Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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521 liberalen Auffassung und umgekehrt eintreten kanu und das; dann durch den unveränderten Standpunkt des Rabbiners sehr leicht bei der neuen Mehrheit ein „Gewissenszwang" eintreten kann. Die Analogie mit den christlichen'Geistlichen wird man mit Rücksicht auf die Verschiedeilheit der Stellung (Vergl. Allg. Ztg. des Judentums 1905, Nr. 38) nicht heranziehen können. Man wird aber sich wohl fragen müssen, ob nicht der Friede in der Gemeinde — von seltenen Ausnahmen abgesehen — gerade dadurch gewahrt worden ist, das; in Preußen für das Verhältnis zwischen Gemeinde und Rabbiner Vertragsfreiheit gilt. Die „Unabhängigkeit der rabbinischen Seelsorge", die die Begründung (S. 57) als Leitsatz hervorhebt, hat doch wohl auch ihre Schattenseiten. Dabei verkenne ich durchaus nicht, das; es notwendig ist, die Rabbiner in ihren Einkommens- und Ruhegehaltsverhültnissen sowie in bezug auf die Hinterbliebenenversorgnng sicher zu stellen. Ob dazu aber unbedingt die Unwiderruflichkeit der Anstellung erforderlich ist, erscheint doch recht zweifelhaft. Vielleicht wird man, wenn ein anderer Weg sich nicht findet, j die Grundsätze der 8§ 31, 65 der Städteordnung vom 30. Mai | 1853 in bezug auf Wahlzeit und Ruhegehalt und die Vor-! schriften des 8 15 des Kommunalbeamtengesetzes vom 80. Juli! 1899 in bezug auf Witwen- und Waisenversorgung annehmen können. Jedenfalls wird sich ein Weg finden lassen, ohne daß die Unwiderruflichkeit der Anstellung seine Grundlage zu bilden braucht. Justizrat Eduard Wolfs. M. d. A. VH. Wenn ich aus ineinem Herzen keine Mördergrube machen soll, so muß ich offen und ehrlich bekennen, daß ich zu einen; abschließenden Urteile über die zur Diskussion stehenden Fragen noch gar nicht gekommen bin. Ich weiß eigentlich nur, daß ich jedes Einheitsgedanken Freund bin und daß ich neben dem Verbände der Deutschen Juden gern eine Gesamtorganisation sähe, die mehr als die rein weltlichen Interessen des Judentums nach außen verträte. Wie man diese Gesamtorganisation schaffen, wie man ihren Wirkungskreis begrenzen, ihre Konipetenzen gegenüber den Aufgaben des Verbandes und des Gemeindebundes festlegen soll, welchen Einfluß man ihr in religiösen, kulturellen und rituellen Dingen geben, wie man das Imperium zwischen Rabbiner und Laien und das Verhältnis der Staatsgewalt zu den Organisationsformen gestalten soll, über alles das habe ich noch keine feste Meinung. Aus den Beratungen des Verbandes wollte ich mich erst informieren, und deshalb kann ich heute auch noch nicht einmal zu dem Rosin'schen Gesetzentwurf Stellung nehmen, weil ich die beiden Gegenentwürfe noch nicht studiert habe. Da die Meinungen heute noch sowenig geklärt sind, würde es mir richtig scheinen, daß wir vorerst die Kompetenz der Gesamtorganisation auf das geringste von allen als notwendig erkannte Maß (Schaffung der weltlichen Vorbedingungen für die Erfüllung religiöser, sozialer und ethischer Pflichten in den Zwerggemeinden) beschränken und daß wir erst allmählich an einen weiteren Ausbau der Kompetenzen denken, damit wir zu dem, was als unbedingt notwendig von allen Richtungen anerkannt wird, das erforderliche einmütige Zusammenwirken haben. Jedenfalls betrachte ich es als einen Segen, daß wir an die Beratung der Fragen herantreten. Es wird und muß etwas dabei herauskommen, was den; Judentum frommt; diese Hoffnung