Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 512 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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512 Das organisierte Milche Proletariat in Luhland. Von Dr. S. Bernfeld. or mehreren Wochen wurde in aller Kürze verkündet, daß der Bnnd der jüdischen Arbeiter in Litauen, Polen und Rußland sich wieder mit der sozialdemokratischen Partei vereinigt habe. Erst nach mehreren Wochen veröffentlichte die Organisationsleitung die Bedingungen dieser Wiedervereinigung und deren Begründung. Es ist dies ein Muster rabulistischer Argumentation, darauf berechnet, den Fernstehenden und den denkfähigen Parteigenossen Sand in die Augen zu streuen. Wie es scheint, haben sich die Männer, die an der Spitze des organisierten jüdischen Proletariats in Rußland stehen, noch einen letzten Rest von Scham gerettet, sie haben deshalb den Versuch gemacht, diesem Verrat an den eigenen Stammes- und Glaubensgenossen ein Feigenblättchen anzuheften. Als das jüdische Proletariat in Rußland sich eine eigene Organisation schuf und deren Anerkennung durchsetzte, gab die Leitung vor, daß dies erstens taktisch notwendig sei, da das jüdische Proletariat sich eben nur als jüdisches organisieren lasse. Außerdem lagen auch für die Sonderstellung durchaus triftige Gründe vor. Das jüdische Proletariat in Rußland lebt unter ganz eigenartigen Verhältnissen, auf welche bei allen Maßnahmen und Einrichtungen Rücksicht genommen werden muß. Wahr ist es. daß die Trennung der jüdischen Arbeiter von der russischen Landesorganisation, von der „Jskra", größtenteils aus persönliche Reibungen zwischen den Führern zurückzuführen ist. Aber das schließt nicht aus, daß die Trennung an sich eine berechtigte war, zumal doch den polnischen und lettischen Arbeitern das Recht, sich nationale Organisationen zu schaffen, zugestanden wurde. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß die polnischen und litauischen Arbeiter von ihren russischen Genosien wesentlich nur national getrennt sind, während zwischen Russen und Juden auch wirtschaftlich eine breite und tiefe Kluft liegt. Ein beträchtlicher Teil der jüdischen Arbeiter hat sich freilich entweder der russischen Sozialdemokratie oder der polnischen sozialistischen Partei angeschloffen. Immerhin aber blieb noch der jüdische „Bund", dem während seiner Glanzzeit an 30 000 Mitglieder angehörten. Diese jüdische Organisation hatte schon in den letzten Jahren sehr wenig Jüdisches an sich, denn sie handelte in den meisten Fällen gegen das Interesse des jüdischen Volkes, und gegen das Judentum zeigte die Leitung einen nur durch die schlechte Erziehung und durch die Unwissenheit zu erklärenden Haß. Freilich hieß es immer, der Haß des jüdischen Proletariats gelte nur der jüdischen Bourgeoisie, und was das Judentum betrifft, so verdiene dies schon deshalb Verachtung, weil es der Luxus der satten Bourgeoisie sei, außerdem dürfe nicht geduldet werden, daß die Juden „für sich Schabbes machen", wie der geschmackvolle Ausdruck der jugendlichen Freiheitshelden lautete. Nichtsdestoweniger konnte man hoffen, daß der gesunde Sinn in den jüdischen Massen wieder erwachen wird, wenn dereinst ruhigere Zeiten kommen und es sich darum handelt, in Wirklichkeit die wirtschaftlichen Interessen der Juden in Rußland wahrzunehmen; denn in Wahrheit steht doch der jüdische Arbeiter den andern Klassen der Judenheit viel näher als dem russischen oder polnischen Arbeiter. Die Erfahrung hat gezeigt, daß die russischen Arbeiter niemals und nirgends etwas zum Schutz der Juden gegen die Ausschreitungen des Pöbels anläßlich der schrecklichen Pogrome getan haben, oft aber haben sie selbst an diesen Pogromen teilgenommen. Nachdem es dem „Bund" glücklich