Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- Seite 506 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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506 Unsere Gegner weisen darauf hin, daß man die ganze Schale seines jüdischen Zornes über den unbedeutenden. Abtrünnigen ausgieße und ihm Eigennutz und so. weiter Vorhalte, man sich aber über solche Abtrünnigkeit nicht weiter aufhalte, wenn ein Großer des Judentums — es ist speziell der ermordete russische Professor und früheres Mitglied der Duma Herzenstein gemeint — einen solchen Schritt tut. Sollte man noch niemals etwas davon gehört haben, daß, wenn zwei dasselbe tun, es nicht 'dasselbe ist? Wir werden natürlich grundsätzlich niemals den Abfall von der Religion billigen. Aber darum wissen wir doch sehr wohl Unterschiede zu machen. Wenn beispielsweise jemand aus Ueberzeugung zum Christentum Übertritt, werden wir eine solche Ueberzeugung ehren, wenn wir auch selbst fest überzeugt sind, daß der Betreffende sich im Irrtum befinde. Doch die Fälle, daß Juden aus voller, ehrlicher Ueberzeugung zum Christentum übertreten, sind ja ganz außerordentlich selten. Bei den weitaus meisten Uebertritten von Juden zum Christentum spielen, wie wohl auch von christlicher Seite ohne weiteres zugestanden werden dürfte, Motive mit, die mit der Religion wenig oder gar nichts zu tun haben. Aber es gibt Motive und Motive: schmutzige, kleine, weltkluge, selbstsüchtige, ideale und hochgesinnte. Wir können, wie schon gesagt, den Abfall natürlich niemals billigen. Aber selbst wer mit uns den Abfall von seiner Religion aus keinerlei äußerlichen Gründen als berechtigt anerkennt, der wird doch noch einen Unterschied machen zwischen Männern wie Disraeli, Professor Herzenstein u. a. m., die auch nach ihrem Uebertritt sich ihr jüdisches Herz bewahren und mit ihren verlassenen Stammesgenossen mitfühlen, und jenen gewöhnlichen und gemeinen Renegaten, die wie Diebe jede Dpur hinter sich verwischen, so jede Erinnerung an ihre frühere Glaubensgemeinschaft mit den Juden ängstlich auszutitgen sich bemühen und wie niedrige Snobs und Parvenüs sich geberden, womöglich gar Antisemiten werden. Es gibt eben auch unter den Abtrünnigen Anständige lind Gemeine, und die Juden können sich rühmen, daß alle die vom Judentum Abgefallenen, die wirklich etwas waren — und ihre Zahl ist sehr groß — stets mit Achtung und Liebe von Judentum und Juden gesprochen haben; sie konnten gar nicht anders. In der vergangenen Woche ist in Petersburg ein Zensor für jüdische. Werke, namens Landau, gestorben, der in seinem Leben nicht die Speisegesetze übertreten und am Abend seines Lebens sich mit dem Gedanken trug, nach Palästina zu übersiedeln, um in Jerusalem in frommer Beschaulichkeit den Rest seiner Tage zu verbringen, der Mann war seit mehrmals fünfundzwanzig Jahren getauft. Hier kann man den Unterschied studieren zwischen den modernen Marannen und jenen Ueberläuferu, die von der Mission „gewonnen" werden und an denen das Christentum ebensowenig gewinnt, als das Judentum an ihnen verloren hat. Bit Mache. Berlin, 23. Oktober» ie wertvollsten Beiträge zur Psychologie des Antisemitismus lieferte in dieser Woche ein neuer Pückler- Prozeß. Es handelte sich um 17 Reden, die Graf Pückler zum Teil in antisemitischen Volksversammlungen gehalten, zum Teil nur in der Form von Flugblättern auf der Straße verbreitet hat. Der Angeklagte Graf Pückler erklärt auf den wiederholten Borhalt des Vorsitzenden bezüglich einzelner besonders kräftiger Ausdrücke: Ohne solche starken Ausdrücke gehe es nicht. Die