Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · p. Seite 524

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228690-3228735--63033-3290231
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

524 Glaubensgenossen in Rußland die schwersten Gefahren. Die Nachrichten, die der Hilfsverein der deutschen Juden aus Bialhstok und Siedlce und Warschau erhält, lauten noch immer sehr traurig. Noch trauriger aber sind die Zustände im Süden Rußlands, hauptsächlich in Odessa und Kischinew. Jeden Augenblick können neue Pogrome ausbrechen. Darum bleibt es Pflicht der jüdischen Organisationen, sich stets gerüstet zu Hallen. Lin Kapitel ameriKsnilch-Milcher Geschichte. Von Professor Dr. Gotthard Deutsch. I. 3n einer seiner Ghettogeschichten hat S. Kohn die recht typische Erzählung von einem Hausierer, dem eS gelang, durch die Gunst des Burggrafen das heiß ersehnte Recht zu erlangen, in der Altneuschul Schofar zu blasen. Der Vorsteher, mit den Wünschen Seiner Exzellenz nicht ganz einverstanden und doch nicht in der Lage, sie zu ignorierett, wagt es, in tiefster Ehrfurcht ersterbend, demutsvoll zu berichten, daß der pp. Jud' und Hausierer am Versöhnungstage den Schofar blasen soll. Der auf diese Weise Ausgezeichnete ist aber nicht zufrieden, denn an diesem Tage kann er nur einen Ton blasen. „Dummer Kerl!" meint Seine Exzellenz, „wenn Du erst den Schofar in der Hand hast, blas' doch, bis du platz'st!" Leider kann ich den Schofar der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" nicht häufig genug zum Munde führen, und darum will ich, wenn mir einmal die Gelegenheit gegeben ist, meine ganzen „dreißig Töne" haben und ein klein wenig über die grundlegenden Prinzipien der jüdischen Geschichtsschreibung sprechen. Jüdische Geschichte ist bisher ein wenig zu einseitig vom gelehrten und rabbinischen Gesichtspunkte, ja ein wenig von dem Horizonte der Warte, Breslau, Wallstraße 16, geschrieben worden. Graetz läßt in seiner „Volkstümlichen Geschichte der Juden" die jüdische Geschichte in die Rabbinerseminarien ausmünden, denen „der Beruf des Propheten Elias", die dauernde Versöhnung der Gegensätze zu bewirken, angewiesen »vird. Mir will es scheinen, daß die Rabbinerseminarien nur spät eingetretene Wirkungen der modernen Entwicklung des Judentums und nicht dessen treibende Kräfte sind. Das allmähliche Eintreten der Juden in die geistige Kultur ihrer Umgebung und die aus der allgemeinen Weltentwicklung zu erklärende Eröffntrng aller gelehrten Berussarten für die Juden seit dem Jahre 1848 hat die Jeschibas westlich von der Leitha und der Weichsel verödet und die Notwendigkeit von Rabbinerbildungsanstalten geschaffen. Erst in zweiter Linie steht die positive Ursache einer systematischen Vorbildung jüdischer Theologen. Ebenso einseitig ist die hervorragende Stellung, welche der Reuchlin- Pfefferkorn'schen Broschürenfehde eingeräumt wird. Das erscheint mir, als ob jemand den modernen Antisemitismus von Rohlings Talmudjuden datieren oder nach solchen Erscheinungen wie Ahlwardts „Judenflinten" und den Petitionen um Uebersetzung des Schulchan Aruch gruppieren wollte. Klerikale, feudale und bnreaukratische Interessen vereinigten sich, um zu Agitationszwecken in den breiten Massen den Glauben zu verbreiten, daß die moderne Entwicklung des Staatslebens nur den Juden zugute kontme, ja nur im jüdischen Interesse gemacht worden sei. Ebenso ist das Judentum im 16. Jahrhundert der Prügelknabe in dem Kampfe des aufstrebenden Bürgertums gegen die Fürsten, der autononien Fürstengewalt gegen das Kaisertum und der Kirche gegen die Forderung der Gewissensfreiheit. Pfefferkorn spielt im großen Drama nur eine Bedientenrolle, wie in neuerer Zeit Aron Brientann oder Paulus Meyer. Es liegt mir jedoch fern, eine marxistische Atiffassung in