Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
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510 „Vergütungen den Vorsängern zu gewähren, die in den Fächern ihres* Amtes Unterricht erteilen, die Jünglinge oder Männer zur Ausübung des Gottesdienstes vorbereiten, besonders im Thoravorlesen, damit die Vorbereiteten im nötigen Falle einen Vorsänger ersetzen können". In einem Zirkular, das zurzeit in allen Synagogen angeschlagen ist, wird dieser Beschluß den Gemeinden bekannt gegeben und werden dieseund die einzelnen Mitglieder aufgefordert, jährliche Beiträge zu zeichnen. Sie sehen, in der Hauptsache ist man bewährten Beispielen gefolgt. Wie im Deutsch-Israelitischen Gemeindebund sollen die leistungsfähigen Gemeinden die Mittel aufbringen, durch die den kleineren aufgeholfen werden soll. Jedoch ist dabei der Charakter der Konsistorialverfassung streng gewahrt. Die Gemeinden schließen sich nicht zu einem Bund zusammen und unterstützen sich dann gegenseitig, sondern das Konsistorium sorgt mit Hilfe der ihm freiwillig zu diesem Zwecke zugeführten Gelder für die bedürftigen Gemeinden. Der Empfang der Beihilfe wird deshalb im Gegensatz zum Gemeindebund unabhängig sein von einem selbst geleisteten Beitrag, der ja in Wirklichkeit beim Gemeindebund nur ein scheinbarer ist, da er durch die Unterstützung mehrfach zurückgezahlt wird. Das Konsistorium ist eben obnedies der rechtliche Vertreter sämtlicher Gemeinden seines Bezirks. Dieses Recht, durch das die Gemeinden in vollständiger Abhängigkeit von ihm sich befinden, legt ihm dafür auch die Pflicht aus, Mittel und Wege zu schaffen, mittels derer die Ausübung des Kultus überall ermöglicht werde. Daß da der Religionsunterricht eines seiner größten Sorgenkinder ist, erscheint selbstverständlich. Seit Februar sind im Unterelsaß allein wieder zwei jüdische Elementarschulen aufgelöst worden, und wo keine jüdischen Schulen sind, hapert es mehr oder minder mit dem Religionsunterricht. Es ist somit selbstverständlich, daß die zu begründende Kasse in erster Linie verwendet werden soll, um in dieser Beziehung bessere Verhältnisse zu schaffen. Jedenfalls wird man zuerst den Versuch machen, einen geregelten sogenannten Wanderunterricht an möglichst vielen Plätzen einzurichten. Den Gemeinden selbst, die vielfach für den Religionsunterricht recht gern andere sorgen lassen, bereitet weit mehr Kopfzerbrechen die Abhaltung des Gottesdienstes, die Anstellung eines Kantors. ‘ Wir haben zwar keinen Mangel an Kantoren; um eine kürzlich ausgeschriebene, durchaus nicht hervorragende Stelle haben sich 70 Kandidaten beworben. Einem großen Teil von diesen mag es allerdings weniger um die Stelle selbst, als um die davon erhoffte Naturalisation zu tun gewesen sein; denn irrtümlicherweise glauben noch immer viele Ausländer, diese sei hier, wie es früher allerdings der Fall war, leichter zu erreichen als in anderen deutschen Staaten. Wenn wir diese Ausländer aber auch abziehen, bleiben doch noch genug Bewerber übrig, die unsere Gemeinden auf Jahre hinaus versorgen könnten. Ein großer Teil der Gemeinden ist aber nicht mehr imstande, einen Kantor ausreichend zu besolden. In einigen geschieht dies zwar von seiten des Staates; es sind dies aber gerade größere, die ursprünglich Anspruch auf einen Rabbinatsfitz gehabt hätten. Sind viele von diesen auch seit der Zeit, da diese Bestimmungen getroffen wurden, auch zusammengeschmolzen, so sind doch die meisten andern, die auf eigene Kraft angewiesen sind, erst recht klein. An Zuschüße in der Höhe, daß ein nennenswertes Gehalt festgesetzt werden könnte, ist nicht zu