Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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523 edlen' Wohltätern durch Stiftungen und Legate gefördert werden. Sein Wirken wird in diesem Sinne vorbildlich sein. Vorbildlich aber wird es vor allem Euch sein, die Ihr denselben Weg einschlagen wollt, den Euer Heimgegangener Gönner mit so reichen Erfolgen zurückgelegt hat. Das Bild dieses Mannes mit seiner Arbeitskraft, mit seinem Eifer für alles Gute soll Euch stets vor der Seele stehen und auf Eurem Lebensweg Euch geleiten. Uns allen aber wird Josef Fraenkel in dankbarer Erinnerung fortleben. Die unnahbare Rechtlichkeit, die makellose Geschlossenheit seines Wesens werden in unserem Herzen haften. Und so wollen wir sein Bild forterben an die Geschlechter der Zukunft Sein Werk war ein gesegnetes; möchten es auch die Institutionen sein, vor allem unser Lehrlingsheim, die seiner Schöpferkraft die Entstehung verdanken. Das ist des Lebens Blüte, Krone und Frucht, die nicht bleichet, nicht stirbt und nicht welkt in Ewigkeit. Das Andenken Josef Fraenkels sei gesegnet! Vom hilksorrem der deutschen Juden. Berlin, 29. Oktober. ^m^er 30. Oktober, der Jahrestag des freiheitverheißenden Zarenj manifestes, ist auch der Jahrestag der furchtbaren Massenpogrome in Rußland. Die Wunden, die durchdiese Metzeleien den russischen Juden geschlagen wurden, sind noch lange nicht vernarbt. Jahrzehnte noch wird die ganze russische Judenheit unter dem schweren Schlag, der sie getroffen hat, zu leiden haben. Haben doch in 640 Ortschaften des weiten Rußlands von jenem Tag bis heute grausame Judenmetzeleien stattgesundeu mit all den verheerenden Wirkungen für Leben und für Eigentum und all den Schrecken, die uns durch die Häufigkeit der Pogrome nur zu sehr bekannt sind. Die Größe des Jammers, der in einem einzigen Jahre gestiftet wurde, drückt sich grell in folgenden Zahlen aus: Ausgeplündert oder sonstwie in ihrem Bermögeu geschädigt (einschließlich Siedlce) wurden 38225 Familien mit 162700Personen. Der gesamte Vermögensschaden, der entstanden ist, beträgt 52119 705 Rubel. Erschlagen wurden 985 Personen. Die Zahl der Verwundeten beträgt viele, viele Tausende, die Zahl derjenigen, die durch ihre Verwundung einen dauernden Schaden au ihrer Gesundheit genommen haben, allein ist 1492. 380 Frauen wurden Witwen, 211 Kinder sind voll- und 1328 halbverwaist. Solchen Schäden gegenüber muß naturgemäß jede Hilfsaktion unzureichend bleiben. Aber doch war auch die Größe der Opferwilligkeit im höchsten Grade erfreulich; sie betätigte sich auf die Schreckensnachricht aus Rußland hin bei den Juden aller Länder und auch viele nichtjüdische Kreise haben sich in hochherziger Weise betätigt. Es war, wie der folgende kurze Rückblick zeigen mag, ein schweres Werk, die gesammelten Hilfsgelder in geordneter Weite dem gesteckten Zwecke dienstbar zu machen, zumal eine Zeitlang und gerade in der Zeit, als die Hilfe am dringendsten notwendig war, jeder Verkehr in Rußland unterbunden war. - Aus eine Anregung des Hilssvereins der deutschen Juden, die von Lord Rotschild und Jacob H. Schiff-Newyork aufs wärmste unterstützt wurde, vereinigten sich auf einer Konferenz in London am 14. November 1905 sämtliche jüdischen Hilfsorganisationen zu gemeinsamer Arbeit. Eine Kommiision, bestehend aus den Herren Dr. Nathan vom Hilfsverein der deutschen Inden, Berlin, C. Stettauer vom Kusse Jewish-Comitö, und Herrn Feinberg von der Jca in Petersburg, bereiste unter den schwierigen Verhältnissen während des großen Eienbahn- und Poststreckes die geschädigten Ortschaften und sorgte für zuverlässige Nachrichten, für schnelle Hilfe und für eine zweckmäßige