Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · p. Seite 537

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 537 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228736--63051-3290250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

537 . seiner Ankunft brach die Revolution aus. Francis wurde schon 1774 in den Vertretungskörper seiner neuen Heimat gewählt und ist so der erste Jude, der einem parlamentarischen Körper in Amerika angehörte. Er nahm eifrigen Anteil an der Verteidigung seines Landes und befand sich an der Seite Major Williamsons, des Kommandanten einer Truppe, die ausgesandt wurde, um die Indianer für einen von den Engländern angestifteten Einfall zu züchtigen. Er fiel, von drei Wunden durchbohrt, und wurde, bevor er noch von den Seinen aus dem Schlachtgetümmel getragen werden konnte, von einem Indianer skalpiert. Als der Kommandant ihn erreichte, war seine erste Frage, ob der Feind geschlagen worden sei. Als diese Frage bejaht worden war, reichte er dem Kommandanten zum Abschiede die Hand und sagte, daß er nun ruhig sterben wolle. Er starb auch dreiviertel Stunden nach seinem Falle, am 31. Juli 1776. Salvador war nicht der erste Jude, der Kriegsdienste für das neue Vaterland tat. Schon 1757 war Josef Levy Leutnant in der Kolonialtruppe und hatte als solcher gegen die Indianer gekämpft; als der Krieg mit dem Mutterlande ausbrach, kämpften eine Anzahl von Juden für die Unabhängigkeit ihrer Heimat. Elzas hat acht Namen feststellen können. Es waren unzweifelhaft mehr, denn Joseph Solomon, der in der Schlacht von Beaufort, 1779, fiel, ist in den erhaltenen Listen nicht genannt. Abraham Mendez Cardozo war Hauptmann einer Miliztruppe und wurde nach dem Siege der Engländer verbannt. Viele unterstützten die Sache der Revolution mit Geldmitteln, doch fehlte es nicht an Juden unter denen, welche der britischen Regierung treu blieben, und an solchen, die im Jahre 1780 zur Uebergäbe der Stadt an die englische Armee rieten. Als nun - zwei Jahre darauf (1782) die Amerikaner wieder in den Besitz der Stadt gelangten, gab es allerlei Rekriminationen gegen diejenigen, welche die Petition Zur Uebergäbe unterzeichnet hatten. Unter den Unterzeichnern ist einer, Joseph Mhers, der seinen Namen rjrr (sic) mit jüdischen Lettern schreibt. Unter den Angeklagten ist ein Deutscher, Levy Solomon, der nach seiner Angabe mit den Hessen nach Amerika kam. Es wäre interessant zu erfahren, ob unter den verkauften Landeskindern, welche Schiller zu der pathetischen Szene in „Kabale und Liebe" inspiriert haben, sich auch Juden befunden haben. Mordicai Lyon, „Polander", sagt, er hätte nichts gegen die Amerikaner unternommen, da er die Hände voll au tun hatte, um Weib und Kind von seiner Schneiderwerkstätte zu ernähren. Sehr amüsant ist einer der Zeugen, der als „Moses mit der großen Nase" bezeichnet wird. Er scheint ein Jude gewesen zu sein, doch ist es nicht ausdrücklich bezeugt. Selbst in diesem Lande, das so dünn bevölkert war, daß die Juden niemandem im Wege gestanden sein können, finden sich bereits Zeichen von Antisemitismus. Trotzdem die Juden die Gefahren ihres Landes daheim und im Felde teilten und ihren Patriotismus mit ihrem Blute besiegelten, wurden die alten Anklagen laut. Ein. anonymer Schreiber klagt, 1778, daß Juden aus Georgia mit ihrem auf unredliche Weise gewonnenen Vermögen das Vaterland in Zeiten der Gefahr verlassen hätten und nach Charleston gekommen seien, und ein ebenfalls anonymer Jude erwidert, daß diese Juden nur! Weiber und Kinder gewesen seien, die sich vor dem Feinde geflüchtet hätten. Während des Bürgerkrieges (1861—65) standen die Juden, wie es scheint, durchaus auf seiten der konförderierten Staaten. Für den Europäer ist diese Tatsache gewissermaßen betrübend, da er gewohnt ist, die Südstaaten mit der