habe ich hier, wie ich sie bei der Schaffung des Zentralvereins und des Verbandes gehabt habe, und sie hat mich nicht getäuscht. Berlin. Jnstizrat Dr. Eugen Fuchs. Meph Fraenkel. Gedächtnisrede gehalten bei der Trauerfeier im Lehrlingsheim zu Pankow vom Geh. Kommerzienrat I. Lo ewe. Verehrte Trauerversammlung! ie haben sich heute hier eingefunden, um das Andenken eines Mannes zu ehren, der sich um unser Institut sehr große Verdienste erworben hat. Zwar sind diese Verdienste nach seinem Hinscheiden überall anerkannt und gefeiert worden. Für uns aber ist sein Gedächtnis zu ehren in ernster Zeit ein ernstes.Beginnen. Es fordert uns zu dankbarer Betrachtung auf, für die in dem fruchtbaren Leben und Wirken des Heimgegangenen der reichste Stoff bereit liegt. In eine trübe Zeit fällt die Jugend Joseph Fraenkels, der am 13. Januar 1828 zu Beuthen in Oberschlesien geboren ward. Das Handwerk hatte damals noch keinen goldenen Boden in Israel, ja die Beschäftigung mit demselben wurde namentlich in dem Kreise der Strenggläubigen keineswegs gern gesehen. Karl Emil Franzos hat uns in seiner Novelle „Moschko von Parma" ein anschauliches Bild von den Kämpfen und Leiden eines Knaben vorgeführt, der in einer altjüdischen Gemeinde den Vorsatz ausznführen versucht, ein Handwerk zu erlernen. Zwar regten sich auch schon damals Bestrebungen, die von Berlin ausgingen, die aufblühende Generation zu Gewerbe und Künsten, zum Handwerk und zum Ackerbau hinzuleiten, um dadurch die einseitige Neigung zum Handel zu unterdrücken, um den Ton und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern und, so allmählich jede dem Ganzen widerstrebende Eigentümlichkeit zu bezwingen. Die Kunde von diesen Bestrebungen, denen in der Hauptstadt die Besten ihre Kräfte weihten, muß auch nach Oberschlesien gedrungen sein. Sie regte den Knaben mächtig auf, der als ein Dreizehnjähriger das mit Kindern, aber nicht mit Glücksgütern reich gesegnete Haus verließ und nach Pleß in die Lehre als Kaufmann gezogen war. So verließ er denn die Heimat und zog. und zwar auf gut Glück, nach der Residenz. Hier konnte er seiner Neigung, das Handwerk zu erlernen, Nachkommen, hier bestand schon seit dreißig Jahren eine gedeihlich wirkende Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate, hier lebten und arbeiteten Männer wie der berühmte Major Meno Burg und der Königliche Bauinspektor Salomo Sachs, die beide aus den dürftigsten Verhältnissen hervorgegangen, trotz aller Kämpfe und Anfeindungen es dennoch zu einerhohen Staatsstellung gerade auf dem Gebiete gebracht hatten, das zu erlernen das heißeste Bemühen des Jünglings war. Sein Glück führte ihn auch in die Nähe dieser Männer. Burg und Sachs wurden seine Lehrer; hatte man es doch letzterem gestattet, eine Baugewerksschule zu errichten, an der auch Burg als Lehrer tätig war. Nach Sachs Tode, der 1846 erfolgte, kam Fraenkel zu dem damals in Berlin sehr bekannten Maurermeister Schweinitz, wo er vier Jahre als Geselle arbeitete. Dann trieb ihn sein rastloser Drang nach höherer Ausbildung, auch noch die Königliche Baugewerkschule zu besuchen. Im Jahre 1851 ging er auf die Wanderschaft, um seinen Gesichtskreis zu erweitern, um fremder Menschen Städte und Sitten kennen zu lernen. Sein Weg führte ihn über Hamburg, Hannover, Bremen, Köln, Kassel nach München. Dort machte er Halt, angelockt von den herrlichen Kunstschöpfungen, die das damalige Neu-München jedem Baugewerksschüler bieten