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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-09 · Heft 45 (9.11.1906) · p. Seite 533

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 533 (sequence 5)
Language
German
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533 ■- als diplomatischer Repräsentant einer Großmacht konnte Straus'manches für seine Glaubensgenossen in der Türkei tun, noch mehr jedoch hat er für die amerikanischen, unablässig in der Türkei wühlenden Missionare und noch viel mehr für die Armenier getan. Jedenfalls hatte die christliche Welt inehr Grund ats selbst wir Juden, mit dem jüdischen Botschafter in der Türkei zufrieden zu sein. Aber auch in seiner Heimat, namentlich im Staate Newyork, hat Straus sich um sein. Land und um die Juden hervorragend verdient gemacht. So half er im Staate Newyork das Schul-sowie das Krankenwesen reorganisieren. Straus war auch der eigentliche Gründer der National Clivic Federation, einer Gesellschaft, die seit einigen Jahren heftig gegen die Fremdeneinwanderung hetzt. Seit vier Jahren ist Oskar Straus Mitglied des perinanenten Schiedsgerichts zu Haag an Stelle des bis dahin dieses Amt bekleidenden Mr. Roosevelt. Auch literarisch hat sich Straus hervorgetan. Weit berühmt ist sein Werk über „Die Entstehung der republikanischen Regierungsform in den Vereinigten Staaten", sowie „Roger Williams, der Vorkämpfer der Glaubensfreiheit". Oskar Straus ist zum Handelsminister ernannt worden. Da seit zwei Jahren nicht mehr das Finanzministerium, sondern das Handelsministerium das gesamte Einwanderungstvesen leitet, so wird Straus Gelegenheit haben, seinem schwer bedrängten, aus Rumänien, Galizien und namentlich Rußland gehetzten Volke große Dienste zu leisten. . Wer?ahlt die Lriegskolten? Von S. Wiener. ls der Krieg mit Japan unglücklich für Rußland endete, da regte sich in den Herzen der leitenden Staatenlenker neben der Schadenfreude auch eine gewisse Beklemmung ob des verblüffenden Kriegspechs ihres ehemaligen Mitspielers und Meisters im europäischen Konzert. Da war der Wunsch der Vater des Gedankens, dem flügellahmen Kollegen beizuspringen und ihm zu einem ehrenvollen, erträglichen Frieden zn verhelfen. Präsident Roosevelt, welcher das Schiedsrichteramt in Portsmouth übernahm, setzte es bei dem siegreichen Japan durch, daß dieses sich mit seinem eroberten Besitzstand in der Mandschurei zufrieden gab, auf alle Kriegsentschädigung verzichtete und nur die Wiedererstattung der effektiven Kosten für die Verpflegung und Heimschaffung der zahlreichen Kriegsgefangenen verlangte. Was blieb auch dem ermüdeter! Sieger anders zu tun übrig, wenn die ganze Welt dahinterstand, als faire bonne mine ä mauvais jeu? Dieser ewig denkwürdige Frieden machte dem schrecklichen ostasiatischen Kriegsgraus ein Ende und ermöglichte den vorläufigen Fortbestand des Hauses Romanoff. Ein schwierigerer und gefährlicherer Krieg erwartete aber das geschlagene Zarentum im Innern, den es schon seit seinen: Bestehen führt: mit seinen eigenen getreuen Untertanen und der gesamten Zivilisation. Die Unzufriedenheit der erstecen, das steht nun heute für jeden außer aller Frage, ist ans das Konto der greulichen, inißwirtschaftlichen und administrativen russischen Zustände, der Unbeugsamkeit der Autokratie und ihrer Ungeneigtheit und Unfähigkeit in Schaffung eines geordneten verfassungsmäßigen Staatswesens zu setzen. Wer trägt nun aber den Schaden, der aus allen diesen Wirren und Erschütterungen erwächst? Nicht bloß die eigenen Landeskiirder, sondern auch die ganze Kulturwelt, die alle ihre teuren Errungenschaften durch diesen wiedererwachten mittelalterlichen Graus bedroht sieht und außerdein jo