Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 511 - kommen wird. Es werden schon jetzt in einigen Bezirken jüdische Kandidaten aufgestellt; freilich sind es nur Juden dem Namen nach, meist Rechtsanwälte, die nicht gern an das Judentum gemahnt und die selbst am Versöhnungstage vergebens sowohl in der alten als auch in der neuen Synagoge gesucht werden. Diese Herren werden, selbst wenn das Judentum geschmäht werden sollte, für dieses ihre Stimmen nicht erheben. Darum müssen wir uns auch für ihre Wahl nicht erhitzen. Es wäre jetzt an der Zeit gewesen, wirkliche jüdische Kandidaten aufzustellen, Männer, an welche die Forderung zu richten wäre, nötigenfalls auch für ihre jüdischen Volks- und Glaubensgenossen einzutreten, die namentlich auf dem Lande unter dem Boykott der nationalen Parteien stark zu leiden haben. Daß dies nicht geschieht, zeigt, wie kühl wir der Wahrung unserer heiligsten Interessen gegenüberstehen. Die neue Kurie, die in der Landtagswahlordnung für Mähren geschaffen wurde, wird einige sozialdemokratische Abgeordnete in den Landtag bringen; auch für diese finden sich Kandidaten vom Stamme Judas. Daß diese aber ihre Stimme für unsere sehr bedrängten Glaubensgenossen nicht erheben werden, dessen können wir versichert sein. Der zukünftige Landtag Mährens wird unter dem Zeichen einer slawischen Majorität stehen, die für unsere Zukunft gerade nicht die besten Aussichten bietet, und doch hört man nichts von einer Einigung des Judentums, um auch einige beherzte jüdische Vertreter in die Landesvertretung zu bringen. Das ist eben unser Fehler, daß wir die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen, welche energisch ein Aufraffen für die mannigfachen Kämpfe fordert, die uns unleugbar bevorstehen. Neue Synagogen mögen einem tiefgefühlten Bedürfnisse abhelfen, und doch so erfreulich auch ihre Entstehung sein mag, sie allein können dem tiefgesunkenen jüdischen Gefühle nicht aufhelsen; denn mit Gebeten allein werden wir unseren unter der Ungunst der Zeiten und Verhältnisse seufzenden Glaubensgenossen nicht Hilfe bringen. Um nur eines zu erwähnen: Warum getraut sich kein Abgeordneter energisch daran zu mahnen, daß wir in Oesterreich unfern Dreyfus-Fall haben; warum rollt niemand hier die Hilsner-Frage auf? Aus seinem Gefängnis schreibt dieser gewiß unschuldig Verurteilte jammervolle Briefe, er und seine arme Mutter schreien um Hilfe, und niemand hört auf diesen Hilferuf. Wir wissen es, in unserm Abgeordnetenhause mit seinen verschämten und unverschämten Antisemiten würde sich ein Wutschrei gegen denjenigen erheben, der diese brennende Rechts- oder Unrechtsfrage zur Sprache brächte; mit desto größerem Ruhme würde sich der Mutige bedecken, der sich der Ueberzahl der Unrechtsvertreter entgegen stellte. Darf es wirklich in diesen, angeblich erleuchteten Zeiten geschehen, daß ein unschuldig Verurteilter leidet? Was ist diesem Unglücklichen mit noch so entrüsteten Zeitungsartikeln geholfen, die nach Vergeltung rufen? Nur in der Mitte der Volksvertretung kann dieser Rechtsstreit ausgefochten werden, der wahrlich unserer Justiz kaum zur Ehre gereicht. Aber da rührt sich keine Hand, keine Zunge. — Ein Wiener Rechtsanwalt mit großer rednerischer Begabung und vielem Temperament hat sich der Angelegenheit bemächtigt, aber — wie die Mutter des unseligen Verurteilten richtig bemerkt — er ließ sie wieder einschlafen. Und doch, wieviel Ehre wäre für den zu gewinnen, der dieses Opfer einer vorurteilsvollen, verblendeten Justiz aus den Fesseln des Kerkers rettete! An den verflossenen Bußtagen wurde für die russischen Märtyrer gebetet, ihr vergossenes Blut schreit um Vergeltung zum Himmel, aber auch wir haben