gelungen war, die jüdischen Handwerker und kleineren Fabrikanten zu ruinieren, fanden die jüdischen Arbeiter in den größeren christlichen Fabriken keine Beschäftigung; ja auch jüdische Fabrikanten wurden durch den Terrorismus ihrerchristlichen Arbeiter daran gehindert, jüdische Arbeiter aufzunehmen. In manchen Fabriken ließ man die Juden nur in den schlecht bezahlten Betriebszweigen beschäftigen, als aber die jüdischen Arbeiter sich auch mit bester bezahlter Arbeit befassen wollten, nahmen die christlichen Kollegen eine drohende Haltung an und setzten ihren Willen durch. Der „Bund" selbst empfahl den jüdischen Arbeitern aus „taktischen Gründen" Nachgiebigkeit. Das tat dieselbe Kampfesorganisation, die sonst jedes Kompromiß verwarf und nur Hohn und Spott für denjenigen hatte, der in der revolutionären Bewegung den Juden zur Mäßigung und Besonnenheit riet. Und endlich sollte auch der letzte Schein der Selbständigkeit des jüdischen Proletariats beseitigt werden. Zuerst hieß es, diese Sonderstellung habe gar keinen Sinn mehr, da doch bald den Juden volle Freizügigkeit gewährt werde. Das ist allerdings nicht geschehen. Die Juden haben somit unter denselben Beschränkungen zu leiden wie früher. Es ist doch lächerlich, anzunehmen, daß die Organisation keinen anderen Zweck habe, als in der Revolution mitzutun. Die jüdischen Arbeiter leben unter besonders schwierigen Verhältnissen. Gesetzt aber der Fäll, sie wären den russischen und polnischen Genossen gleichgestellt, so ist noch immer die Frage berechtigt, warum die Polen und Letten, unbeschadet ihrer Zugehörigkeit zur internationalen Sozialdemokratie, ihre nationale Eigenart nicht ausgeben wollen. Die territoriale Trennung ist keine ausreichende Erklärung dafür. Außerdem steht es außer Zweifel, daß der weitaus größere Teil der russischen und polnischen Juden noch religiös ist. Die wirtschaftlichen Fragen spielen da oft in die religiösen hinein. Nehmen wir beispielsweise an, es handelt sich darum, die Frage der Sonntagsruhe in den gewerblichen Betrieben zu regeln. In Rußland steht es den Juden frei, Sonntags 31t arbeiten, da sie strenge Sabbatruhe üben und ihnen nicht zugemutet werden kann, zwei Tage in der Woche zu feiern. Ebenso verhält es sich mit den jüdischen Feiertagen. Dies berührt nicht nur die jüdischen Fabrikarbeiter, sondern auch das technische und kommerzielle Personal in jüdischen Fabriken und die überaus große Zahl der jüdischen Handwerker. Es ist dies eine Frage des Judentums, wie sie brennender gar nicht gedacht werden kann. Nun regt sich jetzt in Rußland eine Bewegung zugunsten eines allgemeinen, für alle geltenden Ruhetags. Während aber in christlichen Kreisen oft noch so viel Gerechtigkeitssinn zu finden ist, daß von ihnen zugegeben wird, in Rußland lasse sich nicht generalisieren und man müffe auf die Millionen Juden Rücksicht nehmen, welche die Sabbatruhe nicht verletzen wollen, sind die meisten jüdischen Gleichheitsfanatiker entschieden dagegen, daß die Juden, „für sich Schabbes machen". Die Organisation der jüdischen Arbeiter Rußlands ist eine natürliche und jedenfalls keine unerfreuliche Erscheinung. Zu beklagen ist es nur, daß sie so weit entjudaisiert ist und eine geradezu judenfeindliche Stellung einnimmt. Jetzt ist sie gänzlich in die allgemeine sozialdemokratische Organisation aufgegangen, und zwar trotz der Verklausulierung, mit der sie das zu verdecken sucht, ganz bedingungslos. Es ist dies eine Erscheinung, wie sie die jüdische Geschichte gar nicht kennt — die Assimilation von unten, in den Massen. Es ist nur zu erhoffen, daß sie nicht weit gedeihen wird. Denn mittlerweile hat die Zahl der Bundisten erheblich abgenommen; viele jüdische Arbeiter, heuen die Zugehörigkeit zum jüdischen