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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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-WWWWWWWMWWWW^ -- 3 - dem Schluß, daß der Angeklagte sich der Beschimpfung der jüdischen Neligionsgefellschast schuldig gemacht habe und beantragt gegen ihn deswegen einen Monat Gefängnis, aber Freisprechung von der Anklage der Beleidigung des Justizrats Dr. Fuchs, diesen mit seinem Strafantrage auf den Weg der Privatklage verweisend. Der Vertreter des Dr. Fuchs als Nebenkläger, Dr. Lippmann, tritt in längerer Rede auch für die Besprechung nach dieser Richtung hin ein, während der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt E. Jakobsen, für die gänzliche Freisprechung des Angeklagten plädiert. Das Gericht erkennt nach langer Beratung den Angeklagten schuldig im Sinne des § 166 in Jdealkonkurrenz mit § 185 und verurteilt ihn zu einer Gefängnisstrafe von zwei Wochen. Ans den Erkenntnisgründen geht hervor, daß das Gericht den Artikel in seiner Gesamtheit einheitlich aufgefaßt hat und demgemäß zur Verurteilung gekommen ist. 1. Köln, 1. November. Am 21. d. M. beriet der Provinzialverband rheinischer Synagogen gemein den über den Nosinschen Gesetzentwurf und nahm folgende Resolution an: „Der Provinzialverband rheinischer Shnagogengemeinden erkennt an, daß die Errichtung einer einheitlichen Organisation der preußischen Judenheit eine Notwendigkeit ist, hält aber den Rosin/schen Entwurf in seinen Einzelheiten nicht für geeignet, dieses Ziel zu erreichen; er befürwortet, daß der Deutschs sraelitische Gemeindebund die Weiterberatung des Gegenstandes einen aus allen preußischen Provinzen einzuberufendeu Ausschuß übergebe." — Nachdem im Mai d. I. die hiesige, etwa 600 Schüler Zählende städtische i s r a e l i t i s ch e V o l k s s ch u l e zu einem Vollsystem ausgebaut worden ist, ist der Leiter der Schule, Herr Hauptlehrer Coblenz, zum Rektor ernannt worden. Mit diesem Amte ist auch das eines königlichen Lokalschulinspektors verbunden. Es ist dieses der einzige (und wohl auch der erste!) Fall in Preußen; eine zweite öffentliche jüdische Volksschule mit einem Rektor an der Spitze existiert nicht. Es dürste die Kölner Schule wohl auch den größten jüdischen Schulorganismus im Reiche darstellen. . München, 1. November. Der Stand der jüdischen Bevölkerung in Bayern ist gegenwärtig folgender: Auf eine Seelenzahl von 6 524 372 bei der letzten Volkszählung trafen auf die Juden in Bayern 55 341, also noch nicht ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. Im verflossenen Jahrhundert war die Zahl der Judeir-schon zweimal größer; nämlich 1840 zählte man in Bayern 59 376 und im Jahre 1852 noch 56 158 Israeliten. Nach der Geburtenziffer würde die Zahl der Israeliten in Bayern sich vermindern, wenn nicht München alljährlich einen so außerordentlichen Zuzug von Juden aus dem Osten aufzuweisen hätte. Auf 1000 Christen kommen 38 Geburten, auf 1000 Juden nur 18. Das Gros der jüdischen Bevölkerung konzentriert sich auf Oberbayern und Mittelfranken; am weitaus wenigsten hat Niederbayern. Nach den unmittelbaren Städten verteilt, leben in Oberbayern 10 279 (davon in München allein 10 056), Niederbayern 219, Pfalz 4894, Oberpfalz 767, Oberfranken 1819, Mittelfranken 10 548, Unterfranken 4091, Schwaben und Neuburg 1973 Juden. In kleineren Orten leben insgesamt 20 751. Nach Prozenten verteilt nimmt Kitzingen die erste Stelle ein mit 5,2 Prozent jüdischer Bevölkerung; München steht an 14. Stelle mit 1,9 Prozent. i. Karlsruhe, 2. November. Am verflossenen Dienstag wurde hier die Hochzeit des Herrn Dr. jur. Nathan Stein, Sohn des Rabbiners Dr. Alexander Stein in Worms, mit Fräulein Recha Straus, der jüngeren Tochter des hiesigen Bankiers M. A. Strarrs, gefeiert. Die Trauung wurde von dem Vater des Bräutigams vollzogen, der in seiner ergreifenden Traurede den Segen des jüdischen Familienlebens pries. Beim Festmahle brachte der als Gast anwesende Geheime Oberregierungsrat Dr. Mayer einen Trinkspruch von allgemeinerer Bedeutung aus, dessen wesentlichen Inhalt wir mitzuteilen in der Lage sind. Nachdem er. anknüpfend an die alte jüdisckre Sitte, Brautleuten an ihrem Hochzeitstage nur Erfreuliches zu sagen, hervorgehoben hatte, wie das Brautpaar in Jugendschöne blühe,'das Leben sich ihm von der heitersten Seite zeige und, soweit menschliche Augen sehen könnten, kein Wölkchen den Horizont seinerjungen Ehe trübe, fuhr der Redner fort: „Doch gemach! Sie sind nicht einfach zwei Menschenkinder, die sich in Liebe gesunden und die nun, da