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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-26 · Heft 43 (26.10.1906) · p. Seite 515

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
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- 515 - Unter, dem Schutze dieses Gerichtshofes hatte ein Angeklagter alle.nur denkbaren Garantien; auch hatten die Erkundigungen, die Diego eingezogen hatte, viel dazu beigetragen,: ihn mehr und mehr zu beruhigen; aber es drängte ihn, Fernando zu sehen, um von ihm Aufklärung über den wahren Beweggrund seiner Handlung zu erhalten. Indessen beeilte er sich, nach Hause zurückzukehren, um Juanita so schonend als möglich von dem Unglücksfall, der sich soeben ereignet hatte, in Kenntnis zu setzen. Aber das arme Kind hatte es bereits erfahren, und Diego fand sie in einem Zustande wahrhafter Verzweiflung. Er versuchte, sie wenigstens einigermaßen zu beruhigen, und nach und nach gelang es seinem liebevollen Zureden, ihr eine Sorglosigkeit einzuflößen, die er selber nicht zu teilen imstande war, denn er mußte hinter dieser blutigen Affäre immer wieder eine größere unbekannte Gefahr erblicken. Außerdem konnte sich der Prozeß in die Länge ziehen; die öffentliche Hochzeit der jungen Leute wurde dadurch weit hinaus aufgeschoben; alle seine Fluchtpläne, die so lange vorbereitet, mit so großer Umsicht entworfen waren, waren vorläufig vernichtet, und das war für Diego in der schwierigen Lage, in die er sich so plötzlich versetzt sah, eines der größten Besorgnisse. Das unvorhergesehene Ereignis, welches in Diegos Pläne eine solche Verwirrung brachte, durchkreuzte nicht weniger die Entwürfe des Grafen von Ramira. Alonzo war der einzige Sohn; wenn der junge Mann die Augen schloß, so war sein Spiel auf ewig verloren. Dazu kam, daß die Verwundung sehr schwer war und die Aerzte stark an seinem Aufkommen zweifelten. Im günstigsten Falle, wenn Alonzo dem Tode entging, hatte dieses Duell dennoch einen andern Nachteil, es verursachte einen ewigen Haß zwischen beiden Familien, und Diegos Ermordung, die für die Pläne des Grafen durchaus erforderlich war, wäre diesem mit aller Wahrscheinlichkeit zur Last gelegt worden. . Mitten unter seinen Befürchtungen um Alonzos Leben, und trotz des wilden Zornes in seinem Innern, verlor der Gras sein Hauptziel nicht aus dem Auge und vermied vorsichtig alles, was die geringste Mißstimmung bei Fernando und den Seinen hätte Hervorrufen können. Er gab sich im Gegenteil den Anschein, als ob er alles Unrecht auf seinen Sohn schiebe, als. ob. dieser allein an allem Unheil schuld sei; ja er sagte sogar ausdrücklich, daß Fernando durchaus für nichts verantwortlich gemacht werden dürfe. Dieses Betragen setzte Diego nicht wenig in Erstaunen, aber es trug zu gleicher Zeit auch dazu bei, seine Unruhe zu vermehren und ihm neue Verlegenheiten zu bereiten, obgleich dieses wiederholte Zeugnis aus dem Munde von Alonzos Vater der beste Anwalt für Fernando war. Der letztere seinerseits war nicht weniger ängstlich; er fürchtete weniger für seine eigene Person, als für die Seinigen. Diego hatte die Erlaubnis erhalten, ihn in fernem Gefängnis zu besuchen. Obgleich sie allein waren, hatte Diego nicht gewagt, Fernando über den wirklichen Grund des Duells direkt zu befragen; denn das Mißtrauen der Marannen war unter allen Umstünden und zu jeder