Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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keine Ehre und sank tum Stufe zu Stufe, bis er zum Verbrecher wurde. Der Bruder des älteren Franklin I. Moses, Montgomery Moses, war ebenfalls Richter, und sein Sohn Altauwnt Moses, gestorben am 5. Dezember 1905, ein hervorragender Politiker seines Heiinatstaates, scheint nicht mehr Jude geblieben zu sein, denn in der Nachricht von seiner Beerdigung hieß es, daß er nach freiniauerischern Ritus bestattet worden sei. Eine Enkelin des jüngeren Mher Moses heiratete einen Advokaten Theodor Moise, einen Verwandten der schon genannten Dichterin. Peninah Moise. In zweiter Ehe vermählte sich Moise mit einer Miß Vaughan, und ein Sohn dieser Ehe ist der Vorsteher des Klosters der christlichen Brüder in Milwaukee, bekannt als Bruder Ambrosius! Aus trüber Leit. Eine historische Erzählung. Xl. 11 demselben Abend saß Diego in seinem Zimmer neben seiner lieben Juanita. Inmitten der Traurigkeit, die seit Fernandos Abwesenheit rings um sie herrschte, suchte der arme Vater seine Tochter zu trösten und über das Schicksal des jungen Mannes zn beruhigen. Er setzte ihr auseinander, daß kein Grund zu ernstlichen Befürchtungen vorliege; da Alonzo gerettet war, war der Prozeß nur noch eine leere Formalität. Um seine Tochter noch mehr zu überzeugen, malte ihr Diego die Zukunft mit den glänzendsten Farben aus; er sprach mit ihr von dem Leben, das sie führen würden, wenn sie, einst wieder vereint, Spanien verlassen hätten, wenn sie, in einem weniger grausamen Lande wohnen würden, wo ihnen keine Verfolgung wegen ihres Glaubens drohte. Durch solche beruhigende Bilder gelang es ihm, nach und nach Juanita heiter zn stimmen. Diego hatte so viel Gefühl und Wärme in seine Worte gelegt, daß er sich selbst merkwürdig dadurch ermutigt fühlte, als man plötzlich an die äußere Tür des Hofes klopfte. Diego und seine Tochter waren durch dieses Geräusch aus allen ihren Zukunftsträumen aufgeschreckt. Juanita rückte ihrem Vater näher; eine unbestimmte Unruhe bemächtigte sich beider; ein unseliges Mißgeschick hatte so lange über ihren Häuptern geschwebt, daß die nichtigste Ursache sie erzittern niachte. Aber schon war Jago über den Hof gegangen, um nachzusehen, wer seinen Herrn in so später Stunde noch zu sprechen wünsche. Bald kam er mit der Meldung wieder, daß der Mann, der an der Tür geklopft, vom Alcalden abgeschickt sei; der Alcalde laste Diego bitten, sich sofort in Fernandos eigenem Interesse zu ihm zu bemühen. Diego fand diese Botschaft im ersten Augenblick ein wenig auffallend; indessen es war ja nicht unmöglich, daß der junge Mann seiner bedurfte. Er bereitete sich demgemäß vor, dem Boten des Alcalden zu folgen, und Juanita begleitete ihn bis zur Tür. „Auf baldiges Wiedersehen, mein Kind," sagte er, ihr einen Kuß auf die Stirn drückend, „habe keine Angst, ich werde Dir hoffentlich gute Nachricht bringen." „Gott gebe es," sagte das junge Mädchen beklommen. Sie blieb auf der Schwelle des Hauses, als Diego hinausging. Das Knarren des Torwegs, der schallend hinter ihrem Vater ins Schloß fiel, hallte schmerzlich in ihrem Herzen wider, und von einer dunklen Vorahnung überwältigt, sank sie unbewußt auf die Knie, ihre Hände falteten sich und sie betete leise: „Mein Gott, mein Gott, erbarme Dich unser!" * * * Indessen war Diego in Freie hinaus getreten und schritt an der Seite des Boten dahin, der in einen weiten Mantel gehüllt war und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte. In Gedanken versunken ging er mechanisch neben ihm her, als er sich an einer Wendung der Straße plötzlich von anderen Männern umringt sah, die ebenso wie sein Begleiter weite Mäntel und große Kapuzen trugen. Diego schauderte; er kannte zu genau das geheimnisvolle Gebahren der Diener der Inquisition und die nächtlichen Ueberraschuugen, mit Hilfe deren sie sich ihrer Opfer bemächtigten. Er blieb nicht lange im Zweifel, denn kaum hatte er den schrecklichen Gedanken gefaßt, als einer von den Männern an ihn herantrat und ihm ins Ohr flüsterte: „Im Namen der allerheiligsten Inquisition, folgt uns!" So vorbereitet er auf den furchtbaren Schlag war, und die Marannen waren es immer, blieb Diego einen Moment wie angedonnert vor Schreck. Die Inquisition! Alles ungeahnte Elend, der ganze grausige Schmerz, der sich an dieses Wort knüpfte, stand glühend vor seiner Seele, und daneben das Bild seines teuren Kindes, seiner Juanita. Jndesten suchte er sich zu sammeln, um seinen Schrecken nicht zu verraten. Vielleicht war er nur als Zeuge vorgeladen oder ein Mitglied der Inquisition verlangte ihn privatim zu sprechen; innerhalb der Mauern des dunklen Gebäudes ging soviel Eigentümliches vor. Schrecken zeigen, hieß die Schuld eingestehen, und das heilige Offizium kannte keine Gnade. An Flucht war nicht zu denken, wer konnte der Inquisition entfliehen! Und für den Unschuldigen war ein Fluchtversuch der vollgültigste Beweis für seine Schuld. Diego wußte das wohl, er antwortete möglichst ruhig, mit einem neuen Versuch, seiner Aufregung Herr zu werden: „Ich bin stets bereit, den Befehlen des heiligen Offiziums Folge zu leisten." „Vorwärts," befahl derjenige, der die Schergen zu kommandieren schien, ohne Diego zu antworten, „vorwärts!" Die Männer nahmen Diego in die Mitte und schlugen direkt den Weg zum Jnquisitionspalast ein; sie gingen durch die Straße de l'Albarderia, die zu dem Tore der Stadt führte, vor welchem die Aljaferia gelegen war. Sie beobachteten das größte Stillschweigen und gingen mit Vorsicht in die Dunkelheit vorwärts. Diego mußte immer in der Mitte bleiben; je näher sie dem schrecklichen Gebäude kamen, desto mehr verblaßte die schwache Hoffnung, die ihm geblieben war; er hielt sich für verloren. Das Geheimnis, das über Fernandos Duell schwebte, mußte sich unglücklich aufhellen und für ihn und die Seinigen die traurigsten Folgen nach sich ziehen. In diesem Augenblick bemerkte der Unglückliche rechts an der Straße die Türme und Mauern der Aljaferia. Er wollte seine Schritte nach dieser Seite hin lenken, aber zu seinem Erstaunen setzte seine Begleitung ununterbrochen den Marsch fort, ohne sich im mindesten um den Jnquisitionspalast zu kümnieru. Diego wußte nicht, was er denken sollte; diese Wendung war für ihn beruhigend und erschreckend zu gleicher Zeit. Mit der Inquisition hatte er nichts zu tu«, das war wenigstens ein Trost. Aber in wessen Gewalt befand er sich? Wohin führte man ihn? Er blieb stehen. - 538