die jüdische Geschichte einzuführen. Innere Bewegungen vollziehen sich auf dem Boden der jüdischen Geschichte unabhängig von äußeren Ereigniffen, wie das in neuerer Zeit besonders durch die Entwicklung des Chassidismus sichtbar geworden ist. Der Schulchan Aruch ist im Drucke erschienen (1564). Man hat nun ein handliches Kompendium des rabbinischen Gesetzes, das durch den Druck schnelle Verbreitung erlangt. Jeder Rabbiner hat nun den Ehrgeiz, einen neuert „Din" zu erfinden, wie das noch Bernstein in seinem „Vögele der Maggid" so ergötzlich schildert. Es ist so bequem, auf den Rändern des benutzten Buches einige Bemerkungen hinzukritzeln, die nach dem Tode des Autors von pietätvollen Kindern oder Schülern herausgegeben werden oder einem unternehmenden Verleger bei einer Neuausgabe des Schulchan Aruch Gelegenheit geben, sich zu rühmen, daß seine Ausgabe alle bisherigen an Vollständigkeit übertreffe. So entsteht die Literatur der „Acharonim"') mit den ins Kleinlichste gehenden Gesetzesdeuteleien, die naturgemäß eine auf das Innerliche gerichtete Gegenbewegung hervorruft. Rabbinismus und Kabbalah sind alte Feinde, freilich nicht immer ihres Gegensatzes sich bewußt und oft wohl aus praktischen Gründen ihre Gegnerschaft verbergend. Der Sohar nennt die Mischnah eine unreine Sklavin (Gen. sol. 27 b) und die Rabbinen des Talmud eine beschränkte, unreife, vom Teufel besessene Gesellschaft (Lev. sol. 27 b). Am schärfsten spitzt sich dieser Gegensatz im siebzehnten Jahrhundert zu, und aus diesem Milieu ist das Auftreten des in den Einzelheiten uns nicht ganz klaren Wunderntannes Bescht zu verstehen, der wie alle Religionsstifter erst durch seine Schüler, den Maggid Baer aus Miezdzyrzec (gest. 1772) und den' Gründer der Chassidim-Kolonie in Palästina, Mendl aus Witebsk (gest. 1788), Schule macht und erst durch die nachfolgende Generation, besonders durch Schneor Salman aus Liady (1747—1812), seine Lehre in eilt System gebracht sieht. In solchen Dingen spielt die äußere Entwicklttng nicht mit, wenn man tticht auf soweit zurückliegende Ursachen als die Erfiitdung der Buchdruckerkunst und die Erleichterung des Reiseverkehrs zurückgreifett will. Diese innere Entwicklung reagiert aber nicht nach außen, während die äußere Entwicklung immer nach innen reagiert. Dieses Schofarkonzert glaubte ich mir schuldig zu sein, ehe ich an die Mitteilung einer wertvollen Bereicherung amerikanisch-jüdischer Geschichte gehe, die der Rabbiner von Charleston, Dr. Barnett A. Elzas^), uns in seiner Geschichte der Juden von Südkarolina gegeben hat. Die Reformation und die Entdeckung Amerikas sind auch für die jüdische Geschichte die beiden Wendepunkte der Neuzeit. y Ich gebrauche diesen Ausdruck in dem technischen Sinne, in welchem er, nicht wie Brann (Geschichte der Juden, p. 256, 2. Aufl., Breslau 1899) meint, im 15., sondern erst im 17. Jahrhundert mit Bezug ans die Glossatoren des Schulchan Aruch austritt. <S. Samuel Kaidauower in Nachlat Schiba Nr. 50, zitiert bei Dembitzer, Kelilat Jofi, p. 62 a; Ezechiel Landau, Noda bi Jehuda, 2. Sammlung, Orach Chajim, Nr. 30 und Eben Ha-ezer, Nr. 150, Tiktin in Beer Heteb, Orach Chajim, 562,13 und 565,5; Pinchas Auerbach aus dem Titelblatte seines Werkes .Halachah Berurah", Wilmersdorf 1717.) Das schließt nicht ans, daß derselbe Ausdruck im allgemeineren Sinne bei früheren wie bei späteren Autoren auf Zeitgenossen oder auf die dem Autor unmittelbar vorangehende Generation bezogen wird, wie schon im Talmud, Sabbat 112b bei Moses Jsserls, Orach Chajim 405, bei Steinthal. Allg. Zeitg. d. Judentums 1900, p. 619. 2) The Jews of South Carolina from the earliest times to the present, day. I’y Bnrnett. A. Elzas, M. D. LT,. D. Philadelphia 1905, pp. 352.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.