumme. Dann werden wir den Tag segnen, an dem die neue Wahlreformvorlage im Parlamente zur Verhandlung kam. Vielleicht bringt das Jahr 1907, was 1906 uns so schmählich versagte. Iwri. -XK- Lin Kapitel ameriksmlch-jüMlcher Geschichte. Von Professor Dr. Gotthard Deutsch. III. in besonders interessantes Kapitel ist die Geschichte der religiösen Reform in Charleston. Sie ist schon aus allgemeinen Gründen lehrreich, weil sie beweist, wie eine Bewegung gleich Höhlenflüffen spurlos verschwindet, um dann wieder zutage zu treten. Schon im Jahre 1824 verlangten 47 Mitglieder der Gemeinde einige Reformen, worunter -besonders Kürzung der Gebete, Predigt und Uebersetzung eines Teiles der Gebete in englischer Sprache. Der Vorstand, portugiesisch-konservativ, weigerte sich, auf die Petition einzugehen, und deshalb

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