Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228690-3228734--63018-3290215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
- 516 - wuchert der Haß, der sich aufbäumt, zischt die Rache, die sich von den Fußtritten der Jahrhunderte erholt. — Zwei Studenten gehen vorüber. Große, starke Männer. Sie bleiben vor meinem Fenster stehen, um einer Dame nachzusehen: „Das war die di..." — eine Schauspielerin. Dann sprachen sie vom Stück. Man hörte deutlich: sie haben Literatur „gehört". Sie denken, etwas naiv, aber konsequent: der große Brite hat die Habgier der Juden darstellen wollen. Und erzählen von einer Szene, die Schildkraut famos geben soll. Ich erinnere mich dieser Szene. Durch die Lüfte tönt Musik, in gedämpftem Orgelton weihevoll-freudig, summende Lust. Fein und seidig klingt jeder Ton. Und doch voll versonnener Leidenschaft und warmer Ueppigkeit. Lichter kommen, Lachen tönt. Geschmeidige Menschenkörper klettern hinauf. Jessika wird entführt. Die Musik verhallt. Da kommt Scheylock. Er summt. Wie Juden summen an Winterabenden am Freitag. Behaglich, dämmrig, licht und leicht. Er klopft an die Tür seines Hauses. Niemand antwortet. Schläft Jessika? Er klopft stärker, singt noch dabei. Niemand regt sich. Er singt nicht mehr. Er zischt bange : Jessika. Er schreit angstvoll: Kind!. . Dann stürzt er hinein — — und nun die grandiose Szene, die den Atem raubt, wo man die Augen schließt und nur hört: Der Jude poltert die Treppen hinauf . . stößt an, poltert weiter . . schließt den Geldschrank auf, brüllt verwundet auf, kommt auf die Terrasse, und stolpert dann wieder zurück, Schaum auf den Lippen, ohnmächtig und doch ohninachtswild — — Ist es das Geld allein, wenn er aufschreit: Jessika! und gellend ruft: Mein Kind! . . Viele werden es so sehen. Werden nicht den Zwiespalt fühlen, der hier röchelnd austobt und rachedurstig Blut verlangt. Abends, als das Theater zu Ende war, stand ich wieder am Fenster. ■ Hörte dies und hörte das. Hörte Lob, vernahm Begeisterung. Man lobte die Heims und erhob Schildkraut. Das Tiefste, Innerlichste dieses Kunst- und Lebenswerkes berührten nur wenige. Weil die Frage so alltäglich ist? Ein halbes Kind von einem Mädchen sagt zu ihrer Mutter (oder Gouvernante?) aufschlußreich: „Der Jude war häßlich." Man kann Grimassen nicht wiedergeben. Wie junge, etwas knabenhafte Schultern zucken und dünne, rote Lippen das sagen: „Der Jude . ." Ich stand noch am Fenster, als die Lampen ausgelöscht wurden und dachte nach. Und wurde gar nicht müde. Aber bitterer, immer bitterer bei jedem Gedankenfaden, der sich abwickelte. Ja, Gott im Himmel: Das Lustspiel vom Juden . . Sxrechsaal. Herr Redakteur! Nr. 38 Ihrer geschätzten Zeitschrift, Seite 449, spricht Herr ^3 Dr. Chotzner mit einer gewissen Bitterkeit über die Anerkennung des „Indisch" als Sprache durch die Regierung der Kapkolonie und die Redaktion des „Jewish Chronicle" — er hätte auch „Jewish World" einschließen können —, weil „dadurch der Sprache des Ghettos ein offizieller Charakter verliehen wird". Gestatten Sie mir, mich zu der Ketzerei zu bekennen, daß ich diese Angst vor der Zurücksendung ins Ghetto auch dann nicht teilen würde, wenn ich nicht täglich strotz der jüdischen.Tages- und Wochenblätter und trotz der indischen Theater das Schwinden des „Jargon" bemerken würde. Hier spricht niemand „jüdisch", der sich die Landessprache, wenn auch noch so mangelhaft, angeeignet hat, und die Kinder antworten den Eltern in englischer Sprache, wenn auch die letzteren sie in jüdischer Sprache anreden. Ich muß