Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 mußte. Er besuchte dort ein Jahr lang die Akademie der bildenden Künste, und dort bildete sich sein Sinn in hohem Maße für die Kunst aus, der er sein Leben widmete. Stammen doch vi?le der bedeutendsten Bauwerke der Isarstadt gerade aus jener Zeit, in der ganze Straßenzüge niedergerissen und mächtige Neubauten aufgeführt wurden, die noch heute unsere Bewunderung erregen. Von hier aus war der Weg für einen Jünger der Kunst von selbst vorgezeichnet. Er führte ihn wie alle seine Genossen vorher und nachher über Wien und Triest nach dem gelobten Lande der Kunst, nach Italien. Zunächst steuerte er über die Alpen und erstieg u. a. den Mont-Cenis. Von Italien führte sein Weg nach Frankreich, in dessen schöner Hauptstadt Paris sich Joseph Fraenkel vier Jahre lang aufhielt, und wo er bereits im Jabre 1855 um seines Fleißes und seiner Geschicklichkeit willen die bronzene Medaille erhalten hat. Nun aber ging es wieder nach der Heimat, und zwar nach Berlin zurück. Hier erbaute er das Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in der Auguststraße und lieferte damit sein Meisterstück; hier legte er im folgenden Jahre seine Meisterprüfung ab und hier fand er nun auch das Glück seines Lebens in seiner Gattin Klara Benda, einer jungen Dame aus einer der besten, ältesten und angesehensten Familien Alt- Berlins, mit der er bis zu ihrem Tode am 2. August 1903 in treuer und inniger Liebe verbunden blieb. Seit dem 1. März 1859 war Josef Frankel selbständig als Maurermeister in Berlin etabliert und jetzt ging sein Weg unaufhörlich vorwärts. Waren seine Lehrjahre Schwerjahre, so konnte er nun sagen, daß ihm die drei Dinge, die nach dem alten deutschen Sprichwort den Meister machen: Wissen, Können und Wollen, in reichem Maße zu eigen'waren. Die künstlerische Ausbildung, die er sich angeeignet, der rastlose Fleiß, den keine Mühe bleichte, die Zuverlässigkeit des Charakters und der tiefe Ernst, der ihn erfüllte, bilbeteu die Grundbedingungen seines Erfolges. Goethe sagt einmal sehr schön: Wer soll Lehrling sein? Jedermann. Wer soll Geselle sein? Wer was kann. Wer soll Meister sein? Wer was ersann. Diesen Sinnspruch in seiner Steigerung vom Lehrling zum Meister konnte Josef Fraenkel mit Fug und Recht auf sich auwenden. Sein Weg von seiner ersten Wohnung in der Münzstraße bis zu seiner letzten am Schöneberger Ufer bezeichnet die einzelnen Etappen seines erfolgreichen Wirkens. Als sein Wahlspruch konnte das gute deutsche Sprichwort gelten: „Wahre deines Gewerbes, so' wahrt es dich." Allezeit stand ihm in erster Linie die Arbeit seines Berufs und immer suchte er aufs neue zu lernen und alle wesentlichen Fortschritte auf dem Gebiete der Baukunst sich zu eigen und zu nutze zu machen. Dadurch gelangte er mit der Zeit zu hohem Ansehen, dadurch erreichte er es, daß die Baufirma Josef Fraenkel mit der Zeit eine der ersten und der beliebtesten in unserer aufblüheuden Karserstadt geworden ist. Es ist keiner der geringsten Ruhmestitel, den die deutschen Juden aufznweisen haben, daß die erfolgreichsten unter uns — seines Fleißes darf sich ja nach Lessing jedermann rühiuen — durch eigene Arbeit, in schwerer Mühe, ohne jede Förderung, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, sich zu der Stellung emporgerungen haben, die sie im Leben betleideten. Dasselbe gilt in vollem Maße von Josef Fraenkel. Aber auch das soll mcht vergessen werden, daß die meisten jener Männer auf der Höhe ihres Erfolges und ihrer Lebensstellung ihrer armen und unglücklichen Glaubensgenossen nicht vergessen und unaufhörlich