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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · p. Seite 540

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 540 (sequence 12)
Language
German
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am 540 Litrrarilchr Mittrilungrn. Ludwig Börnes Berliner Briefe. Nach den Originalen mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Professor Ludwig Geiger. Verlag von F. Fontane & Co. in Berlin. 1906. Wenn mau glaubt, das; es sich hier um bekannte, längst schon andersivo gedruckte Briese Börnes handelt, so befindet man sich in einem gewaltigen Irrtum. Diese Briefe Börnes aus Berlin, an Ieannette Wohl gerichtet, sind in ihrer ursprünglichen und unverkürzten Gestaltung noch nirgends erschienen. Sie waren allerdings früher — aber sehr gekürzt — in einer seit längerer Zeit vergriffenen Ausgabe nachgelassener Schriften Börnes gedruckt gewesen. Alle Rücksichten, die vor zirka 60 Jahren Auslassungen und Veränderungen nötig machten, sind jetzt fortgefallen, und die Texte sind, wie Ludwig Geiger in seinem Vorwort versichert, buchstäblich getreu den Originalen kopiert. Wer also nur das geringste Interesse für Börne besitzt, wird in diesen Briefen vieles finden, was ihm den Dichter noch näher bringt, sein eigentliches Sein und Wesen ihm in zwangloser Natürlichkeit vor Augen führt. Aber wieviel anderes Hochinteressantes lebt in diesen Briefen auf! Das ganze Berliner Leben im Jahre 1828 steht wieder auf mit seinen geistreichen Männern, seinen feinsinnigen Frauen. Das Haus Mendelssohn mit seinem anregenden Verkehr tritt uns entgegen, Paul Heyses Mutter lernen nur noch vor der Geburt des berühmten Sohnes als junge liebenswürdige Frau kennen. „Wer zählt die Völker, kennt die Namen?" Berlin war damals schon Mittelpunkt alles geistigen Verkehrs in Deutschland, und Börne stand nicht allein mitten darin, sondern er berichtete auch jedes kleinste Vorkommnis getreulich seiner verständnisvollen Freundin. Aber dieser werden nicht nur die großen Ereignisse auf geistigem Gebiet mitgeteilt, nicht nur Theater- und Pressezustände geschildert, es gibt da auch eine Menge interessanten Klatsches zu lesen. Aus diesen Briefen geht auch hervor, daß Börnes Eifersucht gegen Heine mehr persönlicher Natur war als Dichterneid. Und all die amüsanten Kleinigkeiten! Namentlich für das gesellige Leben der Juden im damaligen Berlin und für ihr Zusammenleben mit der Elite der nichtjüdischen Bevölkerung! Es gibt Berichte über Preise der Wohnungen und Lebensmittel, es gibt Klagen über gestohlene Beinkleider und Kragen, es gibt aber vor allem lebensvolle Schilderungen zweier Frauengestalten: Henriette Herz und Marianne Saaling. Was alle diese Bekenntnisse so interessant macht, ist ihre Unmittelbarkeit, ihre absolut private Natur; sie sind nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt und geben gerade in ihrer Ungezwungenheit ein buntes lebensvolles Bild des damaliger: Berlin und seiner hervorragendsten Persönlichkeiten. Aber auch Börnes eigene Person heben diese unmittelbaren Ergüsse aufs vorteilhafteste hervor. Seine kleinen Bosheiten gegen andere und seine witzige Selbstironie nehmen nicht minder für ihn ein als seine geistreiche Betrachtung der groszen Stadt und ihre Kulturbewegung, als die feinen Bemerkungen über bildende Kunst, Musik und Literatur. Die Einleitung von Geiger gibt ein lebensvolles und vorzüglich ausgeführtes Bild von dem Milieu, in das uns diese Briese einführen. x In der Stille. Ein Versbuch von Max Mayer. Zauer 1906. Oscar Hellmann. „Ganz vergessener Völker Müdigkeiten Kann ich nicht abtun von meinen Gliedern." H. v. Hofmannsthal. Der Verfasser dieses Buches ist ein noch sehr junger jüdischer Lehrer aus der Kölner Gegend. Schon durch seine Erstlingspublikation „Aus des Lebens Rätselweiten" ist er den Freunden einer auserlesenen