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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-26 · Heft 43 (26.10.1906) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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6. Den betreffenden Meistern steht es frei, Gesuche der Aktiengesellschaften zu genehmigen, auch Aushebung der in ihren Statuten (für ausländische Aktiengesellschaften in den für ihre Tätigkeit in Rußland bestätigten Statuten) enthaltenen Vorschriften, die den Anhängern des mosaischen Glaubens untersagen, an der Direktion oder Administration teilzunehmen oder Immobilien in verschiedenen bestimmten Ortschaften des Reiches zu kaufen, zu pachten oder zu nntznießen. Die zweite Lesart lautet im allgemeinen ähnlich, es sind nrir in den Paragraphen 5 und 6 einige Aenderungen enthalten. Zur Geschichte dieses Gesetzentwurfs erfährt der Berichterstatter der „Rufs. Korresp." aus zuverlässiger Quelle: Ministerpräsident Stolypin betonte in Privaten Unterredungen mit den» Finanzminister Kokowzew wiederholt die Notwendigkeit, die unerträgliche Lage der Juden zn verbessern. Finanzininister Kokowzew wurde sodann damit betraut, entsprechende Vorschläge zn machen. Den obigen Vorschlägen ist eine Denkschrift beigefügt, in der betont wird, daß die ganze ( Entwicklung der Gesetze seit Katharina ll. daran festgehalten j hat, den Ansiedlungsrahon der Juden nicht aufzuheben, und j dementsprechend ist auch der Gesetzentwurf abgefaßt. Der Ansiedlungsrahon bleibt also bestehen, und deshalb verliert die Judenfrage nichts von ihrer Schärfe, denn worunter Rußland und die Juden leiden, ist. daß Massen, die sich nicht ernähren können, auf einem engen Raum zusammengedrängt wohnen. Die innerhalb der jüdischen Zone eintretenden Erleichterungen reichen nicht aus, um die Lage der Juden menschlich zu gestalten. Die Lage jener Juden hingegen, die bereits das Recht haben, außerhalb des Rayons zu leben, wird wesentlich gebessert. Dieser kleine Teil der jüdischen Bürger wird alsdann der Gleichberechtigung ziemlich nahe kommen. Eine wesentliche Beschränkung liegt nur darin, daß weder den Juden im Rayon noch außerhalb des Rayons gestattet ist, bäuerliches Land zu erwerben. Ditz Hauptsache aber ist, daß kein vernünftiger Mensch heute noch glauben wird, es sei der russischen Regierung Ernst mit diesem Gesetzentwurf. Es handelt sich, wie gesagt, nur um die neue Anleihe. Also aufgepaßt! * Ein Komitee, dem erste Namen der jüdischen Bevölkerung Wiens angehören, erließ, wie bereits gemeldet, einen Aufruf zur Begründung eines Pnlästi na-KolonisationsVereins. Auf diesen Aufruf richtete der bekannte Schriftsteller Herr Leo Herzberg-Fränkel an den Vorstand des neubegründeten Vereins folgendes Schreiben: „Wenn ich bloß meinen Gefühlen Gehör geben würde, so träte ich infolge des schönen und warmen Appells sofort dem Kolonisationsvereine bei; was mich davon abhält, sind Erwägungen, die ich bereits öffentlich ausgesprochen und die der sel. Professor Lazarus, mit dem ich in Meran wiederholt diese Angelegenheit eingehend behandelte, vollständig teilte, der sich überdies auf den ausgezeichneten Orientkenner Professor'Sprenger berief, daß Palästina das ungünstigste, Assyrien hingegen das allergünstigste Kolonisationsgebiet sei. Für Kolonien in großem Stile, wie sie für uns erforderlich, ist in Palästina kein geeignetes Land vorhanden. Die besseren Territorien sind im festen Besitze der Griechen und Armenier, von denen sie kaum.für schweres Geld zu haben wären; was noch zu haben sein würde, taugt nicht viel für den Ackerbau, ist steinig, dürr, zerklüftet, fast unproduktiv, und selbst dieses dürfte den Juden unzugänglich sein, denn weder der Sultan, noch die katholischen Mächte würden gestatten, daß dort eine Art jüdischen Staates im Staate er- 508 -- stehe. Ms es sich um kleine Erwerbungen, u»t die Gründung probeweiser Niederlassungen handelte, erhob man keine Einwendungen und ließ einige hundert