sich bemüht haben, diesen den Weg zu ebnen, der für sie selbst ein so dornenvoller gewesen ist. Von dem Tage an, wo unser Heimgegangener Freund selbständig wurde, war er unentwegt bemüht, für Entwicklung und Fortbildung der Bestrebungen tätig zu sein, die Handwerk und Ackerbau unter den Juden verbreiten sollen. Seit ihrer Begründung gehörte er der Gesellschaft jüdischer Handwerker und Künstler zur Unterstützung in Krankheitsfällen, sowie der Hilfskasse für Witwen und Waisen verstorbener Handwerker an. Alle Bestrebungen, die das Handwerk unter den Juden fördern, unterstützte er in Rat und Tat in ausgiebigster Werse. In der Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und des Ackerbaus, die ich schon vorhin erwähnte, nahm er eine hervorragende Stellung ein. Seine Lieblingsidee aber, die Begründung unseres Lehrlingsheims, konnte er erst im Alter verwirklichen. Es bedurfte nämlich langjähriger Arbeit, um den Boden für diese Idee urbar zu machen. Josef Fraenkel hatte sich inzwischen auch eine angesehene Stellung nicht nur im Kreise seiner Fachgenossen, sondern auch in Stadt und Gemeinde erworben. 28 Jahre hindurch stand er im Ehrendienste der jüdischen Gemeinde Berlins, und auf verschiedenen Gebieten der Verwaltung hat er während dieser Zeit eine hingebende Tätigkeit entfaltet. Er hat für den Gottesdienst und das Armenwesen segensreich gewirkt und namentlich die baulichen Angelegenheiten der Gemeinde, die in dieser Zeit sehr wichtige waren, mit seinem fachmännischen Verständnis in unermüdlicher Rührigkeit gefördert. Die soziale Fürsorge war sein Lebenswerk. Er gehörte zu den Begründern und Vorstandsmitgliedern einer fast unübersehbaren Reihe von Wohltätigkeitsvereinen und -Anstalten. Sein warmes Herz für die Bedürftigen und sein edler Charakter waren geradezu vorbildlich für viele. Aber auch auf diesem Gebiete hatte er seine bestimmten Prinzipien. Er sagte mit dem deutschen Dichter: „Die Gefühle der Menschenliebe helfen nichts ohne Grundsätze und Grundsätze nichts ohne Gefühle." Galt nun aber sein heißes Bemühen dem Grundsatz, unserer Jugend den Weg zum Handwerk und zum Ackerbau soviel als möglich zu erschließen, so mußte die Idee, ein Institut wie unser Lehrlingsheim zu begründen, ihm vor allem am Herzen liegen. Es ist kein Zweifel, daß Josef Fraenkel auf diesem Gebiete geradezu ein Pfadfinder war. dessen praktische Ideen und opferfreudige Arbeit reichen Erfolg zeitigten. Aber erst im Jahre 1891 sollten seine Bemühungen von? Erfolg gekrönt sein. In diesem Jahre wurde unser Lehrlingsheim mit dem Zweck errichtet, „junge Leute, deren Vorfahren Jahrhundertelang nur Handel getrieben haben, zu tüchtigen j Handwerkern heranzubilden, das heißt zu Berufszweigen zurück-! führen, welche unter den Juden in der frühesten Geschichte der Kinder Israels in höchster Blüte gestanden und in den Familien Wohlstand und Zufriedenheit gezeitigt haben". Dieser hohen sozialen und ernsten kulturellen Aufgabe galt fortan die Arbeit seines Lebens. Er wußte für seine Idee viele Herzen zu era>ärtnen. Was er für unser Institut geleistet, das steht in der Geschichte desselben mit goldenen Lettern eingegraben. Und wenn es bisher allen Bemühungen des Vorstandes noch nicht gelungen ist, das Heim trotz einer Reihe glänzender Erfolge, trotz des hohen Zweckes, der von allen Seiten anerkannt wird, voll zu belegen und womöglich alle Aufnahmegesuche zu bewilligen, so liegt die Schuld wahrlich nicht an dem Heimgegangenen. Er hat getan, was in seinen Kräften stand, um das Lehrlingsheim populär zu machen und in die Reihe der Institute einzurücken, die von