die äußeren Verhältnisse es gestatten, ein Haus und eine Familie gründen wollen. Sie sind, und zwar nicht nur nebenbei. Juden und Ihr Haus soll ein jüdisches sein. Ist das etwas Schönes, Gutes, Glückverheißendes, oder ist es etwas altmodisch Gewordenes, überall Störendes und Hinderliches, mit einem Worte ein Nebel? Gewiß wird auch Ihnen die eine oder andere Hintansetzung von Konfessionswegen nicht erspart bleiben. Vielleicht werden Sie sich hier und da in Ihren gesellschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen durch religiöse Schranken behindert fühlen. Aber das sind doch nur Kleinigkeiten im Verhältnis zu der großen Frage: Wie steht es um unser Judentum? Ist es etwas Lebensvolles oder etwas Absterbendes? Hat es seine Schuldigkeit in der Menschheitsgeschichte schon getan, daß es nun gehen kann, oder ist es ein Kultnrfaktor, der auch für die Zukunft seine Bedeutung behält? Schleppen wir es nur noch als lästige. Fessel an unseren Füßen aus allerhand Rücksichten auf Familie, Umgebung und dergleichen, oder ist es uns noch heute Lebenslust und Lebenslust, Lebenskraft und Lebenshalt? Meine Damen und Herren? Das Judentum hat im vorigen Jahrhundert eine entscheidende Krisis durchgemacht; au die Stelle der örtlichen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, religiösen Gebundenheit ist die Emanzipation, ist eine fast uneingeschränkte Freiheit auf allen Gebieten getreten. Die Schwarzseher — trotz des bekannten Kaiserwortes gibt es noch welche — behaupten, das Judentum habe diese Krisis schlecht bestanden, denn es habe bis auf eine kleine Schar Frommer seinem Gotte die Treue nicht gewahrt. Eine schlimmere Verkennung hat das moderne Judentum von seiten des rabiatesten Antisemitismus nicht erfahren, als sie in diesem pessimistischen Urteil aus unseren eigenen Reihen liegt. Nein, meine Damen und Herren, das Judentum hat die Krise, welche für es hätte verhängnisvoll werden können, ausgezeichnet bestanden. Abgesehen von verhältnismäßig wenigen Absplitterungen, wie sie zu allen Zeiten und früher in weit größerer Zahl vorgekommen sind — ich erinnere nur an die vielen Tausende in Spanien und Portugal — steht das Judentum mit seinem Bekenntnis zum Einig-Einzigen noch heute geschlossen und unerschüttert da — eine kleine Minderheit gegen eine ganze Welt! Das wissen wir selbst, die wir hohe Anforderungen an uns zu stellen gewohnt sind, meist nicht genügend zu würdigen, weil wir es als etwas Selbstverständliches betrachten. Aber für den unparteiischen Beurteiler ist es nicht etwas Geringes, sondern etwas Großes, Erhebendes, Begeisterndes. Und sind wir etwa heute weniger bereit, für unser Judentum zu leiden, ja selbst zu sterben, als unsere Ahnen? Schauen Sie auf Rußland, wo unsere Brüder und Schwestern zu Hunderten und Tausenden in Tod und Elend gegangen sind, obgleich sie sich mit einem einzigen Worte hätten retten können. Und das sind keineswegs nur altfromme, sondern in der großen Mehrzahl moderne, in ritueller Hinsicht sehr frei denkende und handelnde Juden. Und bei uns in Deutschland? Gibt es ein größeres, bewundernswerteres Martyrium, als es diejenigen aus sich nehmen, die allein um deswillen, weil sie in bezug aus die Reinheit des Gottesglaubens nicht die geringsten Konzessionen zu machen gewillt sind, sich zur jüdischen Minderheit halten und damit zahllose Anfeindungen und Zurücksetzungen über sich ergehen lassen? Wahrlich, wir dürfen auch heute noch aus voller Ueberzeugung die Worte sprechen: Ate ecliod weschimcho echod, umi Keamcho Jisroel goj ecliod boorez! „Einzig bist du, Einziger ist dein Name und einzig steht dein Volk Israel da aus Erden!" Diesem Volke mit seinem unaustilgbaren Idealismus, mit seinem auf der Höhe aller Wissenschaft und allen Fortschritts stehenden Gottesglauben, mit' seiner unbegrenzten, keine Schranken der Religion, der Nation und der Nasse kennenden Menschenliebe anzugehören, ist eine Ehre und ein Glück. Das mußte zur Erhöhung der Festfreude unseres Brautpaares hier ausgesprochen werden. Wir alle aber, soweit wir dem jüdischen Bekenntnis angehören, wollen, unbeschadet der den jüdischen Religionsgrnndfätzen entsprechenden Achtung vor andern Bekenntnissen, das Gelöbnis der Treue gegen unsere Glaubensgemeinschaft erneuern, indem wir die Gläser erheben mit dem Rufe: „Unser Judentum hoch!" Gesterrelch-Nnsarn. /\ Wien, 5. November. In der unter Vorsitz des Herrn David Ritter von Gutmann am 30. v. M. abgehaltenen Plenarsitzung des Vorstandes der „Israelitischen Allianz zu Wien" wurde'

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