Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Andersgläubigen. Allerdings werden wir eher geneigt sein das als eine Folge mehr der „Bedikah" als der „Schechita", der vorgeschriebenen Fleischschau eher als des vorgeschriebenen Schächtens, anzusehen. Auch viele andere hygienische Vorschriften, Gebote und Verbote, eine größere Selbstbeherrschung allen Genüssen gegenüber, die eine teils direkte, teils indirekte Folge der jüdisch-religiösen Erziehung ist, mögen mit dazu beigetragen haben, daß die Juden im allgemeinen sich stets nachweislich besserer Gesundheit und längeren Lebens zu erfreuen hatten. Verschiedene Umstände, auf die jetzt hier nicht näher eingegangen werden soll, haben in letzter Zeit einen gewissen Ausgleich zuungunsten der Juden herbeigeführt, so. daß der Unterschied kein so großer mehr ist; aber es wäre durchaus nicht ausgeschlossen, daß, wie wir bei uns in Nachahmung der von den Juden schon seit undenklichen Zeiten geübten Bedikah die Fleischschau einführen gesehen haben, allerdings nicht mit der bei uns vorgeschriebenen Rigorosität, so wir am Ende noch das von den Juden seit undenklichen Zeiten geübte und jetzt hauptsächlich von antisemitischer Seite verlästerte Schächten gerade von den wirklichen Tierschützern noch werden empfehlen und einführen sehen. Es wäre dies nicht die einzige und vielleicht auch nicht schlechteste Reform, die dem Judentum zu verdanken. Es sieht zwar augenblicklich gar nicht danach aus, aber man hat schon öfter angebetet, was man erst vor kurzem verbrannt hatte. Jedenfalls sollte man das Urteil über das Schächten nur auf Grund wirklich objektiver Prüfung und ohne jede Voreingenommenheit fällen. Man wird dann sicher zu andern Resultaten gelangen als zu den Beschlüssen des Nürnberger Tierschutzkongresses, die noch dazu mit sehr geringer Majorität gefaßt wurden. Schließlich stellt sich die Alternative einfach so, ob es human ist, um vielleicht Tiere einige Augenblicke zu schonen, was aber noch gar nicht erwiesen, Menschen sicher fortwährend zu quälen und die Gewissensfreiheit zu verletzen. Sir Woche. Berlin, 31. Oktober. ^hre Stellung zum Antisemitismus haben die deutschen Reformparteiler auf dem am 21. d. M.'in Kassel abgehaltenen Parteitag wie folgt „festgelegt": „Aufhebung der Gleichberechtigung der in Deutschland lebende» Juden. Fernhaltung der Juden von allen Berufen, in denen ihre Betätigung wegen ihrer Eigenart für unsere Kulturentwicklung schädlich ist, insbesondere Ausschluß von den gesetzgebenden Körperschaften, vom Richterstande, vom Osfizierstande und vom Berufe eines Lehrers an öffentlichen Schulen, die von Kindern germanischen Stammes besucht werden, Fernhaltung jüdischer Kinder aus den öffentlichen Schulen für Kinder germanischen Stammes, Zulassung der Juden zn den Berufen des Rechtsanwalts oder Notars, des Arztes nur nach der Kopfzahl ihrer in Deutschland anfässigen Rassegenossen, Verhinderung der Aenderung jüdischer Familiennamen. Führung einer Statistik über die in Deutschland lebenden Personen jüdischen Stammes, Erlaß eines Schächtverbots, wissenschaftliche Prüfung der jüdischen Religionsvorschristen." Außerdem würde in einem besonderen Programmsatz die „Reinhaltung des Blutes unseres Volkes durch Schließung der Grenzen gegen Angehörige nichtgermanischer Völker, insbesondere durch Verbot der Einwanderung von Juden und von slawischen wie italienischen Arbeitern gefordert". Man sieht, daß die Leute auf ihrem alten Phrasenstandpunkt stehen geblieben sind. Sie sind eben unverbesserlich. Aus