Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Viertel der Bedarfssumme derselben pro 1906/07 zu erhöhen ist, überwiesen. Die übrigen drei Viertel werden von der Alliance Israeiite, dem Hilfsverein der Deutschen Juden und der Größtoge für Deutschland U. O. B. B. gezahlt. — Zur Ausführung von Neupflasterungen und Erdarbeiten aus dem Friedhose in Weißensee werden 12 549,60 Mark bewilligt. — Dem Verband für Statistik der Juden wird nach Ablehnung der geforderten dauernden Subvention ein einmaliger Beitrag von 1000 Mark gewährt. — Die Bewilligung eines Beitrages zu den Kosten der Einrichtung eines Festgottesdienstes nach fephardiichern Ritus brachte eine lebhafte Debatte. Eine Anzahl Gemeindemitglieder welche, wie es in der Vorstandsvorlage heißt, der „Sekte der Chassidim" angehören und das Jahr über ihren Gottesdienst in einer kleinen privaten Betstube abhalten, hat den Gemeindevorstand um einen Beitrag gebeten zur Veranstaltung eines Festgottesdienstes für etwa 80 Personen an den hohen Feiertagen. Die vom Vorstand zur gutachtlichen Aeußerung aufgeforderten Rabbiner Dr. May bäum und Eschelbacher haben das Gesuch befürwortet. Insbesondere wurde von ihnen darauf hingewiesen, daß bei der weitgehenden Abweichung des sephardischen Ritus von dem unserigen das Verlangen nach Einrichtung eines Sondergottesdienstes für die Anhänger jener Gebetweise als berechtigt anerkannt werden müsse, ferner darauf, daß es sich bei den Antragstellern zumeist um völlig unbemittelte Personell handle. Der Vorstand hat der Bitte entsprochen und 50 Mark als Beihilfe gewährt, deren nachträgliche Genehmigung er nunmehr erbittet. Zn einer, langen Debatte konnten die Repräsentanten nicht zur Klärung kommen, ob die Chassidim eine Sekte im Judentum bilden oder nicht. Die Herren Justizrat S im on. Professor Kali sch er und Manheiuler hielten sie für eine Sekte und lehnten deshalb aus prinzipiellen Gründen, um hierdurch das Sektenwesen nicht zu fördern, die Bewilligung ab. Die Herren Loewenthal, Dr. Cohn, Professor Blaschke und Geheimrat Blumenthal sprachen sich dagegen für die Bewilligung aus. Prof. Blaschke betont nachdrücklich, daß weder die Chassidim noch die Sephardim eine Sekte bilden; zum Sektenwesen gehöre notwendig eine wesentliche Abweichung im Religionsgesetz. (Sehr richtig. Tie Red.) Auch Syndikus Justizrat Lilienthal weist darauf hin, daß es sich bei dieser Beihilfe gar nicht um Unterstützung einer Sekte handle, welcher der Vorstand seine Sympathie beweisen wolle, sondern nur um einen Beitrag an bedürftige Leute, die nach sephardischem Ritus zu beten gewöhnt seien. Große Heiterkeit erzielte er, als er darauf hinwies, daß in den Gutachten der Rabbiner unglücklicherweise das Wort Sekte vorkomme, das gar nicht darin - zu stehen brauchte. Die Opponenten setzten trotzdem es durch, daß die Gutachten verlesen wurden, und hiernach wurde auf Antrag Weinberg, die Vertagung beschlossen. Unmittelbar daraus erklärte Justizrat Lachmann zum allgemeinen Staunen der Versammlung, daß nunmehr der Gemeindevorstand die Vorlage zurückziehe, da er nicht den Wunsch habe, daß über diese Angelegenheit noch einmal eine lange Debatte entstehe. — Rach dieser Sensation wurden im Eiltempo alsdann noch zahlreiche Vorlagen zur Erledigung gebracht. Die Subvention für den Verein Schochare hatob und 23'ne Brith- Gemeinde wird auf Grund einer nochmaligen Beratung auf 4000 Mark Pro 1906/07 erhöht. — Die von den Veltener Juden, die bisher zur Gemeinde Oranienburg geyören, gewünschte Angliederung an den Berliner Shnagogenbezirk wird abgelehnt auf ein von der Friedhofskommission erstattetes Gutachten hin, deren Verwaltung infolge der kürzlich erfolgten Zuteilung mehrerer Ortschaften bei Abholung von Leichen mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Dagegen hat sich die Gemeinde bereit erklärt, den schulpflichtigen jüdischen Kindern des Ortes den Besuch der hiesigen Religionsschulen unter denselben Bedingungen wie den Kindern der Berliner Gemeindemitglieder zu gestatten. — Nach Absetzung von sechs Rechnungsabschlüssen von der Tagesordnung folgen eine Reihe von Wahlen und Ersatzwahlen. Die Zahl der in die gemischte Deputation für den Bau der Synagoge Fasanenstraße abzuordnenden Mitglieder der Baukommission wird um zwei vermehrt. Die turnusmäßig ausscheidenden Mitglieder der Friedhofskommisfion werden wiedergewählt. An Stelle des verstorbenen Josef Fraenkel wird Herr Loewenthal in die