einen solchen Märtyrer in unserer Mitte, und es wäre wahrlich an der Zeit, daß man sich der schrecklichen Tatsache bewußt würde, wie sehr das Fundament des Sjaatswesens, das Recht erschüttert wird, wenn man einen Unschuldigen im Kerker nach Erlösung seufzen hört und seine Seufzer überhört. Darum klagen wir immer über den Mangel an Tapferen in unserer Mitte. —' Da wurde in der frommen Landeshauptstadt des ziemlich judenreinen „Tirolerlandes" ein Prozeß durchgeführt, der auf die Sittenreinheit der Bewohner des so streng katholischen Innsbruck ein merkwürdiges Licht wirft. Eine Frau Rutthofer, die Gattin eines angesehenen Landesbeamten, hatte diesen erschlagen. Die Frau liebte, nach der jetzt so häufig vorkommenden Mode, andere, meist höchst jugendliche Männer, und entledigte sich in ihrer Untreue des Gatten, -den sie als Alkoholiker und Perverten schilderte. Die Verhandlung vor den Innsbrucker Geschworenen wühlte wahre Schmutzwellen auf, und mit Stolz können wir es sagen, derartige unsaubere Dinge waren selbst in der niedrigst stehenden jüdischen Familie unmöglich. Wir Juden sind, trotz aller antisemitischen Anklagen und Verleumdungen, doch bessere Menschen. Die Frau verteidigte sich damit, sie habe ihren Gatten in der Notwehr erschlagen, erstochen sollte es besser heißen; der Staatsanwalt verlangte die Verurteilung wegen Mordes, die Geschworenen, die übrigens in ihrer Majorität der Angeklagten nicht sehr gewogen waren, verurteilten das Weib, das auf der tiefsten Stufe der Moral, oder besser Unmoral, steht, wegen Totschlags. Warum wir dies erwähnen? Um damit zu Zeigen, wie blind die Justiz bei uns oft ist. Die Geschworenen, die in ihrer Mehrheit überzeugt waren, daß hier gemeiner Mord vorliege, wagten es dennoch nicht, dieses entmenschte Weib zum Tode zu verurteilen, weil ja doch einige Indizien für die Angeklagte sprachen. Und wievieler solche Indizien und Beweise sprachen für Hilsner? Und doch wurde er verurteilt und schinachtet im Kerker. Nennt man dies mit gleichem Maße messen? Das ist es, was Erbitterung zu erzeugen imstande ist. Wie, muß nicht der Jude verbittert sein, wenn er sieht, daß der schlechter qualifizierte Konkurrent bei der Bewerbung um Aemter ihm vorgezogen wird, nur weil er ein Nichtjude ist? Wir sind daran schon gewöhnt und trachten unsere Kinder Berufszweigen zuzuführen, bei denen nicht stach einem gewissen Scheine gefragt wird. Wenn aber dem Juden selbst das Recht versagt wird, dann kann man sich nicht wundern, daß Strömungen entstehen, die der Zukunft nicht zum Heile gereichen können. Darum ertönt immer und immer wieder unser Ruf: Wählen wir in unsere Vertretungskvrper nur Männer, die wissen, daß sie von Juden gesandt, jüdische Interessen zu vertreten haben. Diese Rechtsanwälte, die es beklagen, daß sie leider von jüdischen Eltern stammen, die an ihre jüdische Abstammung nicht erinnert werden wollen, werden uns nicht helfen. Befreien wir uns von diesen Männern, die zum Gegenstände des Hohnes, selbst unserer Gegner, werden. Diesen möchten sie sich anbiedern und werden von ihnen mit scheelen Augen betrachtet. Solche Vertreter können wir nicht brauchen. Nur Männer können für uns sprechen, die sich nicht scheuen, sich als Juden zu bekennen und für deren Recht auch energisch und tapfer einzutreten. Sie werden sich den Dank ihrer Volksgenossen erwerben, für deren heiligste Güter sie kämpfen. Eine neue Zeit bricht in Oesterreich an, leuchte sie auch uns Juden. Das allgemeine Wahlrecht, das auf dem Wege ist, bringe auch für uns Gerechtigkeit und Wahrheit. Nicht nur in den Synagogen wollen wir uns als Juden bekennen, sondern auch auf der politischen Wahlstatt versuchen, unseren Mann zu stellen. Iwri.