lyrischen Stimmungskunst vorteilhaft bekannt geworden, und Dichter von der Qualität eines Schlaf, Holzamer usw. haben nicht mit ihrem ausmunternden Beisalle gekargt. Auf den ersten Blick hat Mayers Empfinden wenig Eigenart. Es erscheint den: germanischen Empfindungsleben durchaus eingegliedert, besonders durch die echt deutsche Note seines Naturgefühls: „O Welt in diesen! Blütenkreis, In dieser Liebe Gnadenschein, Da möcht ich selber Blüte sein, Und so in düftereichem Farbenglühn Der großen Liebe gläubigsroh entgegenblühn." Aber die Blutsüberlieferung, die die Gestaltung des Eurpfindungskomplexes-feU Generationen beeinflussenden Erlebnisse hasten viel zu tief, als das; sie gänzlich verwischt werden könnten. Schon eine gewisse Müdigkeit, die bei Mayer auffällt, und eine daraus resultierende große Fähigkeit des Träumens dürste man wohl als Erbstück der unter der Wucht der Traditionen und Schicksale seufzenden jüdischen Volksseele ansprechen. Aber es bedarf nur eines stärkeren Anstoßes, um in Mayer dies Zugehörigkeitsbewußtsein mit mächtiger Gegenwart auszulösen, Das Tschandalalos des jüdischen Bettlers peitscht ihm die Zornröte ins Gesicht, während ihm am Grabe einer Betagten aus den religiösen Erinnerungen der Kindheit ein Weihegefühl, eine seelische Beruhigung erblüht. Mayer trägt, anders als der jüdische Fremdling, „sein Weh im tiefsten Schreine seines Herzens verborgen". Mit ablehnender Gebärde lvehrt er gegen das Leben, „das ekle, weltumlauernde Gemeine", und von diesem Verhalten aus versteht sich sein ganzes Verhältnis zur Kunst. Gebet ist ihm seine Kunst, ein Läuterungsbad für die tagbestanbte Seele, Selbsteinkehr. Durch seine Kunst hält Mayer sich schadlos vor den kleinlichen Mächten des Alltags. Nacht, Traum, das find zwei Vorstellungen, die seine Seele liebt. Er, dessen „Ruder im Taggebraus brachen", sucht seine Rettung in „einer tranmvertiesten Welt", und vor den: Abschnitt „Traumgeläute" stehen die bezeichnenden Worte: „Eines tröstet uns und schützt uns vor tiefem Falle: Wir haben Träume." Ein Tagebuch der Stimmungen eines feinen, weltfremden Künstlers, ist dieses liebe, schlichte Buch, welches das Temperament und die Eigenart seines Urhebers schon heute in den Grundlinien klar erkennen läßt. Lechenich bei Köln. Peter Hamecher. ->t*- SyrechsgÄ. Geehrter Herr Redakteur! 5u dem interessanten Artikel „Ein kulturhistorisches Kuriosum", den Herr Professor Dr. L. Geiger in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Nr. 38 (vom 21. September d. I.) veröffentlichte, gestatte ich mir behufs Ergänzung den Hinweis auf meinen Aussatz „Eine Ode Wolf Heidenheims aus dem Jahre 1795" (in „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", 48. Jahrgang, 1904, S. 610—616). In demselben brachte ich nach einem mir von Herrn Albert Wolf in Dresdel: freundlichst geliehenen Exemplar den hebräischen Text des „Lobgedichts" und die deutsche Uebersetzung zun: Wiederabdruck. Vorher hatte ich im „Israelitischen Familienblatt", 1904, Nr. 26, S. 13 (in Beilage „Jüdische Geschichte und Literatur"), unter dem Titel „Eine patriotische Kundgebung der Juden in Offen - bach (Main) aus dem Jahre 1795" von dem Inhalte jenes „merkwürdigen Schriftchens" Kenntnis gegeben. Hildes heim, im Oktober. Hochachtend Dr. Lewinsky. Sehr geehrte Redaktion! 5ur tatsächlichen Berichtigung gestatte ich u:ir Ihnen mitzuteilen, daß ich die Bewilligung der einmal gemachten Ausgaben für den Festgottesdienst der „Chassidim" nicht abgelehnt habe, sondern vielmehr unter Wahrung meines prinzipiellen Standpunktes wiederholt dafür eingetreten bin. Auch der Ausschuß, in dessen Namen ich Bericht erstattete, hatte die Bewilligung beschlossen, Berlin, 1. November. Hochachtungsvoll Professor Dr. Kalischer. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwitz in Berlin.

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