Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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525 Auch in dieser Beziehung muß ich Gräh widersprechen, wenn er die unmittelbare Wirkung der Reformation nur darin sieht, daß die verschiedenen Religionsparteien, reichlich mit ihren internen Streitigkeiten beschäftigt, die Juden in Ruhe ließen (Bd. IX, p. 196, 3. A.). Das Eintreten Melanchthons und Capitos zugunsten verfolgter Juden (Feilchenfeld: Josel von Rosheim, p. 183) darf wohl aus ihrer liberaleren Religionsanschauung erklärt werden. Ganz deutlich spricht aber Landgraf Wilhelm IV. von Hessen in einem Briefe an seinen Bruder, den Landgrafen Ludwig von Marburg, den Standpunkt der Reformation aus, wenn er gegen den „Judenfeind" des Pfarrers Nigrinus (Gießen 1570) das Argument geltend macht, daß die Anschauung, welche behauptet, daß die Obrigkeit das Recht habe, einer ihr nicht genehmen Religion die Duldung ju versagen, dahin führe, daß „die Papisten hätten eine gute Bementelung keine andere Religion in ihren Landen als die papistische zu dulden" (Allgemeine Zeitung des Judentums 1856, p. 253). In Südkarolina tritt das deutlich hervor. In dem Kolonialhunger jener Zeit handelt es sich darum, die von Karl II. einer Gesellschaft von sechs Lord Protektors übertragene Kolonie io rasch als möglich zu bevölkern. Diesem Zwecke sollte unter anderem die völlige Religionsfreiheit dienen, welche die von John Locke ausgearbeitete Konstitution proklamierte (1669). Man wird überhaupt gut tun, John Locke, als dem Haupte der englischen Deisten, einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der jüdischen Geschichte einzuräumen, wie es sich schon aus der Sympathie Mendelssohns für Lockes Schüler, den Grafen von Shaftesbury, ergibt. Lockes Essay on Human Understanding ist die Proklamation jener Auffassung von Gewissensfreiheit, welche Pius IX. noch zwei Jahrhunderte später in seinem Syllabus verdammte. Die neue Konstitution sagt ausdrücklich: Nachdem in dem zu besiedelnden Territorium sich allerlei Heiden befinden, die wir nicht vertreiben dürfen, und nachdem die aus anderen Ländern kommenden Ansiedler in bezug auf Religion verschiedene Ansichten haben werden, ist es im Interesse des Friedens nötig, ihnen völlige Freiheit zu lassen; auch Heiden, Juden und andere Bekenner einer von der christlichen Wahrheit abweichenden Religion sollen hier Gelegenheit haben, sich mit der christlichen Wahrheit bekannt zu machen. Schon im Jahre 1695 berichtet der Gouverneur John Archdale, daß er sich eines Juden als Dolmetschers mit den spanisch sprechenden Indianern bediente, und im Jahre 1697 werden vier Juden aufgezählt, welche in der neuen Kolonie das Bürgerrecht erhielten. Im Jahre 1763 wird von seiten fanatischer Dissenters darüber Klage geführt, daß „Juden, Ausländer, Bediente, Neger und fast alle französischen Ausländer" an den Wahlen teilgenommen hätten. Fortschritte sind jedoch stetig zu verzeichnen. Jüdische Plantagenbesitzer werden schon im Jahre 1715 erwähnt. Juden nehmen auch an den Geheimgesellfchaften wie an dem „würdigen und freundschaftlichen Orden der Ubiquarier" sowie an dem Freimaurerbunde teil. Ihr Gemeindeleben datiert erst seit 1750. Es hat eine interessante, typische Vorgeschichte. James Oglethorpe, der tapfere Heeresführer und Philanthrop, hatte die nach dem König benannte Kolonie Georgia gegründet. Sie sollte ein Bollwerk der englischen Jnteresiensphäre gegen Spanien sein und gleichzeitig entlassenen Verbrechern und ganz besonders den im Schuldgefängnisse schmachtenden Bankerotteuren Gelegenheit geben, ein