Organisation. Sämtliche geschädigten Orte wurden in eine Reihe von Bezirken eingeteilt, die dem russischen Zentralkomitee in Petersburg unterstanden. Dieses wiederum arbeitete in Gemeinschaft mit dem beim „Hilfsverein der deutschen Juden" von den Organisationen eigens errichteten Zentralberichtbureau und dem Russo Jewish-Gomitö in London unter Sir Samuel Montagu. Nachfolgend sind mit den später hinzugekommenen Bialystok und Siedlce die einzelnen Bezirke ausgeführt, der Schaden der entstanden ist und die Hilfe, die geleistet werden konnte, verzeichnet. Bezirke Gesamtschaden Geleistete Hilfe Odessa 11 091 442 Rubel 1 696 170 Rubel Kiew 7 085 754 868 084 „ Jekaterinoslaw 12 088 500 „ 798 814 „ Poltava 1 063 000 „ 164 184 „ Krementschug 1 110 000 „ 218 626 „ Homel 2 167 575 „ 225 887 „ Elisabethgrad 1 232 395 „ 12 400 * Remmy 2 500 000 „ 189 400 „ Rostow 6 000 OHO „ 268 801 „ Tschernigow 1428 375 „ 155 974 „ Moskau 4 209 842 „ 611441 Taurien 400 000 n 40 525 „ Petersburg 331 122 „ 90 774 Bialystok 386 698 „ 224 ^58 „ Siedlce 246 300 „ 40 000 „ (vorläufig) 51 341 003 Rubel 5 8d6 038 Rubel Die vbige Zahl zeigt, welch ungeheurer Schaden auch dem russischen Nationalwohlstand durch die Pogrome zngefügt worden ist. Es konnten durchschnittlich nicht mehr als 10 Prozent des sestgestellten Schadens ersetzt werden. Natürlich wurde nicht schematisch vorgegangen, sondern je nach Lage der Umstände mehr oder weniger als 20 Prozent bewilligt. Die Geldmittel sämtlicher Organisationen flössen in eine gemeinsame Kasse, die unter der Verwaltung von Lord Rothschild in London stand. Aus dieser Zentralkasse wurden nach den Vorschlägen des Petersburger Komitees und des Zentralberichtbureaus des Hilfsvereins der deutschen Juden die Unterstützungsgelder in Rußland gewährt. Eine Zeitlang schien es, als wollten die russischen Behörden der Hilfsaktion Schwierigkeiten bereiten. Nachdem aber die russische Regierung sich überzeugt hatte, namentlich durch die vielfachen Unterredungen, die die Herren Baron Horace v. Günzburg. Petersburg, und Dr: Paul Nathan, Berlin, mit den leitenden Staatsmännern hatten, daß die Hilfsgelder streng bestimmungsgemäß verwandt wurden, konnte das philanthropische Werk ohne weitere Schwierigkeiten beendet werden. Zu dem Zentralsonds in London trugen die amerikanischen Organisationen 51 Prozent und die europäischen 49 Prozent bei. Im einzelnen kamen von den Geldern neben den 51 Prozent aus Amerika 12 Prozent aus England und den Kolonien, 21 Prozent aus Deutschland, und zwar vom Hilfsverein der deutschen Juden 14 Prozent und vom Frankfurter Hilfskomitee für osteuropäische Juden unter dem Vorsitzenden Charles I. Hallgarten 7 Prozent, 7 Prozent von der Alliance Israelite Universelle, 4 Prozent von der Wiener Allianz. Natürlich haben sich auch Belgien, Holland und die Schweiz, die nordischen Länder. Ungarn und Italien, sowie die Balkanstaaten in reger Weise an den Sammlungen beteiligt. Die Gelder dieser Sammlungen sind der einen oder der anderen der obengenannten Organisationen zur Verfügung gestellt worden. Eine nicht geringe Summe wurde schließlich in Rußland selbst aufgebracht. Mit besonderer Sorgfalt wurde die Versorgung der unglücklichen Waisenkinder in die Wege geleitet. 115 Kinder konnten namentlich durch die aufopfernde Mitwirkung der Großloge für Deutschland in westeuropäischen und überseeischen Ländern in gute Pflege und in Erziehung gegeben werden. So erhebend auch die Großartigkeit des Hilfswerkes bei diesem ungeheuren jüdischen Unglück wirken muß, so hat doch eine Besserung der Lage der russischen Juden bedauerlicherweise dadurch nicht herbeigesührt werden können. Denn nach wie vor drohen unseren