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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · p. Seite 536

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 536 (sequence 8)
Language
German
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wügung hier nicht zu, da Sie nach der Ihnen erteilten Vollmacht berechtigt sind, sich durch einen andern Anwalt vertreten zu lassen." Der Anwalt hat hiergegen Beschwerde beim Kammergerichtspräsidenten eingelegt und ausgeführt, daß die Auffassung des Landgerichtspräsidenten unzutreffend sei. weil „ganz unabhängig von der Vollmacht" der Auftrag des Mandanten an den Anwalt jedenfalls dahin gehe, die Termine, wenn irgend möglich, selbst wahrzunehmen, namentlich in Strafsachen (es handelte sich um eine Privatklagesache wegen Beleidigung). Der Kammergerichtspräsident hat der Beschwerde in vollem Umfange stattgegeben. Sein Bescheid lautet: „Nach Prüfung der Sachlage habe ich dem Herrn Präsidenten des Landgerichts ll in Berlin mitgeteilt, daß nach meiner Auffassung dem von Ihnen, Herr Rechtsanwalt, bei dem Amtsgerichte Berlin-Schöneberg angebrachten Anträge, den auf den 20. September d. I. anberaumten Hauptverhandlungstermin in der Privatklagesache T c'a W. 21. B. 23. 06. wegen des auf diesen Tag fallenden jüdischen Neujahrsfestes zu verlegen, stattzugeben gewesen wäre. Die Abteilung 21 des genannten Amtsgerichts wird in gleichem Sinne verständigt werden." Lin Kgchruk. Von Oberkantor E. Kirs.chner in München. ls wir, die Vertreter unserer Gemeinden, vor wenigen Wochen zitternd und zagend die bange Frage an Gott, an das Schicksal richteten: Mi jichjeh umi jomuss, be'Kizzo umi lo be’Kizzo?, wer wird noch länger im Sonnenlicht hienieden wallen und wer hinabsteigen in das Reich der Todesschatten?, wer wird seine Lebenszeit, sein Lebenswcrk vollenden und wer unerwartet und vor der Zeit dahinschwinden?, da ahnten wir nicht, daß nur allzubald wir laute Trauerklage erheben werden über den Heimgang eines unserer besten, tatkräftigsten Kollegen und Führer. Oberkantor Schönberger ftt Potsdam, der noch vor einigen Monaten in blühender Gesundheit und jugendlicher Frische sein 25 jähriges Amtsjubiläum begehen durfte, der aus diesem Anlaß an der Stätte seines Wirkungskreises und weit über diesen hinaus außerordentlich geehrt und gefeiert wurde, er ist im Alter von 55 Jahren einem grauenvollen Eisenbahnunglück zum Opfer gefallen. Die Gemeinde, die noch vor kurzem in seltener Einmütigkeit und Herzlichkeit ihrem langjährigen, treubewährten Beamten zugejubelt, beweint heute, tieferschüttert und erfüllt von tiefer Trauer, den so jäh aus dein Leben Gerissenen. Verlor sie doch in ihm nicht nur den biedern, liebenswürdigen, stets hilfsbereiten Menschen, noch mehr beklagt sie den schweren Verlust des künstlerisch veranlagten, zielbewußten und pflichttreuen Fachmanns. Als einer der hervorragendsten und begabtesten Schüler seines Meisters Weintraub in Königsberg, beherrschte Schönberger mit souveräner Meisterschaft ebenso den alten traditionellen Shnagogengesang wie die modernen synagogalen Vortragsweisen. Sein Talent zeitigte aber auch als schaffender Musiker schöne Blüten, die er jedoch in seiner übergroßen Bescheidenheit sich nicht entschließen konnte, zu veröffentlichen, bis auf eine dem Verfasser gewidmete überaus stimmungsvolle Keduschah, die leider sein Schwanen- 586 -- gesang werden sollte, und die beredtes. Zeugnis ablegt von des Autors reichem und reifem Können, die^uns sagt, welch wertvolle Bereicherung unsere Synagogengesangs-Literatur von seinem ferneren Schaffen hätte erhoffen dürfen. Kam diese kurz skizzierte segensreiche Wirksamkeit in erster Reihe seiner Gemeinde zugute, deren Gottesdienst zu regeln und zu veredeln der Verblichene als seine heiligste'Lebensaufgabe betrachtet Hatte, so stellte er mit gleicher Energie und Umsicht seine ungewöhnliche Arbeitskraft und Intelligenz auch in den Dienst der Allgemeinheit, soweit diese das Wohl und Wehe seiner Berufsgenossen umfaßt. Der Notschrei vieler unversorgter Kantorswitwen und Kantvrswaisen, die, ihres Ernährers beraubt, tiefem Elend preisgegeben waren, drang nicht nur an sein Ohr, um ungehört zu verhallen, nein, dieser Notschrei drang tiefer, bis in sein mitleidsvolles Herz hinein, und im Verein mit gleichgesinnten Kollegen gründete Schönberger die Hilfskaffe für Witwen und Waisen deutscher Kantoren, deren Vorsitzender er war, die schon so manche Not linderte und manche Träne trocknen half. Und als es galt, einen Zusammenschluß der Kantoren Deutschlands herbeizuführen, da war es wiederum Schönberger, den das Vertrauen einer stattlichen Anzahl von Berufsgenossen zum Führer und Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Kantorenverbandes erwählte. Was er in dieser Eigenschaft während des kurzen Bestandes dieser Vereinigung geleistet und gewirkt hat, das entzieht sich naturgemäß vorerst der breiteren Oeffentlichkeit, wird aber dereinst bekannt und anerkannt werden. Jetzt schon darf gesagt werden: der Name Schönbergerwird in der deutschen Kantorenwelt immer mit mit größter Ehrerbietung und Hochachtung genannt werden, sein Andenken wird in unseren Reihen fortleben und ein gesegnetes bleiben. Wir aber können unsere Dankbarkeit gegen unseren Führer über das Grab hinaus nur dadurch betätigen, daß wir, ihn stets vorbildlich uns vor Augen haltend, mit gleicher Selbstlosigkeit, mit gleicher Begeisterung und Unermüdlichkeit die Interessen unseres Standes allezeit zu fördern uns geloben. Lm Kapitel ameriKamlch-Milchkr Gelchichtk. Von Professor Dr. Gotthard Deutsch. II. rancis Salvador war im November 1773 in Charleston angekommen. Seine Familie, portugiesischen Ursprunges, und früher Jessurun Rodrigues geheißen, wanderte im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts aus Amsterdam in London ein. Sein gleichnainiger Großvater, Josef Salvador, erhielt im Jahre 1719 das Bürgerpatent und im Jahre 1744 die Bestätigung seines Familienwappens. Die Sache ist einigermaßen dunkel, da erst 1753 den Juden das Bürgerrecht in England gegeben und übrigens schon im nächsten Jahre widerrufen worden war. Francis Salvador hatte die Tochter seines Oheims Joseph geheiratet und war Teilhaber des bedeutenden Bankgeschäftes seines Oheims. Das Erdbeben in Lissabon und der Bankerott der holläudisch-ostindischen Kompagnie hatten das Vermögen seines Oheims bedeutend reduziert, und eine Besitzung von 100 000 Acres (40 000 Hektar) in Süd-Karolina, welche Joseph Salvador besaß, wurde jetzt ein wichtiger Faktor. Francis ging daher nach den Kolonien, um die Interessen seines Hauses zu vertreten. Bald nach

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