neues Leben zu beginnen. Die damals noch kleine Sephardimgemeinde in London wollte die Gelegenheit benutzen, um ihren zahlreichen Armen eine neue Heimat zu begründen und schickte sie dahin. Mr. Oglethorpe fand das sehr bedenklich, da durch solche Nachbarschaft das Selbstgefühl der Herren Spitzbuben leiden und ihre Besserung unmöglich gemacht werden würde. Die Verwaltung der Kolonie machte nunmehr den Juden den Aufenthalt so unangenehm, daß viele von ihnen es vorzogen, nach dem freundlicheren Süd-Karolina auszuwandern und sich in der Hafenstadt Charleston, früher Charles Town, niederzulassen. Dort wurde denn im Jahre 1750 eine Gemeinde begründet. Da das führende Element sephardisch war, blieb die Gemeinde dem sephardischen Ritus treu, obwohl die Zuzügler besonders seit dem Unabhängigkeitskriege zumeist Deutsche, und gelegentlich auch Polen waren. Einzelne kamen auch aus den holländischen westindischen Kolonien, lind diese sind wohl den Sephardim zuzurechnen. Ein Name Meshod (“TIJ?Dö) Tobias scheint auf Nordafrika hinzuweisen. Die Sheftall dürften aus Polen gekommen sein. Eine Art Jtv hatte sich schon 1734 gebildet und wollte von der Regierung eine große Länderstrecke zum Zwecke einer jüdischen Ansiedlung erlangen. Das Projekt fiel ins Wasser. Die Gemeinde wuchs langsam. Um 1800 gab es nur hundert Familien in Charleston. Ihre geistlichen Beamten waren Mitglieder, die das Vorbeteramt als Ehrenamt versahen. Als erster in ihrer Reihe ivird Moses Cohen genannt, dem das Gedenkbuch der! Gemeinde eine spezielle „Escaba“ an jedem Versöhnungstage widmet, weil er der erste „klevereud Doctor“ der Gemeinde gewesen sei. Man sieht, daß amerikanische Gemeinden schon damals mit der Erteilung von Titeln sehr freigebig gewesen sind. Der Beschluß ist freilich nicht im Original, sondern in eitler aus dem Jahre 1820 stammenden Ueberarbeitung vorhanden, aber jedenfalls noch lange vor der Zeit, als David Einhorn mit seinem ätzenden Spotte einen Gegner übergoß, den seine Gemeinde als „Rabbiner, Prediger und Doktor" I ausgenommen hatte. Moses Cohens Nachfolger ist Jsaac Da Costa aus London, ein Schüler des der pantheistischen Häresie angeklagten David Nieto. Ob er Gehalt bezogen hat, läßt sich nicht seststellen. Jedenfalls betrieb er neben seinem Amte auch ein Geschäft. Seine Nachkommen sind, wie das bei den meisten der alten Familien der Fall ist, fast ausschließlich Christen. Von hervorragender Bedeutung sind zwei aus. England eingewanderte Juden: Moses Lindo und Francis.Salvador. Moses Lindo war ein Makler in Kolonialprodukten und eiil hervorragender Sachverständiger in Indigo. Der englischeil Regierung kam es begreiflicherweise daralis an, dem Produkte ihrer eigenen Kolonien auf dem englischen Markte den Vorzug vor dem der französischen zu verschaffen. Moses Lindo kaiil daher im Jahre 1756 nach Charleston, um sich dem Jndigoexport zu widmen. Durch Tüchtigkeit und Eifer brachte er es dahin, daß er von dem Gouverneur zum Oberinspektor des Jndigohandels ernannt wurde. Er war als Kenner so geschätzt, daß seine Bewertung auf dem Markte als autoritativ galt. Vom religiösen Standpunkte ist es interessant, daß Moses Lindo in seinen Annoncen ausdrücklich angibt, daß sein Kontor am Sabbat geschlossen sei. Er starb im Jahre 1774. Aus den Gerichtsakten, seinen Nachlaß betreffend, konnte Elzas Nachweisen, daß Lindo nicht, wie Kayserling') meint, ein reicher Plantagenbesitzer, sondern nur Kaufmann war. In seinenl Nachlaß befand sich nur Mobiliar. MM. h Sinai, Bd. IV, 324, Baltimore, 1859. -) Monatsschrift für Gesch. u. Miss, des Zud. VIII. p. 105.