stark in Mitleidenschaft gezogen wird — teils durch den gestörten Handelsverkehr, teils aber auch durch die nicht endenwollenden Wanderzüge der unglücklichen Flüchtlinge, die das europäische und transatlantische Proletariat unsäglich vermehren rrnd das soziale Uebel der Welt ins Unermeßliche vergrößern. ES ist in der Tat der Hunnenzug des zwanzigsten Jahrhunderts, den die Kulturstaaten gleichmütig über sich ergehen lassen müssen. Wir denken nicht daran, damit die schutzsuchenden Flüchtlinge zu kränken und ihnen ihr Asylrecht zu schmälern. Denn ihre Schuld ist es wahrlich nicht, daß sie ihre unwirtliche Heimat herdenweise verlassen und als unwillkommene Gäste erscheinen müssen. Wie sollten sie das nicht, wenn sie all ihrer Habe beraubt und so ungeeignet sind, sich in die fremde Eigenheit einzuleben, nachdem ihr Mutterland sie so grausam vernachlässigt und ihnen so wenig wirtschaftlichökonomischen Sinn gelehrt hat? Hat ja auch jedes Land seine besonderen Sitten und Gewohnheiten, die sich nicht im Fluge ablegen und Umtauschen lassen. Und so ist die Fremde das große Elend für alle die Juden, die Finnen, die Deutschen, die Polen und Ruffen, die, der gewohnten Scholle gewaltsam entrissen, das bittere Brot des Exils zu genießen gezwungen sind. Der Löwenanteil dieses gewaltigen Wauderzuges entfällt aber auf das unglückliche Judentum, das, wie wir sahen, vor allem so schrver gelitten und im letzten Vierteljahrhundert wohl an 500 000 Ahasvers in die Welt gesetzt hat. Ich übergehe ihre Leiden, die ich selbst beobachtet, selbst miterlebt habe — in beiden Welten, die bereits von mir vielfach und anderweitig geschildert worden sind. Gehöre ich ja auch zu der» unglücklichen Opfern, die die unholde russische Regierung ans einer dreißigjährigen Lehrertätigkeit gerissen und in die ungewisse Fremde hinausgestoßen hat. Die Ströme von Blut und Tränen bei den fürchterlichen Greueln in Kischinew, Homel, Odessa, Bialystok und anderen Plätzen beiseite lassend, welche Unsummen sind vernichtet worden und daraufgegangen, um alle die Unglücklichen fortzuschieben und unterzubringen? Mar: hätte dafür wohl zehn Palästinas kaufen können. Ich will jedoch nicht damit gesagt haben, daß ich in dieser ungeheuerlichen phantastischen Schöpfung, welche die Zeitlage geboren, irgendwelches Panacee erblicke. Millionen hat allein der Deutsche Hilfsverein in Berlin für diese Zwecke aufgewandt. Die Schenkungen des Barons Maurice de Hirsch belaufen sich auf hundert Millionen. Auch andere Länder sind mit ihren Gaben nicht knauserig zurückgeblieben. Kürzlich noch sind 12 oder 15 Millionen aus allen Teilen der Welt zur Linderung der Not der letzten Pogromopfer zusammengeflossen. Wer zählt endlich die Unsummen, die alle die Experimente des Zionismus, der Alliance Israelite Universelle, der Jewish Golonisation Association und anderer Gesellschaften verschlungen haben? Wir können dreist den entstandenen Geldschaden mit dem Milliardenmaßstabe bemessen. Und diese Unsummen haben nicht inurrer Nrrtzen gebracht und sind mitunter geradezu ins Wasser geworfen worden. Argentinien, England und selbst das Dorado der unbegrenzten Möglichkeiten leiden an einem Ueberschuß verzweifelter Existenzen, die sich nach der Heimatscholle zurücksehnen und die Möglichkeit, dieselbe wieder betreten zu können, freudigst begrüßen würden. Das sind die Kriegskostenziffern, die die Zivilisation zu buchen hat. In der inneren russischen Bewegung scheint es nun in der letzten Zeit etwas stiller gelvorden zu sein. Vielleicht bedeutet dies einen Waffenstillstand, der möglicherweise zu einen: Frieden und zum Fortbestand der Romanoffschen Dynastie führt.

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