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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-11-02 · Heft 44 (2.11.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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70. Jahrgang. No. 44. Berlin, 2. November 1906. eitung desAudentums Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsorr. VkrlgLs-LxpeMou: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der «,Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW-, Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-.Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Reda kteur: Gustav Rarxeles. pngnkkt auk die Gewillenskreihrit. Berlin, 31. Oktober, s ist das Schicksal des jüdischen Volkes, recht seltsame .Schicksale zu haben. Eines der seltsamsten jedenfalls ist, daß ihm, das zuerst von allen Völkern der Erde eindringlichst Milde gegen Tiere gelehrt und geübt hat — es sei nur ererinnert an das Verbot, dem Ochsen beim Dreschen das Maul zu verbinden, an das Verbot, das Junge in der Milch seiner Mutter zu kochen, an die Behandlung des Vogels und seiner Brut usw. usw. — Grausamkeit gegen die Tiere vorgeworfen wird. So auch auf dem jüngsten Kongreß der deutschen Tierschutzvereine in Nürnberg. Es ist noch seltsamer, daß dieser Vorwurf den Juden gemacht wird wegen des Schächtens, das nach jüdischer Vorschrift von einem eigens dazu physisch geeigneten, gehörig vorgebildeten Manne besorgt werden muß, dem obendrein die größte Sorgsamkeit, Schnelligkeit, der Gebrauch eines haarscharf geschliffenen Messers vorgeschrieben sind, damit dem zu schachtenden Tiere beim Schächten nur ja nicht der allergeringste überflüssige Schmerz bereitet werde. Ist das Schächtmesser nicht scharf, nicht ohne jede nur mit dem Fingernagel nach sorgfältigem Prüfen noch bemerkbare Scharte, dann ist das geschachtete Tier zum Verkauf völlig ungeeignet, der Fleischer hat einen empfindlichen Schaden und der Schächter läuft Gefahr, entlaffen und überhaupt für ungeeignet zur Erfüllung seines Berufs erklärt zu werden. Ja dem Fleischer ist auf das strengste verboten, selbst Tiere zu töten, auch wenn deren Fleisch nicht an Juden verkauft werden soll. Es soll eben das Tier nicht von jedem beliebigen, sondern nur von einem Manne getötet werden, dessen Spezialität es so zu sagen ist, der die geeigneten Instrumente dazu hat. Das Schächten des Tieres sichert schon durch die vorgeschriebenen Maßregeln gegen Grausamkeiten, wie sie der rohe, unwissende Bauer mit seinen weit primitiveren Instrumenten, selbst ohne es zu wolle», verübt, notwendig verüben mutz. Und von wem wird den Juden dieser Vorwurf der Tierquälerei gemacht? Von denselben Leuten, die erst gestern gelernt haben, auch auf Tiere einige Rücksicht zu nehmen, von den Leuten, die, um dem Gaumen einen größeren Kitzel zu bereiten, Krebse lebendig sieden, die am Taubenschießen und anderem grausamen Sport Geschmack haben, die jeden Tag den Bewohnern der Gewässer, des Waldes und Feldes sowie der Luft unsägliche Qualen zufügen! Diese Leute, die vor einem Menschenalter noch, sobald sie etwas nachdenkliche Leute waren und zu den gebildeten und wohlhabenderen Schichten gehörten, mit Vorliebe, wenn nicht gar ausschließlich, beim jüdischen Schlächter ihren Fleischbedarf eingekauft haben, nicht aus besonderer Liebe zu den Juden im allgemeinen und zu den jüdischen Schlächtern im besonder», sondern weil sie so hygienisch besser zu fahren glaubten, weil sie aus dem jüdischen Schlachthaus nicht das entsetzliche Geschrei der armen Schlachtopfer hörten, wie beim Schweine„stechen" in andern Schlachthäusern oder gar bei Hausschlachtungen. Und gerade die Antisemiten, die Menschen gegenüber, wenn sie Juden sind, jede Grausamkeit, jede Härte für berechtigt halten, die mit den Mördern der „Pogroms" sympatisieren, sind Tieren gegenüber so zartfühlend, daß sie in dem Schächten eine unerträgliche Tierquälerei zu sehen behaupten und es verbieten wollen, ja hier und da bereits Verbote durchgesetzt haben, obwohl, wie wir freilich glauben, lediglich darum weil dadurch vielen orthodoxen Juden der Fleischgenuß erschwert, verteuert, wenn nicht sogar ganz unmöglich gemacht wird. Die Behauptung, daß das Schächten eine besonders grausame Tötungsart sei, ist nicht bewiesen, ist durchaus aber von sehr vielen Sachverständigen widerlegt worden. Selbst der verstorbene Sekretär des Tierschutzvereins, Beringer, der ein wirklich ehrlicher Tierfreund war, hat wiederholt erklärt, das Schächten selbst sei nicht so schlimm; ec bekämpfe es hauptsächlich, weil, wenn es den Juden nicht verboten würde, die. christlichen Schlächter es niemals zu einer vorschriftsmäßig humanen Schlachtmethode gebracht haben würden. Also weil die christlichen Schlächter sonst nicht human sein würden, sollen die Juden gezwungen werden, ihr sonst einwandfreies Schächten aufzugeben, obwohl viele dadurch vor die Alternative gestellt werden, entweder gegen eine religiöse Ueberzengung zu handeln oder zu — hungern. In Wirklichkeit ist aber bei der als human verlangten Betäubung durch einen Schlag vor die Stirn viel eher ein Fehlschlag und infolgedessen unnötige Tierquälerei möglich, als beim regelrechten Schächten mit einem vorschriftsmäßig scharf geschliffenen Messer, das sofortige Bewußtlosigkeit zur Folge haben muß. Das Hetzen gegen das Schächten, das in Deutschland hier und da zu Schächtverboten geführt hat, ist jetzt auch nach England vorgedrungen, und selbst in den Vereinigten Staaten lassen sich bereits Stimmen, vernehmen, die ein Schächtverbot verlangen. In England nun ist von jüdischer Seite die Behauptung ausgestellt worden, daß das Fleisch von geschächteten Tieren der Gesundheit zuträglicher sei als das auf andere Weise, das heißt nicht durch Blutentziehung getöteter Tiere. Wir wissen nicht, welche Beweise dafür angeführt wurden für die Behauptung, daß entblutetes Fleisch gesunder sei. Tatsache, und zwar beweisbare und auch allgemein bekannte Tatsache, aber ist es, daß der Gesundheitszustand bei den Juden ein besserer ist und stets war als bei

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