Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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509 des Lebens in 400 amerikanischen Städten und Orten zum Gegenstände haben, welche von 25 000 Juden bewohnt werden. Namentlich die Erziehungsmöglichkeiten dieser Orte find hervorgehoben, weil die jüdischen Einwanderer sich besonders die Erziehung ihrer Kinder angelegen sein lassen. Es ist zu hoffen, daß die Bestrebungen der genannten Gesellschaften von Erfolg begleitet sein werden. Ahrmilchrr ßrltl Köln, im Oktober. oher es kommt, daß man die beiden Provinzen Rheinland und Westfalen in einem Atemzug zu nennen pflegt, ist historisch nicht leicht zu erklären. Die Bewohner derselben haben nicht so viel gemeinsame Züge, daß man mit Recht von einer Provinzialbrüderschaft sprechen könnte. Der einzig plausible Grund der üblichen Bezeichnung „Rheinland- Westfalen" ist wohl der, daß in der-Gegend des Ruhrkohlengehietes, wo die gewaltigen industriellen Riesenunternehmungen ihre Fangarme gleichzeitig nach den Landen Hermanns des Cheruskers und der rheinischen Weine ausstrecken, eine bedeutsame finanzielle Interessengemeinschaft zwischen. den Westprovinzen entstanden ist. Auch unsere Juden scheinen nicht von einer Zusammengehörigkeit der rheinischen und westfälischen Juden durchdrungen zu sein. Es sind nur gauz wenige Beziehungen, die da herüber- und hinüberspielen, und man darf wohl sogar von einem gewissen Eifersuchtsgeist sprechen, der aber bisher noch keinen häßlichen Ausdruck gefunden hat. Während in der Rheingegend überall ein kräftig pulsierendes jüdisches Leben zu beobachten ist, das sich nicht in ein paar Großstädten konzentriert, zeigt die Nachbarprovinz ein anderes Bild. Daselbst geht die belebende Anregung nur von den unmittelbar an die Rheinprovinz grenzenden Gemeinden aus, die noch einen starken Einschlag rheinischen Lebens haben. Insbesondere die Dortmunder Gemeinde verfügt über eine beträchtliche Anzahl intelligenter und weitschauender Männer, welche die Sorge für den Zusammenhalt der westfälischen Gemeinden übernommen haben. Als im letzten Winter der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" einen Propagandaausschuß für Rheinland und Westfalen gründete, verhielt sich bei der Zusammenkunft in Düsseldorf das Verhältnis der westfälischen zu den rheinischen Delegierten wie etwa 2 : 30, und ohne Widerspruch erkannte die Versammlung die Notwendigkeit an, einen gemeinsamen Ausschuß zu bilden, weil die westfälische Provinz mit Aus- »ahme weniger Gemeinden wohl kaum imstande wäre, selbstständig eine genügende Agitation im Sinne des genannten Vereins zu entfalten. Nun soll aber unser Lokalpatriotismus nicht so weit gehen, zu behaupten, daß bei uns Rheinländern alles aus eigener Kraft geschaffen ist. Wir erkennen im Gegenteil dankbar an, daß die allerorten wahrzunehmende Wiederbelebung des nicht mehr durch radauantisemitische Exzesse bewegten jüdischen Gefühles zu einem großen Teil den „Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur" zu verdanken ist, deren Dasein ja nicht das Werk unserer Hände ist. Wenn aus der Stadt der Intelligenz - wo die liegt, sagt die Redaktion — stets so segensreiche Anregungen kämen, dann wären ihre Juden vielleicht ein beliebterer Typus. Da ich neulich Ihre Leser bereits mit statistischen Ziffern bombardiert, versage ich mir ein zahlenmäßiges Eingehen auf unser Vereinsleben: Nur soviel möchte ich betonen, daß in