Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 528 - Kultusangelegenheiten werden bei nns vom Justizministerium (Ministero di Gräzia, Giastizia e Culti) behandelt. Drittens kommt es bei uns beinahe nie vor, was dagegen in Deutschland und Oesterreich gut möglich ist, daß ein höherer Beamter Minister wird. In den parlamentarischen Regierungssystemen wie das unsere werden bekanntlich die Minister aus den Mitgliedern der zwei Kammern gewählt. Ihr ganz ergebener Nom, 20. Oktober 1906. Prof. Dr. Adolfo Nava. * Geehrte Redaktion! ^fch lese eben durch Zufall Ihre letzte Nummer und habe hier auch Ihre Notiz über die jüdischen Minister gelesen. Sie behaupten, es gäbe zurzeit nur ganz wenige jüdische Minister. Ich bin Forschungsreisender, Jude, und in den «leisten der angeführten Länder schon kürzere und längere Zeit gewesen und kenne die politischen Verhältnisse ziemlich genau, insbesondere persönlich viele Politiker betreffender Länder. Ich gestatte mir nun, Sie aufzuklären, daß die meisten der genannten Persönlichkeiten zurzeit wirklich amtieren oder doch in der letzten Zeit amtiert haben und, was die Hauptsache in diesem Falle ist, wirklich Juden sind. Ich könnte sogar aus eigenem der Liste noch drei jüdische Minister diverser Länder hinzufügen. Ihre Bemerkung, daß die südamerikanischen Minister jedenfalls Marannen sind, ist teilweise richtig. Dieselben sind aber schon seit vielen Dezennien wieder zum Judentum zurückgetreten. Trotz der Verfolgungen von seiten der Jesuiten nehmen diese Juden meist sehr geachtete und nicht selten ganz hervorragende Staatsstellungen ein. In Lima, der Hauptstadt von Peru, besteht z. B. seit dem Jahre 1689 eine jüdische Gemeinde, die nur von ehemaligen Marannen gebildet wurde. Es ist in Europa noch sehr wenig bekannt, daß in Südamerika inlmer mehr Marannen zum Judentum offiziell zurückkehren, allerdings zumeist noch keine Gemeinden bilden, (Hauptjächlich der Jesuiten wegen.) Ich bemerke noch, daß der Präsident von Venezuela, Castro, ebenfalls Maranne ist. aber zurzeit katholisch ist. Der genannte siamesische Zeremonialminister ist nicht, wie der Name vermuten läßt, ein Siamese, sondern ein deutscher Jude namens Dr. Ansbacher aus Würzburg in Bayern und seit 38 Jahren in Siam ansässig, wo er es zum Minister brachte. Es gibt dort noch mehrere hohe jüdische Staatsbeamte. Daß der von den Mächten aufgestellte chinesische Zollminister Robert Hart Jude ist, ist im Osten ziemlich bekannt. Aus der genannten Liste sind lediglich auszumerzen der italienische Finanzminister Massiniri (welcher katholisch ist) und der holländische Marineminister Cohen, welcher getauft ist. Sonst sind alle Genannten Juden. Bei genauen Nachforschungen lassen sich in den verschiedenen Ländern sicher noch viele jüdische Minister feststellen, insbesondere in den australischen Bundesstaaten und in Asien. Ich bitte, wenn Sie dies veröffentlichen sollten, meinen Namen noch wegzulassen. Hochachtungsvollst Paris, Zurzeit Pasing b. M., 19. Oktober. Dr. M. A. (Wir müssen demgegenüber auf unserer früher ausgesprochenen Ansicht verharren. Vergl. den Brief aus Rom und das Entrefilet über Australien in dieser Nummer. Die Red.) * Geehrter Herr Redakteur! ie „Allgemeine Zeitung des Judentums" veröffentlichte in der Nummer 43 einen „Rheinischen Brief", in dem der anonyme Verfasser wörtlich sagt: „Während in der Rheingegend überall ein kräftig pulsierendes jüdisches Leben zu beobachten ist. das sich nicht in ein paar Großstädten konzentriert, zeigt die Nachbarprovinz (Westfalen) ein anderes Bild. Daselbst geht die belebende Anregung!nur von den unmittelbar an die Rheinprovinz grenzenden Gemeinden aus, die noch einen starken Einschlag rheinischen Lebens haben. Insbesondere die Dortmunder Gemeinde verfügt über eine beträchtliche Anzahl intelligenter und weitschauender Männer, welche die Sorge für den Ziw sammenhall der westfälischen Gemeinden übernommen haben." Durch diese Sätze wird allen westfälischen Gemeinden, die „nicht unmittelbar an die. Rheinprovinz grenzen" und „keinen Einschlag rheinischen Lebens" haben, der Vorwurf der Interesselosigkeit auf religiösem Gebiete gemacht. Dieser Vorwurf erscheint ^un so unberechtigter, als der Verfasser des „Briefes" den rheinischen Juden das Lob erteilt, daß in ihren Gemeinden „überall ein kräftig pulsierendes jüdisches Leben zu beobachten ist". Dieser Angriff auf die religiöse Gesinnung einer großen Anzahl westfälischer Juden widerspricht aber den Tatsachen, wie Sie selbst bezeugen werden. *) Als größte der angegriffenen, „nicht unmittelbar an die Rheinprovinz grenzenden" westfälischen Gemeinden stellen wir folgende Tatsachen fest: Die anerkannt bedeutsamste Institution zur Pflege des jüdischreligiösen Lebens in den preußischen Provinzen sind die Provinzialverbände der Synagogengemeinden. Der jüngste dieser Verbände ist der rheinische, der erst sehr spät zustande kam; einer der ältesten dagegen ist der westfälische, der bereits im Jahre 1891 aus Anregung Bielefelds und in Bielefeld gegründet worden ist. Es traten ihm damals sofort 22 Gemeinden bei, deren Zahl sich schon im ersten Jahrzehnt auf 44 (heute 52) erhöhte. Nur die wenigsten dieser Gemeinden grenzten „unmittelbar an die Rheinprovinz". Zwölf Jahre war Bielefeld der Sitz des Verbandes, und dem Verbandsausschusse gehörten und gehören heute noch Männer aus ganz Westfalen an. Was der Verband in den 15 Jahren seines Bestehens durch das treue Zusammenarbeiten aller Ausschußmitglieder geschaffen hat, ist in unserer Provinz ebenso bekannt wie die ausgezeichneten Verdienste der Dortmunder Verbandsleitung, und auch die Berliner Zentralstelle, der „Deutsch-Israelitische Gemeindebund", hat wiederholt in gedruckt vorliegenden Berichten anerkannt, daß die Tätigkeit des westfälischen Verbandes stets eine besonders erfolgreiche gewesen ist. Die Uebergabe der GeschÜftsleitung an die Gemeinde Dortmund erfolgte im Jahre 1903 und zwar in freundschaftlicher Uebereinstimmung mit 'allen in Betracht kommenden Persönlichkeiten ans Grund einer von Bielefeld gegebenen Anregung, und im ersten Jahresbericht, den die Dortmunder Verbandsleitung veröffentlichte, betonte sie. daß sie bestrebt gewesen sei, „die Verbandsgeschäfte ganz in der bewährten Weise und in dem ausgezeichneten Geiste unserer Vorgänger fortzusetzen". Dieser Geist gemeinsamer ernster Arbeit im Dienste des Judentums beseelt auch heute noch den Ausschuß unseres Verbandes, dessen Mitglieder in herzlichem Einvernehmen den gleichen Interessen dienen. Wir müssen das, obwohl es für uns Westfalen selbstverständlich ist, hier ausdrücklich feststellen. Zu der weiteren Behauptung des „Briefes", daß bei einer zum Zwecke der Wahl eines Propagandaausschusses für den „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im vorigen Winter in Düsseldorf abgehaltenen Zusammenkunft das Verhältnis der westfälischen zu den rheinischen Delegierten wie 2 : 10 gewesen sei, bemerken wir noch kurz: In Westfalen wohnen 20 000 Juden, in der Rheinprovinz 50 000, so daß das natürliche Verhältnis schon 2:5 ist. Dazu kommt noch, daß die Versammlung in Düsseldorf abgehalten wurde, also im Zentrum der rheinischen Großgemeinden. Wir hatten gar keine Veranlassung, jene Versammlung zu besuchen, zumal wir ihr nicht diese große Bedeutung beimessen. Das persönliche Urteil über den religiösen Geist in den westfälischen Gemeinden, die „nicht unmittelbar an die Rheinprovinz grenzen", ist uns gleichgültig , wir würden es keiner Entgegnung für Wert halten. Aber es kann uns nicht gleichgültig sein, wenn in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" dies Urteil veröffentlicht wird. Bielefeld,.28. Oktober. Hochachtungsvoll Der Vorstand der Synagogcngemeinde . M. Katzenstein. i) Dies geschieht sehr gern. Wir können aus eigener Anschauung üver den regen Gemeingeist, der in den jüdischen Gemeinden Westfalens durchweg herrscht, nur das beste Urteil nbgeben. Kein anderer Landesteil Deutschlands leistet in dieser Beziehung mehr für das deutsche Judentum. Die Red. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.