Bau- und Armenkommijsion, Dr. Cohn in den Vorstand der Synagoge Lützowstraße gewählt. An Stelle des verstorbenen L. Sieskind wird Herr Benas Levy in den Vorstand der neuen Synagoge entsandt. In den Ausschuß I treten die neugewählten Repräsentanten Prncus, Levy und Weinberg ein. in den Ausschuß II Emil Prncus. In die gemischte Deputation zur Beratung der Frage einer Ausgestaltung der Barmizwahfeier in den Synagogen ohne Orgel wird Herr Weinberg abgeordnet. In den Vorstand der neuen Synagoge wird Alexander Hahn, in die Friedhofskommisfion Subdirektor Leszynski, in den Vorstand des Hospitals Jsmar Hambu.rger, in das Kuratorium des zweiten Waisenhauses Benas Levy entsandt. Zur Vorbereitung der Wahl eines Aeltesteu-Stell Vertreters an Stelle des krankheitshalber ausgeschiedenen Geheimen Regierungsrat Professor Pinn er wird ein Ausschuß eingesetzt, in welchen die Herren Sachs, Blumenthal, Kommerzienrat Friedländer, Veit Srmon, Manheimer, Hirsch und Blaschke gewählt werden. Professor Blaschke gibt namens des Ausschusses dem aufrichtigen Bedauern Ausdruck, daß Geh^imrat Pinner sich veranlaßt gesehen hat, aus dem Vorstande auszuscheiden. — An die dreistündige öffentliche Sitzung schloß sich eine kurze geheime Sitzung. 8. Berlin, 28. Oktober. Die von den Zeitungen gebrachte Notiz, daß die Jüdische Gemeinde zur Anlegung eines neuen Friedhofes in der Nähe von Lankwitz Gelände von 100 bis 120 Morgen Größe für etwa IVa Millionen zu erwerben beabsichtige, entspricht in dieser Form, wie wir von authentischer Seite hören, keineswegs den Tatsachen. Es schweben zwar Verhandlungen über den Erwerb eines neuen Friedhofgeländes, die jedoch noch nicht zum Abschluß gelaugt sind. Sobald der Ankauf perfekt ist, werden wir über die Lage des Terrains und dessen Erwerbspreis unseren Lesern Mitteilung machen. S. Berlin, 23. Oktober. Den einleitenden Vortrag im Verein für jü d ische G e sch ichte und Literatur hielt heute vor einem dichtgesüllten Auditorium im Oberlichtsaale der Philharmonie der bekannte Kunsthistoriker Professor Dr. Max Schmid aus Aachen über „Lieberrnann und Israels." An der Hand vorzüglicher Projektionsbilder erläuterte der Vortragende in interessanten und fesselnden Ausführungen den Werdegang der beiden durch innige Freundschaft verbundenen Künstler, die trotz mannigfacher Schwierigkeiten sich zu einer führenden Stellung innerhalb ihres Künstlertums emporgerungen haben. Er wies besonders auf die beiden Männern gemeinsame Fähigkeit hin. sich einerseits der jeweiligen Umgebung anzupassen und anderseits mit zäher Energie an den Traditionen ihres Stammes festzuhalten. Beide sind treue Söhne ihres Stammes und haben dies mehrfach in ihren Werken freudig bekannt. Mit ungemindertem Interesse folgte das Publikum den Darlegungen und gab seinen Dank durch wiederholten Beifall zu erkennen. 22 Berlin, 29. Oktober. Wie man uns mitteilt, hat die deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance Israälile Universelle die bekannte Monatsschrift „Ost und West" als ihr Organ für ihre Publikationen erworben als Ersatz für die seitherigen Monatsberichte, die in den letzten Jahren viel von ihrem Wert und Interesse ver* loren hatten. Es kann für die Zwecke der Alliance nur vörteilhast sein, wenn ihre Berichte aus aller Herren Ländern in einem vornehmen, künstlerisch ausgestatteten Organ erscheinen und dadurch einen weiteren Leserkreis gewinnen. s. Berlin, 25. Oktober. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat eine hochherzige Spende erhalten. Es find ihm 10000 M. zur Verfügung gestellt worden mit der Bestimmung, daß dieser Betrag insbesondere unseren Glaubensgenossen in Rußland zugute kommen soll. Ueber die näheren Festsetzungen betreffs der Verwendung schweben noch Verhandlungen zwilchen dem Geber und dem Hilssverern. Der edle Spender dieses Betrages ist Herr Gustav Levinstein in Berlin, der sich schon häufiger in großherziger Weise humanitär betätigt hat. Stiftungen solcher Art, denen eine besondere Zweckbestimmung zugewiesen wird, sind von höchstem Segen. Es können aus diese Weise spezielle Aufgaben gelöst werden, die der Hilfsverein aus seinen laufenden Mitteln zu bestreiten nicht in der Lage wäre. Hoffentlich findet dieses schöne Vorbild noch vielfach Nachahmung. 8. Berlin, 28. Oktober. Das Komitee für Chanukah* bescherung wendet sich von neuem voll Zuversicht an den altbe« währten Wohltätigkeitsfinn unserer Glaubensgenossen und Genossinen