Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 539 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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539 „Vorwärts!" sagte der Anführer. „Aber . . wollte Diego einwenden. „Wenn Euch das Leben lieb ist," sagte ihm der Anführer ganz leise ins Ohr, „sprecht kein Wort und geht ruhig weiter." Und er fügte noch leiser das Losungswort hinzu, das Diego zu seinem Schutze auf Reisen in Arragonien ein für allemal von der Gardunja erhalten hatte. Mateo! dachte Diego, mehr und mehr überrascht, Mateo ließ ihn ans so geheimnisvolle Art aufheben und bediente sich dabei des gefürchteten Namens der Inquisition. Welche ein Geheimnis! Der Unglückliche versenkte sich in ein Labyrinth von Annahmen und Vermutungen. Der Capatoz war gewiß nicht sein Feind, und dennoch, was konnte ihn zu einen: derartigen Unternehmen zwingen, das sogar für den Hauptmann der Gardunja selber höchst gefährlich war? Es war in der Tat eine unverantwortliche Handlung, den Namen des heiligen Offiziums zu usurpieren. DaS erbarnnrngslose Tribunal war eifersüchtig auf sein Ansehen, und wenn eine solche Kühnheit entdeckt worden wäre, konnte sie ihrem Urheber das Leben kosten. Mateo wußte das sicherlich; aber da sich seine Genossen der gleichen Gefahr, wie er selbst, aussetzten, hatte er gewiß keine Denunziation zu fürchten; übrigens befand er sich selber, um der Ausführung seiner Befehle ganz sicher zu sein, unter Diegos Eskorte und hatte nur einem anderen das Kommando für diese Expedition übertragen. Diego versuchte noch eininal, den letzteren um Auskunft zu fragen, aber er konnte keine Antwort erhalten. Er setzte also seinen Weg fort, und bald dachte er über seine Lage und die Absichten des Capatoz nach, bald überließ er sich seiner stummen Verzweiflung, die um so größer wurde, wenn er an die arme Juanita dachte, die jetzt allein ohne Beschützer und sich selbst überlassen sein würde. Der unglückliche Vater verfiel endlich in eine ungewisse Stumpfheit, die ihm fast jedes Selbstgefühl raubte. Er wußte nicht mehr, was er tat, was er dachte, und er kam erst wieder zum Bewußtsein, als seine Begleiter vor einer Höhle, einer Art geheimen Verstecks, wie die Gardunja deren viele hatte, um daselbst ihre geraubten Güter zu bergen, halt machten und ihn aufforderten, einzutreten. Diego brachte in diesem Versteck eine schreckliche Nacht zu; ausgestreckt auf einem Lager von Moos, und dürren Blättern, das ihm die Floreadores in der Tiefe der Höhle angewiesen hatten, verfiel er in einen fieberhaften Halbschlaf. Sein Kopf brannte Und die Gedanken gingen darin kreuz und quer durcheinander. Die Inquisition, seine Tochter, der Graf Ramira, der Capatoz, die Gardunja, Alonzo, Fernando, Enriquez, das alles verschwamm zu einen: wirren, unklaren Bilde. Indessen schienen die Leute, die ihn aufgehoben hatten, ihm nicht feindlich gesinnt zu sein; sie hatten, als er seine Kleidung hatte wechseln müssen, sein Geld und die Kleinodien, die er bei sich trug, ihm gelassen. Beim Scheine der Kienfackeln, die man für einen Augenblick, um sich zirrecht zu finden, angezündet hatte, bemerkte er, daß nur noch drei der Räuber bei . ihm zurückgeblieben seien. In der Tat war derjenige, der die übrigen zu befehlen schien, an ihn herangetreten und hatte ihm leise die Worte zugeflüstert: „In Euren: eigenen Interesse rate ich Euch, nennt Euren Namen nicht, erkundigt Euch nicht nach Euren Angehörigen, wartet, seid verschwiegen und alles wird gut enden." , Dann war er weggegangen. Das war eine neue Vorsichtsmaßregel des Capatoz. Die drei Männer, die bei Diego zurückgeblieben, kannten ihn nicht, denn Mateo hatte dafür Sorge getragen, solche Floreadores auszuwählen, die in Saragossa gänzlich unbekannt waren. Es lag ihm viel daran, daß sie nicht einmal den Namen des Gefangenen erführen. Ein anderer der Begleiter war schon früher unsichtbar geworden. Es war Mateo selber. War Diego erst aus Saragossa verschwunden und in einer Höhle der Gardunja vor aller Augen verborgen, so hatte Mateo den Floreador entfernt, dein er, als dem Anführer der Expedition, so manches Detail, wie zum Beispiel Diegos Losungswort und das Verbot an diesen, seinen Namen zu nennen, hatte mitteilen müssen; dieser Mann wußte schon zuviel, als daß er ihn länger um den Gefangenen hätte weilen lassen dürfen. Er gab ihm deshalb eine neue Sendung, die ihn in einer ganz anderen Gegend der Provinz beschäftigte, und nur durch diese ins einzelne gehende Vorsicht konnte der Capatoz auf ein glückliches Ende seines Rettungswerkes hoffen. Dieser Plan, den der Capatoz gefaßt hatte, einzig um Diego zu retten, beruhte auf Vermutungen über die Ereignisse, die sich in Saragosia entwickelten. Der Prozeß des Antonia Perez unterhielt beständig eine gewisse Aufregung in der Stadt und mußte unfehlbar einen Kampf herbeiführen. Man wird sich erinnern, daß Philipp II., der befürchten mußte, daß Perez auf Grund der Konstitntivn von Aragonien seiner Rache entgehen könnte, alles vorbereitet hatte, um ihi: durch die Inquisition aburteilen zu lassen; die Einwohner waren entschlossen, diese offenbare Verletzung ihres guten Rechtes um keinen Preis zu dulden. Der Capatoz war offenbar in den Stand der Dinge eingeweiht. Denn beide Parteien, das heißt die Inquisition und die in: Namen des Königs agierenden Staatsbeamten einerseits und der Adel andererseits, hatten es nicht unter ihrer Würde gefunden, den: Capatoz Vorschläge zu machen, um in: Falle der Insurrektion die Gardunja auf ihrer Seite zu haben. Nun war aber Mateo, ebenso wie Enriquez, überzeugt, daß das letzte Wort dem verschlagenen Philipp und der Inquisition, seiner stets dienstfertigen Helfershelferin, bleiben und daß die Edlen des Landes unterliegen würden. Der Graf von Ramira war einer der entschiedensten Verteidiger des Staatsgrundgesetzes; sein heftiger und hochfahrender Charakter gestattete es ihn: nicht, seine Absichten lange zu verheimlichen, und er war natürlich zu einem der Anführer der Bewegung ausersehen worden, an der selbstverständlich auch sein Sohn teilnehmen würde. Hierin aber ließ der König ebensowenig als die Inquisition Gnade vor Recht ergehen; diese Erfahrung hatte man schon häufig genug gemacht. Für Mateo stand der Sturz des Grasen und seines Sohnes unzweifelhaft fest, denn der Ausbruch des Aufstandes war leicht vorauszusehen. Er hatte deshalb für den Augenblick Diego verschwinden lassen; Ramira und Alonzo waren die einzigen Mitwisser, daß der Capatoz für den Mord bezahlt worden war. Sobald diese beiden Männer der Rache des Königs und der Inquisition verfallen waren, konnte Diego natürlich nach Saragossa zurückkehren; man konnte auf tausenderlei Art seine Abwesenheit und sogar seine Aufhebung erklären. «Fortsetzung folgt.»