ferner gestehen, daß ich nicht darauf aspirieren kann, ein Klassiker in der jüdischen Literatur zu werden. Das „Jüdisch", das man in meiner Heimat sprach, war der Lokaldialekt, mit hebräischen Brocken verbrämt, und höchstens durch einige phonetische Eigentümlichkeiten, als das gutturale „ch", ausgezeichnet. Ueberdies hatte dieser Dialekt zu meiner Knabenzeit weder in der Schule noch auf der Kayzel Geltung und wurde fast ausschließlich im internen Geschäftsleben und Verkehr verwendet. Anderseits glaube ich nicht, daß Grätz recht hat, wenn er sagt: „Mit der Sprache büßten die Juden das Wesen ein, was (!) den Juden erst zum Menschen macht, und setzten sich selbst dem Gespötte und der Verachtung der nichtjüdischen Kreise aus" (Band IX, S. 445, 3. A.). Ich teile noch weniger die Bedenken Moses Mendelssohns, der die Beibehaltung des „Jüdischen" bei der Eidesleistung widerrät, weil dieser Jargon nicht wenig zur Unsittlichkeit des gemeinen Mannes beigetragen habe (Mendelssohn Schriften V, 605; Kahserling: Moses Mendelssohn, S. 283). Es ist auch mehr als unwahrscheinlich, daß der Jargon, wie Grätz meint, erst von den polnischen Juden nach Westeuropa eingeschleppt wurde. Mir ist es sehr unwahrscheinlich, daß etwa Meir aus Rothenburg für Sukkoth Laubhütten fest, für Beth din rabbinisches Gericht, für Pescharah gerichtlicher Ausgleich und für magiah sein Korrekturlesen gebraucht habe. Das „Gespötte der nichtjüdischen Welt" hat vor der Zeit, als die polnischen Juden tonangebend wurden, begonnen und hat auch nicht aufgehört, als mit Heine der deutschen Literatur ein jüdischer Klassiker erstanden war. Es ist deshalb gar nicht einzusehen, warum das „Jüdische" als Dialekt nicht dieselbe Toleranj finden sollte, die anderen Dialekten auf dem Gebiete der Literatur zuteil wird. Mir scheint es große Vorzüge zu haben. Es besitzt infolge der Absorption verschiedener Sprachen einen großen Wortreichtum und infolge seiner souveränen Verachtung grammatikalischer Etikette eine beneidenswerte Elastizität des Ausdruckes. Die Erzählungen von Abramowitsch und Perez sowie die Gedichte von Rosenfeld beweisen seine literarische Verwendbarkeit. Was ihm zu einer Sprache fehlt, ist seine ausschließliche Herrschaft auf einem bestimmten geographischen Gebiet. In dem von Herrn Dr. Chotzner berührten Falle handelt es sich aber um etwas viel Ernsteres als die Doktorfrage, ob „jüdisch" eine Kultursprache werden kann. Es handelt sich um das Wohl und Wehe von Hunderttausenden, vielleicht von Millionen elender und verfolgter Glaubensgenossen. Die Beschränkung der Einwanderung steht in Südafrika wie in den Vereinigten Staaten auf der Tagesordnung. Der Bildungstest wird wohl auch in Amerika eingeführt werden. Ist es nun gerecht, einen Slowaken, der mühsam seine Sprache lesen und schreiben kann, zuzulassen, und einen Juden, dem durch das Medium der Jargonliteratur die besten Erzeugnisse menschlicher Geistesarbeit zugänglich sind, als Analphabeten auszuschließen. Darum allein handelt es sich. Die südafrikanische Gesetzgebung verlangt, daß jeder Einwanderer einer europäischen Sprache in Wort und Schrift mächtig sei. Den Juden ist es nun gelungen, auf dem gesetzgeberischen Wege die bisherige Verwaltungspraxis bestätigen zu lassen, wonach „jüdisch" als europäische Sprache gilt. Das war ein Sieg der Gerechtigkeit und das Gegenteil wäre ein geistiges Ghetto gewesen. Cincinnati, im Oktober. Ergebenst Prof. G. Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Beranlwörtlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.