Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 514 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Das ist sehr einfach," antworteteAlonzo, „ich bin spät aufgestanden, weil ich spät schlafen gegangen bin." „Tu hast gewiß wichtige Geschäfte gehabt," sagte ein anderer mit einem Tone, der gegen den Ernst der letzten Worte Alonzos sehr abstach. „Sehr wichtige Geschäfte," antwortete Alonzo lächelnd. Fernando glaubte zu sehen, daß Alonzo bei diesen Worten einen stechenden Blick ans ihn geworfen hatte. „Ohne Zweifel irgendeine Serenade unter hohem Balkon," fuhr ein anderer fort. „Glücklicher Sterblicher! Er hat überall Aussichten." „Hier auf Erden muß jeder wenigstens etwas haben," sagte Alonzo, sich selbstgefällig im Sessel zurücklehnend. „Richtig!" bemerkte ein anderer, „die einen haben Verstand." „Die andern haben Glück ..." „Manche haben nur die Mühe, Reichtümer, die ihnen an den Kopf geflogen, aufzuheben und in die Tasche zu stecken," sagte Alonzo, seine Augen von neuem auf Fernando richtend. „Andere haben eine hohe Geburt," erwiderte nun ein dritter. „Und sehr oft weiter nichts," sagte Fernando gleichgültig. „Meint Ihr damit mich?" rief Alonzo und sprang wütend auf. „Keiner der Herren hat diese Worte auf sich bezogen," antwortete dieser. Die Kälte, mit der der junge Mann diese zweideutigen Worte gesprochen hatte, ließ Alonzo außer sich geraten. „Unverschämter!" schrie er und stürzte sich auf Fernando. Einige junge Leute machten den Versuch, sich zwischen die beiden Gegner zu werfen. „Das hättet Ihr ganz leise sagen sollen. Ihr allein hättet es hören dürfen. Dann wäre es au den rechten Mann gekommen," sagte Fernando immer in demselben Tone. „Beim heiligen Jakob," entgegnete Alonzo, den die Kaltblütigkeit seines Gegners nur noch wütender machte, „wir wollen doch einmal sehen, ob dieser elende Schwätzer mit dem Schwerte ebensogut fortkommen wird, wie mit der Zunge." Fernando zuckte die Achseln. „Ich sehe schon," schrie jetzt Alonzo, dessen Zorn keine Grenzen mehr kannte, „ich werde den feigen Buben erst ohrfeigen müssen, damit er mir Rede stehe." Und er warf Fernando seinen Handschuh ins Gesicht. Darauf hatte der letztere gewartet. Bei dieser Beleidigung erhob er sich lebhaft und trat auch seinerseits auf Alonzo zu. „Endlich!" schrie dieser triumphierend. Einige der Anwesenden machten noch einen Vermittlungsversuch; aber die meisten waren Freunde und Bewunderer Alonzos und zweifelten nicht, daß er seinen Gegner leicht überwinden würde; sie waren deshalb entschieden für einen Zweikampf, in welchem der Sieg unzweifelhaft ihrem Freunde znfallen mußte. So half alles Schreien und Wehklagen des Meister Vargas nichts, und bald hatten die Anwesenden einen Kreis gebildet, in dessen Mitte sich Fernando mit dem Degen in der Hand seinem Feinde gegenüber befand. Der Kampf war kurz; nach einigen wütenden Angriffen Alonzos, die Fernando mit gewohnter Kaltblütigkeit unchädlich machte, blieb der erstere, der in seiner Aufregung kaum an seine Verteidigung dachte, als er einen entscheidenden Hieb führen wollte, einen Augenblick.vollständig ungedeckt, und Fernando bohrte ihm seinen Degen in die Brust. Alonzo fiel. In demselben Augenblick trat die heilige Hermandad ein, die Meister Vargas in seiner Angst herbeigerufen hatte. Während Alonzos Freunde diesen in das Haus seines Vaters wegschafften, wurde Fernando in das Stadtgefängnis abgeführt. * * * Indessen hatte sich die Nachricht von diesem tragischen Ereignis sehr schnell in der Stadt verbreitet, und wie natürlich wurde das einfache Faktum durch den Stadtklatsch ungemein ausgeschmückt und vergrößert; man sprach bald von einem allgemeinen heftigen Kampf, von einigen Toten und mehreren Verwundeten. Diego hatten die jüngsten Geschehnisse nicht lange verborgen bleiben können. Zu den ernsten Besorgnissen, die ihm diese unglückselige Angelegenheit einflößte, kam bald' der Hintergedanke, der sich eigentlich unter allen Umständen für einen Marannen von selbst ergab. Das Duell zwischen den beiden jungen Leuten mußte einen anderen Grund haben als den, den die Welt ihm unterschob; Diego kannte Fernando, der junge Mann war, wie alle seine Glaubensgenossen, zu vorsichtig, zu sehr gewöhnt, bei jeder Sache alle möglichen Konsequenzen vorher zu erwägen, als daß er sich wegen einer närrischen Wortklauberei eine solche Extravaganz hätte zuschulden kommen lassen. Um sofort die reine Wahrheit zu erfahren, die ihm aus den Uebertreibungen und widersprechenden Erzählungen seiner Umgebung nicht klar werden konnte, begab er sich in aller Eile in die Herberge zur „la Buen Ventura". Dort erzählten ihm Meister Vargas und einige zurückgebliebene junge Leute den Zusammenhang der Ereignisse. Als Augenzeugen stimmten sie alle darin überein, daß sich Fernando im Stande gesetzlich erlaubter Notwehr befunden habe; daß Alonzo ihn nicht nur zuerst beleidigt urxd herausgefordert habe, sondern daß er ihn auch sozusagen mit dem Schwerte in der Hand zum Kampfe gezwungen habe, daß infolgedessen Fernando auch nicht für die Folgen des Kampfes, so ernst sie auch sein mögen, verantwortlich gemacht werden könne. Nun war aber in Aragonien die Gerechtigkeitspstege, dieses erste Erfordernis jedes geordneten Staatsorganismus, viel besser und sicherer geordnet als in den anderen Staaten der damaligen Zeit. Wie in den andern Provinzen der spanischen Monarchie, gab es geistliche und weltliche Richter; aber diese einzelnen Gerichte standen unter der Oberaufsicht des Obergerichtsrates, der zur Wahrung der Rechte des Volkes aus der zweiten Adelsklasse gewählt wurde. Jeder aragonische Bürger konnte an ihn appellieren. Sofort wurde die Macht der anderen Gerichtshöfe suspendiert, der Obergerichtsrat ließ die Ausführung des von ihnen gefällten Urteils aussetzen, revidierte dasselbe mit Hilfe seiner fünf Unterbeamten, vernichtete es, wenn es seiner Ansicht nach den Privilegien des Königreichs zuwiderlief, und sprach die Angeklagten von der über sie verhängten Strafe frei. Das Verfahren dieses Gerichtshofes war öffentlich, seine Vernehmung schloß Folter und jedes Gewaltmittel zur Erpressung einer Aussage aus; sein Gefängnis hatte den schönen Namen „Manifestacion" oder „Freiheit", und seine Urteilssprüche mußten von jedermann als rechtsgültig angenommen werden.