Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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—- 3 —— und die Gewissensfreiheit ihrer Mitglieder schwer gefährdet. Sie verwirft deshalb das dem Rosinschen Entwurf zugrunde liegende Konsistorialprinzip. Dagegen begrüßt sie das in dem Entwurf zutage getretene Bestreben, die Einzelgemeinden zu leistungsfähigen Verbänden unter Wahrung ihrer religiösen Autonomie zusammenzuschließen, sowie diejenigen Bestimmungen über die Gemeinde* Verfassung, die eine zeitgemäße einheitliche Regelung und Reform derselben bedeuten und geeignet sind, den Einfluß der einzelnen Mitglieder aus die Verwaltung der Gemeindeangelegenheiten zu stärken." — Ter Vorstand der israelitischen Gemeinde hat, wie in der gestrigen Ausschußsitzung berichtet wurde, beschlossen, eine G eschichte der Frankfurter Juden herauszugeben und Professor Krackauer mit dieser Aufgabe betraut. Professor Krackauer hat von der Schulverwaltung des Philanthropins den nötigen Urlaub erhalten; die Kosten seiner Stellvertretung werden von der Gemeinde getragen. Zunächst sollen die Regesten von 1400 bis 1519 bearbeitet werden. Reichelsheim t. O., 13. Oktober. Folgender Vorfall, der für weitere Kreise von Interesse sein dürfte, hat sich hier zugetragen. Die hiesigen Israeliten wollten dieser Tage einen Ball abhalten. Der Bürgermeister erteilte die hierfür nachgesuchte Genehmigung, aber mit dem Hinzufügen: „Nur für Juden."- Eine wegen der Einschränkung beim Kreisamt Erbach erhobene Vorstellung hatte keinen Erfolg. Als abends der Ball beginnen sollte, erschien die Gendarmerie, die Andersgläubigen den Eintritt verwehrte. Der Wunsch der Juden, isoliert zu bleiben, bestand durchaus' nicht; es waren sogar schriftliche Einladungen an eine Reihe christlicher Mitbürger ergangen. In früheren Jahren kannte man hier derartige .Einschränkungen nicht. (Auf welche gesetzlichen Bestimmungen gründet sich das behördliche Vorgehen? Das Gesetz enthält doch keine Vorschrift des Inhalts, daß gesellige Veranstaltungen Ln konfessionellem Rahmen stattzufinden haben? D. Red.) a. Mannheim, 19. Oktober. Das jüdische Krankenschwesternheim wurde am 14. d. M. in feierlicher Weise eingeweiht. Es ist eingerichtet worden zur Aufnahme der jüdischen Schwestern, die bislang hier sind und welche, obwohl sich ihre Tätigkeit lediglich auf Privat), siege erstreckt, seither in den Räumen des Israelitischen Kranken-Pfründerhauses untergebracht waren. Wie Herr Hartog, der die Begrüßungsansprache im Namen des Kuratoriums hielt, hervorhob, war es die August Lamey-Loge, welche von hier aus die erste Schwester nach Berlin zur Ausbildung für die hiesige Stadt sandte. Inzwischen hatte auf Veranlassung des jüngst verstorbenen Julius Ettlinger der Israelitische Krankenunterstützungsverein zwei Mädchen ebenfalls für Mannheim ausbilden lassen. Dadurch waren die zur Verfügung gestellten Räume zu klein geworden, und nun beschlossen die beiden obigen Vereine mit gemeinsamen Mitteln die Gründung eines eigenen Heimes. Namens der August Lamey-Loge sprach ihr derzeitiger Präsident, < Dr. med. Cahen. Als Vorstand der jüdischen Gemeinde beglückwünschte Herr Stadtrat Stockheim die Schwestern zu ihrem neuen Heime, alsdann namens der jüdischen Spitalkommisston Justizrat Dr. Staadecker. Dieser legte den Schwestern insbesondere Toleranz ans Herz, denn ebenso wie das jüdische Spital allen Kranken ohne Unterschied der Konfession Aufnahme gewähre, ebenso wie dort die christlichen Schwestern den Kranken ohne Unterschied der Religion ihre Pstege zuteil werden lassen, ebenso sei es auch ihre Pflicht, dahin zu gehen, wo nur immer ihre Hilfe erbeten. Für den Frauenbund Charitas, eine Frauenvereinigung aus Logendamen, sprach deren langjährige Vorsitzende, Frau Julius B e n s h e i m e r . ihre Freude über die Personalunion aus, wonach ihrer Vorstandskollegin Frau Dr. Staadecker Gelegenheit gegeben sei, als Mitglied des Kuratoriums dieses Vereins neben Frau Emma Dreyfuß und Frau Rudolph Stern mitzuhelfen an der Einrichtung dieses schönen Heims und sprach diesen Damen den Dank aus. Alsdann ergriff Bürgermeister, v. Holländer namens der Stadt Mannheim und als Vorsitzender der städtischen Armen- und Pflegekommission das Wort, indem er ebenfalls den in Betracht kommenden Vereinen herzlichen Dank für die neue Schöpfung aussprach. In schmeichelhafter Weise sprach der Bürgermeister von der Wohltätigkeit, die der Stadt in