denken. Ein Kantorenproletariat zu schaffen ist aber ebenso mißlich für diese wie für die Gesamtheit. Mancher Gemeinde ist nun dadurch Hilfe geworden, daß einer aus ihrer Mitte das Amt eines Vorbeters gegen eine geringe Entschädigung für den Zeitverlust und für sonstige'Mühewaltung' übernahm. Düs Konsistorium beabsichtigt nun, dieses bewährte Aushilfsnrittel zu verbreiten und sucht Gelder bereitzustellen zur Ausbildung solcher Vorbeter. Die Plätze, an denen diese „Dilettanten" funktionieren, wären allerdings aus auswärtiges Schächter angewiesen, dafür würden aber eben dadurch manche Berufskantoren nicht unwesentlich aufgebessert. Ganz leicht wird es jedoch sicherlich, nicht immer sein, die „Freiwilligen" aufzubringen. Bei der rapiden Abnahme des jüdischen Lebens ist auch die Freude an religiösen Funktionen nicht mehr in dem Maße anzutreffen wie vordem. Eine Gesundung des religiösen. Lebens und damit auch eine teilweise Beseitigung dieses Uebelstands wäre aber zu erhoffen, falls die weitere Anregung des Rundschreibens sich verwirklichen ließe, ein Fortbildungsunterricht in religiösen Fächern. Daran dürfte jedoch leider nur an größeren Plätzen zu denken sein, nicht nur, weil auf dem Lande die erforderlichen Lehrkräfte nur selten vorhanden sind, sondern auch weil die nicht mehr schlllpflichtige Jugend dort in der Regel nicht seßhaft ist. Auf kürzere oder längere Zeit verläßt fast jeder Jüngling sein heimatliches Dorf, um in einer benachbarten Stadt oder in der Fremde sich für seinen späteren Beruf auszubilden. Ja, wenn die Geschäftsinhaber an diesen größeren Plätzen dafür gewonnen werden könnten, daß sie ihre Lehrlinge zum Besuch der Fortbildungskurse anhielten, dann wäre viel gewonnen. Auf alle Fälle bildet dieser Beschluß des Straßburger Konsistoriums eine dankenswerte Anregung. Es ist nunmehr Sache der Gemeindevorstände und besonders auch der Rabbiner und Lehrer, dafür zu sorgen, daß er nicht nur auf dem Papier stehen bleibe. Mit Energie werden sie dafür eintreten müssen, daß die nötigen Zeichnungen erfolgen, denn von selbst kämen eben sehr wenige. Mit allzu großer Zuversicht rechnet man in hiesigen Kreisen ja nicht auf das Zustandekommen des Beginnens, hoffen wir deshalb, daß die Erwartungen ausnahmsweise einmal übertroffen werden. M. Lrirk aus vrltrrrrich. Mitte Oktober. ie verstossenen Herbstfeiertage rechtfertigten wieder den Satz, der besagt: „Israel ist nicht verkästem " Die Bethäuser aller Richtungen waren dicht gefüllt, man rief den Herrn in den verschiedensten Arten an, reformiert und orthodox, mit Orgelbegleitung und sehr gemischten Chören, aber auch die ältesten Pintim und Slichoth gelangten zu Ehren, und jedem frommen Gemüte wurde nach seiner Fasson Genüge geleistet. Man konnte wieder den Ruf hören: Es kann doch nicht gar so schlecht um Israel bestellt feilt, wenn nicht nur in der Reichshauptstadt, sondern auch in viel kleineren Orten für neue Bethäuser Sorge getragen werden muß. In der Tat wurden sowohl in der böhmischen als auch in der mährischen Landeshauptstadt vor den Neujahrstagen neue Synagogen eingeweiht. Wenn man bedenkt, daß vor 50 Jahren in der letztgenannten Stadt nur wenige jüdische Familien wohnten, fremde Juden nur mit Erlaubnis der Behörde sich hier einige Tage aufhalten dursten, dann können wir den preisen, der die Zeiten ändert. Heute leben in Mährens Hauptstadt 8000 jüdische Seelen; sie besitzt zwei prächtige Synagogen, und, was auch etwas bedeuten will, die. Juden dieser Stadt sind ein Faktor, mit dem man politisch rechnen muß, wie dies bei den kommenden Landtags- und Reichsratswahlen zum Ausdrucke