jeder Gemeinde, die etwas auf sich hält, ein Literatur- Verein existiert. Gerade bei uns kann man so recht die Schicksale dieser Vereine studieren: In den großen Städten haben dieselben sich zu einem gleichsam akademischen Mittelpunkt entwickelt, wo vornehm und wissenschaftlich die Geschichte und Literatur unseres Stammes behandelt wird; in den Kleingemeinden hingegen sind sie das Mädchen für alles geworden. Dort spenden sie die Segnungen der Wissenschaft und laden gleichzeitig zu vergnügter Geselligkeit ein; man schwingt in ihnen die Seele zu lichter geistiger Höhe und das Tanzbein zur Genugtuung töchterreicher Mütter. Obschon wir bereits dem offiziellen Herbstbeginn zusteuern, wäre das Einzige, was ich,an aktuellen Dingen erzählen könnte, eine detaillierte Darstellung der mannesmutigen Tat der fünfzig Unentwegten, die, wie bekannt, den Staub der großen Synagogengemeinde Köln von ihren Füßen schüttelten und eine Sondergründung etablierten, die sich krampfhaft bemühen muß, weniger um ein eresere und llorere, als insbesondere um das vivere. Der jüdische Blätterwald — manche neunen ihn Blätterbusch — hat ein wenig gerauscht; dann ward es still, man hört nichts mehr. Hier in Colonia hat man es eine Weile schmerzlich empfunden, daß trotz der mustergültigen Taktik der leitenden Organe, die sämtlichen Richtungen gerecht zu werden versucht, ohne faule Kompromisse zu schließen, die „Fünfzig" sich in der ältesten Gemeinde unseres Vaterlandes nicht mehr wohl fühlten. Man spricht nicht mehr davon und gönnt ihnen den traurigen Ruhm. Wer ein weiteres Interesse all der für die unglaubliche Rückständigkeit gewisser Kreise kennzeichnenden Geschichte hat, der lese die Broschüre des Wortführers der Fünfzig: „Ein Wort zur Aufklärung" betitelt. Er kann darin sehen, was so manch einer unter „Ausklärung" versteht. Die Angelegenheit ist der letzte Ausfluß des Orgelstreites. Wir sind eben etwas rückständig, weil wir erst in den letzten Jahren all die Zwietracht und all die Aufregungen kennen gelernt haben, welche die notwendigen Bemühungen, die äußeren Erscheinungsformen des jüdischen Glaubens mit dem Zeitgeist in Einklang zu bringen, stets im Gefolge haben. ktbeimnus. Aus dem Matz. 15. September. achdem ich Ihnen des öfteren darüber berichtet habe, wie vielerlei in den jüdischen Gemeinden unseres Landes, besonders in den Dorfgemeinden, besserungsbedürftig ist, wenn auch der Niedergang des jüdischen Lebens oft nur zn ilatürlich und, weil eben in den Verhältnissen begründet, teilweise sogar entschuldbar ist, will ich es nicht unterlassen, Jhneil von einem sehr erfreulichen Versuch Mitteilung zu machen, diesem Verfall Einhalt zu gebieten. Leider ist der Erfolg noch so wenig gesichert und sind wir so wenig zu einem frohen Ausblick in die Zukunft berechtigt, daß wir, so sreudig wir auch das neue Vorhaben begrüßen, doch keine Hellen Jubeltöne anstimmen können. Endlich ist aber doch ein Anfang gemacht worden, um den kleinen Gemeinden zu helfen. Das israelitische Konsistorium des Unterelsaß hat das Verdienst, eine Anregung gegeben zu haben, der zu wünsche»: ist, daß sie lauten Widerhall finde. Es will eine Kasse ins Leben rufen, aus der zunächst Beiträge für den Religionsunterricht geivährt werden sollen. Weiter soll sie es ermöglichen, einen Fortbildungsunterricht in religiösen Fächern für nicht mehr schulpflichtige Kinder ins Leben zu rufen, und endlich wird in Aussicht gestellt, aus ihr