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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · p. Seite 519

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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519 Petersburg, 27. Oktober. In der gestrigen Sitzung der Zentrumsgruppe des Staatsrates gelangte die Frage der politischen Gleichstellung der Juden zur Verbandlung. Die Ansichten darüber waren verschieden. Graf Reitern bestand darauf, daß die politischen Rechte der Juden sofort anerkannt werden sollten, während Balaschew im Gegenteil empfahl, die Gleichstellung der Juden mit den Russen nicht zuzulassen. Es wurde dann mit 28 gegen 16 Stimmen der Beschlust gefaßt, die jüdische Frage nicht gesondert, sondern zusammen mit der Frage der rechtlichen Gleichsteüung aller Nationalitäten der Bevölkerung Rußlands zu verhandeln." Alles dies muß mit der größten Vorsicht, ja mit dem tiefsten Mißtrauen ausgenommen werden. Die Wahrheit kommt zum Glück auch in Rußland allmählich an den Tag. Der nachfolgende Bericht aus Petersburg vom 26. d wird alle Optimisten hoffentlich aufklären: Im Prozeß gegen den Arbeiterdeputiertenrat erklärte in der gestrigen Verhandlung der Verteidiger Rechtsanwalt Grusenberg. er besitze die Kopie eines Schreibens des früheren Direktors des Polizeidepartements und späteren Gouverneurs von Estland, Lopuchin, vom 27. Juni 1906, worin dieser dem Ministerpräsidenten Stolypin Mitteilungen über die Organisation eines Pogroms gegen die Juden und Intelligenz von Petersburg im Oktober 1905 durch die Obrigkeit mit Hilfe des schwarzen Hunderts macht. Auf Ersuchen des Präsidenten unterlaßt der Verteidiger die Verlesung des Berichtes, beschränkt sich auf kurze Mitteilungen und beantragt die Vorladung Lopuchins als Zeugen. Er könne vor Gericht bestätigen, der Direktor des Polizeidepartements Ratschkowski habe im Departement gedruckte Proklamationen in Petersburg -durch den bekannten Führer der „russischen Leute" Dubrowin, in Moskau durch den Redakteur der „Rußkija Wjedomosti" Gringmut, in Orel durch einen Beamten des Generalgouverneurs, in Wilna durch den Polizeimeister verbreiten lassen. Er habe die Polizei des Reiches geleitet, nachdem er längst durch kaiserlichen Befehl seines Postens enthoben war. Für uns brauchte die Hinterhältigkeit der Politik des russischen Ministerpräsidenten Stolypin nicht erst durch diese Enthüllungen bewiesen zu werden. Die Art und Weise, wie Herr Stolypin mit den „wahrhaft russischen Männern" liebäugelte, ließ uns seit langem erkennen, daß auch die gegenwärtige russische Regierung am Ende ihrer Mittel angelangt ist und nun zur ultima, ratio aller bisherigen russischen Regierungen greifen will, das heißt zur Ablenkung der empörten Volksleidenschaft auf den jüdischen Teil der russischen Bevölkerung. In der letzten Zeit gab sich Stolypin allerdings, wenn auch ziemlich ungeschickt, den Anschein, als sei er gründlich von den Männern mit dem privilegierten Rufsentum abgerückt. Wie es aber in Wahrheit um die Beziehungen der russischen Gewalthaber zu dem sich in der Hauptsache aus dem „Schwarzen Hundert", also notorischem Pöbel, rekrutierenden Verbände der wahrhaft russischen Männer" steht, davon legt ein Bericht ein drastisches Zeugnis ab,. den der Petersburger Korrespondent der Londoner „Tribüne" seinem Blatte sendet. Es heißt darin: >„Die Scbwenkung des Ministerpräsidenten Stolypin gegen den „Verband wahrhaft russischer Männer" ist eine zwischen beiden Parteien abgekartete Sache, die bestimmten Zwecken dienen soll. Das Organ des „Verbandes der wahrhaft russischen Männer", die „Rußkoje Snamja", richlet täglich Angriffe gegen Stolypin, der seinerseits durch die offiziöse Presse verkünden läßt, die Regierung habe beschlossen, dein „Verbände" alle Unterstützung zu entziehen. Ein in der Redaktion der „Nowose Wremja" sitzender Verwandter des Ministerpräsidenten verbreitet ferner die