Müssen verlangen solchen Ton, sonst dürfte man itt solch n Volksversammlungen überhaupt nicht auftreten. Gelehrte Tiraden ziehen da nicht. Solche kräftige Redeweise gehöre zum Metier eines Volksführers und die Behörden müßten dem in gewissem Grade Rechnung tragen. Darauf der Vorsitzende: Wenn auch eine volkstümliche und derbe Sprache am Platze sein mag, so enthalten Ihre Reden doch viele Sätze, die darüber hinausgehen. Jeder andere könnte ja auch so drastische Reden führen, beispielsweise die Sozialdemokraten. Das überzeugte aber den Grafen nicht. Er hält natürlich die Juden für die Führer der Revolution, die paar Christen, wie Bebel, seien nur vorgeschobene Personen. — Der Präsident meinte nun, ein positives Programm sei aus den Flugblättern nicht herauszulesen. Darauf bemerkte Graf Pückler : Es besteht einfach in dem Znrückdrängen der Juden. — Sehr interessant war es nun, als einer der Zeugen erklärte, es sei ihm beinahe so vorgekommen, als wenn er sich in einem Paro dieth eater befände. Ernste Drohungen habe er nicht für vorliegend erachtet. Auf die Vernehmung des psychiatrischen Sachverständigen Medizinalrats Dr. Hoffmann wurde merkwürdiger Weise allseitig verzichtet. — Nun kam der Staatsanwalt an die Reihe. Dieser betonte, daß der Angeklagte, obgleich ihm zuletzt durch eine empfindliche Strafe das Unstatthafte seiner Propaganda- Art zu Gemüte geführt worden sei, doch nicht aufgehört habe, in der alten Weise seine Hetzreden gegen die Juden zu halten. Er fordere nicht auf, gegen die Juden auf legalem Wege vorzugehen, sondern immer mit Gewalt. Die fortgesetzten Schmähungen, die gegen die jüdischen Mitbürger losgelassen werden, müßten selbstverständlich dazu führen, daß gegen die jüdischen Mitbürger eine gehässige Stimmung verbreitet und unter den Juden selbst eine dauernde Unruhe hervorgerufen wird. Scherzhaft oder bildlich seien diese Reden keineswegs aufzufaffen. Er beantrage gegen den Grafen Pückler sechs Monate Gefängnis. — Graf Pückler beantragte natürlich demgegenüber in sehr drastischer Welse seine Freisprechung und schloß seine Ansprache an den Gerichtshof etwa wie folgt: „Wenn der Staatsanwalt mich gewissenlos nennt, so muß ich das entschieden zurückweisen, denn ich handle aus Patriotismus und Liebe zum deutschen Volke und auf göttlichen Befehl. In England wäre ein Gerichtshof unmöglich, der einen Lord 22 mal anklagt und mehrere Male verurteilt, bloß weil er einige Reden gegen die Juden hält. Hier behandelt man den Angehörigen eines altadligen Geschlechts, das dem Vaterlande treue Diener gestellt hat, wie jeden beliebigen Verbrecher. Die Gleichbeit vor dem Gesetz ist ebenso unmöglich, wie die Gleichheit des Vermögens. Sie können mich nicht mehr verurteilen, denn ich habe die deutsche Volksseele hinter mir. Wenn Sie mich verurteilen, dann graben Sie sich selber das Grab, Sie vernichten sich selbst, die Stadt Berlin und ^alle patriotischen germanischen Männer!" Nun kommt aber der Gipfel der Komik. Ein hiesiges Antisemitenblalt, dasselbe, das sofort mit feiner Witterung in dem allseitig belachten „Kommandanten von Köpenick" den Juden herausgewittert hat, wendet sich gegen den Staatsanwalt, weil dieser in seiner Rede zu den einzelnen Anklagepunkten bemerkt habe, es sei nirgends gerichtlich festgestellt, daß Juden Christeukinder hingeschlackitet hätten. Ob er denn nichts von Tisza-Eslar und Polna wisse! Ferner habe der Vertreter der öffentlichen Anklage gesagt: Man dürfe ^den Juden nicht vorwerfen, sie wollten den Christen Glauben und Religion rauben. Dafür fehle doch jeder Beweis! Ob denn