Zeit sehr groß und leider nur allzu berechtigt. Aber* Fernando hatte den fragenden Blick verstanden, den sein Wohltäter ihm beim Eintritt zugeworfen Hatte. „Es war nötig," sagte er leise. „Später . , " „Glücklicherweise," entgegnete Diego, der herannahende . Schritte hörte, „glücklicherweise ist Alonzo noch nicht ver> loren ..." „Glücklicherweise!" wiederholte Fernando mechanisch, von dieser Trauernachricht wie angedonnert; denn er glaubte seinen Gegner gut getroffen und aus der Stelle getötet zu haben. Indessen unterdrückte der junge Mann diese erste Aufwallung, entschlossen, den Seinen vorläufig noch die großen Befürchtungen, die er hegte, vorzuentbalten. In der Tat, wenn Alonzo dem Tode entging, wenn er nur soviel Kraft wiedergewann, um sprechen zu können, stand ja alles von neuem auf dem Spiele; die Denunziation war dann nicht zu verhindern. Wie der Graf von Ramira, wie sein Wohltäter Diego, so hatte auch Fernando seinen Sinn nur auf einen Gegenstand gerichtet, nämlich auf Alonzos Verwundung und den Verlauf seines Krankenlagers. Der Mönch Enriquez, der vertrauteste Freund der Familie Diegos, war ebenfalls dem plötzlichen Szenenwechsel aufmerksam gefolgt. Juanitas Vater hatte den: Mönch in einer geheimer! Unterredung feine Vermutungen, die noch durch einige 'Worte Fernandos bestärkt wurden, unumwunden mitgeteilt. Aber Enriquez hatte seinen Freund beruhigt. Die Inquisition war augenblicklich noch zu sehr mit den lutherischen Ketzern beschäftigt; alle Gefängnisse der Aljaferia waren mit ihnen angefüllt und zahlreiche Prozesse schwebten. Seit einiger Zeit war von Marannen nicht mehr die Rede gewesen; offenbar hatte man anderweitig zuviel zu tun, um unter solchen Umständen noch an sie zu denken. (Fortsetzung folgt.) tr** Das Lultlpiel vom Juden. Von A. Halbert - Berlin. 3cf) wohne in einer Theatergasse. Zwei Häuser vom „Deutschen Theater". Früh, bei den Proben, sehe ich die Schauspieler und Schauspielerinnen, höre ich das Lachen der Choristinnen und Statistinnen, das Girren der Lustigkeit. Abends sehe ich Feuerwehrleute und Schutzmänner, wieder Künstler und Künstlerinnen und — das Publikum. Sie haben eigene Gesichter, die Theater-Gänger. Manchmal eine gewisse Spannung im Gesicht. Sie haben von dem Stück schon gehört, von der wundervollen Harmonie, die aus allen Künsten (Musik und darstellende Kunst und nicht zuletzt die bildende) saugt. Sie haben vernommen/ daß hier feine, kultursatte Kräfte Mitwirken, um aus dem Theater eine Stätte der Weihe zu machen. Nun gehen sie hin, kouunen vom stumpfen und doch so aufreibenden und zerwühlenden Alltag und wollen Wunder erleben, das Wunder, die Stimmungskraft und die Suggestionswucht der Kunst auf sich wirken lassen. Sie haben Spannung in den Zügen. Heute wird der „Kaufmann von Venedig" gegeben. Ein Lustspiel steht auf dem Theaterzettel. Ein Lustspiel mit einer Tragödie in der Mitte. Ein Lustspiel mit einer tragischen Seele. Viele kennen das Stück. Ein Herr sagt im Vorübergehen: „Der Jude von Venedig". Die Dame sagt etwas zusammenhangslos: „Schildkraut soll wundervoll sein." Eigentlich ist auch hier Zusammenharig. Es ist in diesem Drama, wie Schildkraut es erfaßt: die Tragödie des Kaufmanns im Juden. Oder: die Tragödie des Geldes im Menschen.. Ueber allem aber schwebt die Vergangenheit,

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