Nachricht, der'Zar sei über das jüngst an ihn gerichtete Telegramm des „Verbandes der wahrhaft russischen Männer" ausgebracht, und die Soldichreiber dieses Blattes schimpfen jetzt täglich auf ihre früheren Genossen. Ich kann dazu auf Grund besonderer Mitteilungen von eingeweihten Persönlichkeiten Mitteilen, daß diese ganze politische Schlägerei lediglich ein Manöver ist, das ausgeführt wird, weil die Regierung plötzlich entdeckt hat, es würde eine gute Politik sein, alle Beziehungen zu dem Verbände zu leugnen. Der Unwille, den das Treiben dieser Vereinigung im Auslande erregt Hai. ist anscheinend nicht ohne E.nfluß auf Herrn Stolypin geblieben." Die Entdeckung eines Planes des „Verbandes", am 30. Oktober auch eine Maffenmetzelei unter den Juden in Odessa zu veranstalten, erregt das größte Aufsehen. Die Enthüllung des Planes erfolgte laut Nachrichten aus Petersburg durch Angestellte des Verbandes, die aus irgendwelchen Motiven dem Oberrabbiner von Odessa davon Mitteilung machten. Zwanzig Abteilungen sollten die Judenhetze in den verschiedenen Stadtvierteln zu gleicher Zeit planmäßig in Szene setzen. Die Mitglieder der Banden hatten bereits Revolver, im ganzen 250 Stück, und Verzeichnisse der zu tötenden Personen erhalten. Und nun mag das europäische Großkapital hingehen und dieser Regierung eine neue Anleihe bewilligen! * Mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen wir in dieser trüben Zeit die Ernennung eines wahrhaft glaubenstreuen Juden,des allerwärts geschätzten Oscar S. Straus in Newyork, zum Staatssekretär des Handels für Amerika. Ueber die Bedeutung dieses Mannes brauchen wir an dieser Stelle kein Wort zu verlieren. Auch über seine Stellung innerhalb des Judentums nicht, da wir erst kürzlich seine in London gehaltene Rede in unserem Blatte, dessen Freund und Gönner Straus ist, veröffenllicht haben. Der neue Handelssekretär war ursprünglich Jurist, dann lange Zeit Kaufmann und unter zwei Präsidenten amerikanischer Gesandter, in Konstantinopel; gegenwärtig ist er Mitglied des Haager Schiedsgerichtshofes. Straus war schon unter Me Kinley für einen Kabinettsposten ausersehen, damals für das Staatssekretariat. Von seiner merkantil-diplomatischen Vergangenheit erwartet man allgemein Interesse und Verständnis für die bestmöglichen Handelsbeziehungen mit dem Auslande, und diese Erwartungen werden sicher nicht enttäuscht werden. * Zur Lage in Marokko schreibt die „Kölnische Zeitung", daß man dort über die Besetzung von Arsila nachgerade mehr gelacht als ernsthaft geredet hat. Das ist aber sehr traurig! Denn die Lage der armen Juden in Arsila war eine fürchterliche. Die Tatsache, daß eine Schar von 25 Bergstrolchen Ulster einem unternehmenden Räuberhauptmann eine friedliche Küstenstadt überfallen, eine Besatzung von 100 Mann verjagen und dann mit Ruhe die jüdische Geschüftsbevölkerung ausplündern kann, ohne daß jemand Anstalten macht, dem Unfug in dem nur einige vierzig Kilometer von Tanger entfernten Ort Einhalt zu tun, ist eben nicht gerade amüsant. Was jetzt der Berichterstatter der „Times" an Neuigkeiten über die Sache meldet, steht auch ganz mit dieser Auffassung im Einklang. Die Konsularagenien schrieben Jammerbriefe an die Gesandtschaften in Tanger, und die kleine Stadtbevölkerung befand sich rm Zustande zähneklappernder Angst. Die Räuber hielten die Stadttore besetzt und gestatteten niemand, den Ort zu verlassen, kurz die ganze Einwohnerschaft saß hinter Kerkermauern, denn die zum Schlitze der Einwohner erbauten Stadtmauern erfüllten zur Abwechslung diesen Zweck. Die marokkanischen Behörden in Tanger waren ratlos. Sie befürchteten, daß ein Versuch zu bewaffnetem Einschreiten die Niederlnetzlung der Bevölkerung herbeiführen könnte. Kürzlich traf auch der Gouverneur von Arsila in Tanger ein, und die armen Juden seines Verwaltungsbezirks waren nunmehr mit ihren neuen

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