so reichem Maße auf dem Gebiete der Armen- und Krankenpflege seitens der israelitischen Mitbürger zuteil werde; leider könne sich die Stadt in ähnlicher Weise nicht revanchieren, weil von seiten der jüdischen Vereine alles aufs Großartigste bedacht und eingerichtet sei. Er freue sich auch insbesondere über die Toleranz, wonach sich die jüdischen Schwestern auch dem Dienste der städtischen Armenpflege zur Verfügung stellen. An die Ansprachen schloß sich eine Besichtigung der sehr gut eingerichteten Räume. München, 15. Oktober. In einer Zentrumsversammlnng im katholischen Kasino der Vorstadt Neuhansen machte sich große Erregung darüber geltend, daß das führende Zentrumsorgan, der „Bayerische Kurier", durch den für die Bearbeitung der Nathausarbeiten neugewonnenen antisemitischen Agitator Wengg das Verhalten der Zentrumsmitglieder in den gemeindlichen Kollegien schwer angreifen wolle. Es wurde auch eine Resolution gegen dieses Vorgehen und gegen den „Bayerischen Kurier" angenommen und mit Gegenmaßregeln gedroht. In der Resolution heißt es: „Es wird die Vorflandschast des Kasinos beauftragt, dem „Bayerischen Kurier" das Mißfallen der gutgesinnten Zentrnmsangehörigen auszusprechen darüber, daß derselbe ein Mitglied (Wengg) in die Redaktion ausgenommen hat, das geeignet ist, Zwiespalt in die Zentrumspartei zu bringen, was in Anbetracht der gegenwärtigen politischen Lage zu bedauern ist." ick. Stuttgart, 17. Oktober. Am 11. d. M. feierte Herr Bezirksrabbiner Tr. Stössel hier sein 25jähriges Amtsjubiläum. Aus diesem Anlaß wurden ihm eine Reihe von Ehrungen zuteil. Nachdem er selbst in einer Festpredigt beim Voruüttagsgottesdienst in schlichter und ergreifender Weise ein Bild seines Lebens und Entwicklungsganges gegeben hatte, versammelten sich in seiner Wohnung die Vertreter der israelitischen Oberkirchenbehörde, des Kirchenvorsteheramtes sowie der verschiedenen Wohltätigkeitsvereine, deren Ausschüssen der Jubilar angehört, und eine Abordnung von Gemeindegenossen, um ihm den Dank für seine erfolgreiche Tätigkeit und Mitwirkung auszusprechen, die Glückwünsche darzubringen und ihn: neben verschiedenen schön ausgestatteten Dankadressen eine reiche Ehrengabe zu überreichen. Den Schluß des schönen Festes bildete ein Bankett, an welchem sich wiederum die Vertreter der genannten Behörden und Vereine beteiligten und bei welchem in gebundener und ungebundener Rede die allgemeine Beliebtheit zum Ausdruck kam, welcher sich der Jubilar durch sein bescheidenes Wesen, seine große Friedfertigkeit und sein reiches Wissen in allen Teilen der Gemeinde erfreut. Möge ihm noch eine lange, segensreiche Tätigkeit beschieden sein! Oesterreich-Ungarn. A Wien, 22. Oktober. Nur allzurasch ist seinem Kollegen I. H. Weiß nun auch der zweite Lektor des Jellinekschen Bet- Hamidrasch ins Grab gefolgt, Me'ir Friedmann, der große Gelehrte, dessen Namen überall geschätzt war, wo man jüdische Wissenschaft schätzte. Im 75. Jahre seines arbeitsreichen Lebens ist er dahingegangen. Es kann nicht meine Aufgabe sein, die Bedeutung dieses Mannes zu schildern — bei§ bleibe anderen, die es besser verstehen, Vorbehalten. Nur wenige Daten seiner Lebens-- geschichte mögen hier folgen. Friedmann war ein geborener Ungar, aus Kraszna im Kaschauer Komitat. Er kam 1858 als Student nach Wien. Als Adolf Jellinek 1864 das Bet-Hamidrasch hier begründete, stellte er ihn sofort als Lektor für Bibel und Midrasch an. Seit Begründung der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt unterrichtete er in denselben Disziplinen daselbst. Seine Ausgaben des Sisre, der Mechilta, der Pessikte Rabbati, des Tanna debe Ellijahu u. v. a. sind weltbekannt. Seine meist hebräischen Arbeiten pflegte er unter dem Pseudonym „Jsch Schalom" in die Welt zu senden. Ja, er war ein Mann des Friedens und eine Leuchte der Wissenschaft! Sein Name bleibe in ewigem Andenken in Israel! — Was man den österreichischen Juden alles zumutet, grenzt geradezu ans Unglaubliche. Verlangte man doch von den Vertrauensmännern der 3000 jüdischen Wähler in Mährisch-Ostrau, daß sie die Kandidatur eines alldeutschen Antisemiten diesen empfehlen oder mindestens die Wahlenthaltung proklamieren sollten. Der gesunde Sinn der Wähler hat sich natürlich gegen diese freche Zumutung offen aufgelehnt. Aber charakteristisch bleibt die Sache für unsere politischen Verhältnisse. — Das ungarische Abgeordnetenhaus wird sich demnächst mit einer inter-