den ganzen Verhandlungen konnte man aber doch den Eindruck gewinnen, daß die Reformpartei in der Agitation gegenüber dem deutsch-sozialen Bruder, der sich allenthalben der Unterstützung des Bundes der Landwirte erfreut, etwas stark ins Hintertreffen geraten ist. * Das Ministerium Elemenceau ist eine Tatsache in Frankreich und ein neuer Triumpf der Gerechtigkeit. Dem neuen Ministerium bringen die republikanischen und sozialistischen Zeitungen im allgemeinen ihre Sympathien entgegen, während die nationalistischen, klerikalen und antisemitischen Blätter mit ihren heftigen Angriffen nicht zurückhalten. Am schwersten fühlt sich Ernest Judet, der Direktor des „Eclair", durch den Triumph Clemenceaus getroffen, weil er im Jahre 1893 als. Chefredakteur des „Petit Journal" die furchtbare Hetze gegen Clemeneean mit Erfolg geleitet hatte und jetzt die für ihn niederschmetternde Wahrnehmung machen muß, daß General Picquart als Chef in das Kriegsministerium einzieht, indes die letzten Trümmer des einstigen Fälscher-Generalstabs sich in die Redaktion und die Administration des „Eclair" zurückziehen mußten. Eine solche Wandlung der Dinge ist selbst für die ehemaligen Beschützer und Mitschuldigen der Esterhazy und Henry eine harte Prüfung, der sie sich offenbar nicht gewachsen zeigen. Aus ihren Angriffen klingt etwas wie Furcht vor dem „Diktator" Elemenceau durch, und es hat in der Tat allen Anschein, als wollte Elemenceau im Vereine mit Picquart auch noch die letzten Spuren der Herrschaft der einstigen Generalstäbler aus den Bureaus des Kriegsministeriums vertreiben. Die ganze gegnerische Presse erklärt es für einen Skandal, daß Georges Picquart, der beim Beginn der Dreyfus-Affäre Oberst war, jetzt in rascher Folge erst zum Brigadegeneral, dann zum Divtsionsgeneral und nun zum Kriegsminister gemacht wurde. Einzelne wissen sogar zu erzählen, daß er kein Freund der Juden sei. Gleichviel! Aber er ist ein Freund der Gerechtigkeit — und wo diese siegt, da ist auch die Sache der Juden in den besten Händen. * Es ist kein Sensationsblatt, sondern die vorsichtige und gutunterrichtete „Kölnische Zeitung", die dieser Tage folgendes Telegramm brachte: „Paris. 24. Oktober. Nach zuverlässigen Nachrichten hat Graf Witte insbesondere bei Rothschild die größten Anstrengungen gemacht, Geld für Rußland zu bekommen. Der Mißerfolg seiner Bemühungen soll vollständig sein." Demgegenüber kommen alle Dementis aus Petersburg nicht auf. Im Gegenteil, sie bestätigen nur die Wahrheit jenes Telegramms. Alles, was jetzt über das neue Judengesetz gefaselt und gefabelt wird, darf nur unter dem Gesichtspunkt einer neuen Allleihe betrachtet werden. Wir glauben nichteinen Augenblick im Erlist an eine wirkliche Absicht, die Lage der Juden in Rußland auch nur im geringsten zu verbessern. Man lese nur die folgenden Korrespondenzen aus gutorientierter Quelle: „Petersburg. 24. Oktober. Die Mitteilung der „Russischen Korrespondenz" betreffend Vergünstigungen für die Juden wird in Negierungskreqen bestätigt. Damit find jedoch, vielleicht einige den Handel der- Juden betreffende Erleichterungen, die noch erwartet werden, ausgenommen, die Zudenreformen erschöpft. Die Aufhebung des Ansiedlungsrayvns und die Gleichberechtigung der Juden überläßt die Regierung der künftigen Duma, weil sie nicht die Verantwortung für Massenpogroms übernehmen will, die angeblich bei Durchführung der Gleichberechtigung ausbrechen würden. Die Regierung bereitet die Gesetzesvorlage über die Judenreform für die künftige Duma vor.