Befürwortung der Sklaverei zu identifizieren. Das ist jedoch nicht ganz so. Viele der Kämpfer auf seiten der Südstaaten waren entschiedene Gegner der Sklaverei, aber sie kämpften an der Seite der Sklavenhalter für die Autonomie der Staaten gegenüber der Bundesregierung. Allerdings spielt auch die dem Europäer ganz unverständliche Bitterkeit der weißen gegenüber der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten eine bedeutende Rolle. Gabriel Rießer, der die Vereinigten Staaten während der kritischsten Zeit (1856) besucht hat, zeigt uns durch feine Schilderung (Amerikanische Anschauungen und Studien, Gesammelte Schriften, Bd. IV, pp. 725—808), wie unmöglich es dem Europäerj— ich gestehe das auch von mir nach fünfzehnjährigem Ailfenthalte in Amerika — ist, sich diese Stimmung begreiflich zu machen. Der Weiße in den Südstaaten konnte und kann noch heute nicht in dem Neger einen gleichberechtigten Nebenmenschen sehen, und der Jude bildet leider diesem Vorurteile gegenüber keine Ausnahme. Der Rabbiner von Atlanta, David Marx, erzählte mir erst neulich, daß seine Gemeinde es nicht zugeben wollte, daß er den Rabbiner von Pittsburg, I. Leonard Levi, zu seiner Predigt einlade, weil der Letztere den bekannten Neger-Pädagogen Becker T. Washington auf seiner Kanzel habe sprechen lassen. Recht oder unrecht, die Südstaaten waren entschlossen, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen, und die Juden standen ihren Mitbürgern tapfer zur Seite. Elzas zählt 189 Namen von Juden aus Südkarolina auf, die an dem Kampfe auf der konföderierten Seite teilnahmen. Die Liste ist nicht vollständig, da nicht alle Stammrollen erhalten und nicht alle Namen zu identifizieren sind. Eine Frau, Oktavia Moses, sah fünf Söhne im Felde, eine andere, Mrs. Salomon Cohen, hatte 32 Nachkommen in den Reihen der Konföderierten. Benjamin Mordecai opferte sein ganzes Vermögen der Sache seiner Heimat. Er war ein reicher Mann beim Ausbruch des Krieges gewesen und hinterließ bei seinem Tode den Seinen nichts als die Dankesbeschlüsse, welche die Vertretung der Südstaaten ihm votiert hatte. Albert M. Luria hatte^ sich^' ausgezeichnet, indem er unter dem feindlichen Artilleriefeuer an den Verschanzungen arbeitete. Seine Kameraden widmeten ihm zur Erinnerung an die tapfere Tat eine Kanonenkugel mit der Inschrift „dem Stolze seiner Kameraden, denr Tapfersten der Tupfern". Er fiel ein Jahr später (1762) in der Schlacht von Seven Pines. In den Jahren des Friedens, vorher und nachher, haben sich Juden in Südkarolina auf den verschiedensten Gebieten hervorgetan. Myer Moses war Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft (Unterhaus) 1810 und Mitglied des Senats 1818. Wir finden in der Gemeinde Aerzte, Advokaten, Lehrer, Musiker, Maler, Journalisten und Schriftsteller. Mordecai Manuel Noah (1785—1854), der Vorfahr des Zionismus, war 1810 Redakteur der „City Gazette"; Peninah Moise (1797—1880) war eine begabte Dichterin. Auf der anderen Seite haben wir auch einmal einen Juden als städtischen Hufschmied. Selbstverständlich zeigt sich auch dieKehrseite jüdischer Geschichte in Ländern hochentwickelter Kultur und politischer Gleichberechtigung, zumal bei dünn gesäter jüdischer Bevölkerung. Mischehen dezimieren die alteingesessene Bevölkerung. Myer Moses erscheint 1771 in Charleston. Sein ^Sohn, ebenfalls Myer Moses geheißen, war Mitglied der gesetzgebenden Versammlung, er starb 1833 in Newyork. Von^seinen Söhnen wurde Franklin I. Moses (1804—77) Oberrichter des Staates und bekleidete sein Amt von 1868 bis 31t seinem Tode. Sein gleichnamiger Sohn, einer Mischehe entsprungen und als Christ erzogen, war Gouverneur des Staates, ein Amt, das bis jetzt noch kein Jude bekleidet hat. Er machte übrigens seiner Abstammung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.