Juden ohne Schwierigkeiten hinein, um da Wem und Oliven zu pflanzen, Gerste und Mais zu säen. Niemand beachtete und beargwöhnte diese . kleine Menge, die auch keinen Neid erregte, weil sie nur mittelmäßig prosperierte. Anders steht es aber mit einer Einwanderung von Zehntausenden und der Anwendung großer, lautkreischender Apparate, die alle Mächte, alle Klöster und religiösen Vereine im heiligen Lande wecken würden, und dabei minderwertiges Land, das spärlich Brot liefert. Ist es jetzt unter Not und Tod, wo in allen Winkeln Rußlands mit Henkershand im Leben von fünf Millionen unglücklicher Brüder gewühlt wird, wo in kurzen Intervallen geraubt, geschändet und gemordet wird, an der Zeit, den unrealisierbaren Idealen Theodor Herzls nachznjagen, statt mit fester Hand in die Wirklichkeit zu greifen?! Professor Sprenger weist auf ein von wunderbarer Fruchtbarkeit strotzendes, weites Gebiet zwischen dem Euphrat und Tigris hin, wo fünf Millionen Menschen in Arbeit und Wohlstand leben könnten; ein Gebiet von 16 Millionen Hektar produktiven Bodens, mit zwei Ernten im Jahre und einer äußerst dünnen Bevölkerung. Weitere kolossale Flächen sind noch durch Drainage für die Kultur zu gewinnen. Dieser Boden, der Reiß, Hanf, Weizen, Gerste, Mais, Leinsamen und Baumwolle produziert und auf dem die Dattelpalme vortrefflich gedeiht, ist fast umsonst und ohne Schwierigkeiten zu haben, die uns in Palästina entgegenstehen. Hier also, in den gesegneten Gefilden, in denen vor dritthalbtausend Jahren unsere Vorfahren in so glücklicher Gefangenschaft lebten, daß nach Aufhebung, derselben .die wenigsten nach Jerusalem heimkehren wollten, hier wäre der Spaten anznsetzen, hier die neue Heimat für die expatriierten unglücklichen russischen Juden zu gründen! Und warum nicht auch in dem von England okkupierten und uns offerierten Teile Westafrikas, wo die Flüchtlinge unangefochten unter dem Schutze der britischen Flagge und Gesetze leben, arbeiten und prosperieren könnten? Bis — wenn überhaupt — in Palästina so große Landteile erworben werden können, bis es, unwahrscheinlich genug, gelingt, die Schwierigkeiten zu besiegen und die freie Zulassung einer solch zahlreichen Immigration zn erwirken, kann in Rußland noch viel Eigentum zerstört und viel Blut vergoffen werden, während der erfochtene Erfolg ein sehr zweifelhafter, vielleicht nicht besser als die großartige Aktion des Baron Hirsch in Argentinien wäre!" * Ueber jüdisches Farmleben in Amerika schreibt man uns aus Newhork: „In den Lokalen der hiesigen Educational Alliance findet für eine Woche eine sehr interessante Ausstellung statt, welche von der hiesigen Baron de Hirsch-Stiftung und deren zwei Untergesellschasten, der „Jüdischen Ackerbau- und Industrie - Hilfsgesellschaft" und dem „Industriellen Weiterbeförderungsbureau", veranstaltet wird. Während der letzten 16 Monate sind aus Rußland und den polnischen Provinzen Oesterreichs sehr viele Juden hier angelangt, deren größter Teil sich auf der Newhorker Ostseite niedergelassen hat. Die Leute haben hier vielfach eine sehr armselige Existenz, wodurch die Pläne der genannten jüdischen Hilfsgesellschaften einen weiteren Ansporn erhalten haben. Die genannten Gesellschaften haben es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, die jüdischen Einwanderer, namentlich die aus Rußland, für das amerikanische Farmleben zu gewinnen, und die erwähnte Ausstellung, welche von 1600 Farmen aus 16 der amerikanischen Staaten stammt, in welchen Farmen von Juden betrieben werden, soll sich als ein Ansporn hierzu erweisen. Die ausgestellten Farmgeräte und Farmprodukte sind äußerst sehenswert, und die Photographien, welche das Leben der jüdischen Einwanderer an der Newyorker Ostseite und daneben das ruhige und bekömmliche Leben ans den Farmen des Westens und Südens veranschaulichen, sind sehr wirksam. Es sind gleichzeitig Listen ausgestellt, welche die Borteile

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