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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-26 · Heft 43 (26.10.1906) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MW Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 26, Oktober 1906. 70. Jahrgang. No. 43 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A b o n n e m e n t s - Pr ei s': durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 ITC. Redakteur: Gustav Rarxeles. Sir AudrumiMon. - Berlin. 23. Oktober. man kann von uns nicht erwarten, daß wir mit gegnerischen Blättern über die Judenmission einer Meinung sein können. Indessen ist uns Manches in einem dieses Thema behandelnden Artikel „Unter falscher Flagge" in einem antisemitischen Blatte geradezu aus der Seele gesprochen. Es ist zweifellos wahr, „daß in den meisten Fällen nur äußere, materielle Vorteile die Ursachen solcher Uebertritte zum Christentum sind." Darin stimmen wir mit dem Blatte Stöckers vollständig überein. Nicht selten waren diese äußeren Gründe recht zwingender Natur, zumal damals, als man zu sagen pflegte: „Tritt über, Jude, oder stirb!" Aus solchem äußeren Gründe sind seinerzeit Tausende und Zehntausende von Juden in Spanien zum Christentum — äußerlich -- übergetreten, um zu ihrem alten Glauben zurückzukehren, sobald die Lebensgefahr vorüber war. Auch darin stimmen wir mit dem Stö erblatte vollkommen überein, daß der Judenmissionar „oft mit dem denkbar charakterlosesten Material zu tun hat". Mancher ist sogar so charakterlos, daß er einen nicht unbeträchtlichen Teil des für die Taufe erhaltenen Geldes der Familie zu — Mazzoth oder zu sonstiger Bestreitung ritueller Unkosten des Judentums schickt. Endlich sagen auch wir, daß die Tätigkeit des Judenmissionars „eine der schwersten Aufgaben ist, die man sich denken kann." Wir möchten hinzufügen: auch eine der undankbarsten. Denn nicht nur, daß die Taufe oft gar nicht dauerhaft ist und von nicht wenigen, wer weiß wie oft, wegen des damit verbundenen Douceurs wiederholt wird: Christenheit und Christentum gewinnen in den allerseltensten Fällen etwas durch diese Ueberläufer, und Juden und Judentum verlieren zwar durch sie nichts, werden aber durch sie bei den Christen oft — blamiert. Christen wie Juden können sonach keine rechte Freude an den Früchten der Judenmission haben. Nun kommt noch hinzu, daß so eine Judentaufe eine überaus kostspielige Geschichte ist. Man hat berechnet, daß die Bekehrung eines Juden zum Christentum durchschnittlich 22 000 Mark kostet! Die Juden, die praktisch veranlagt sind, ineinen, damit sei der Uebertritt eines Mannes oder einer Frau „vom denkbar charakterlosesten Material" denn doch zu teuer erkauft. Die praktischen Juden mit ihrem ausgebildeten Geschäftssinn meinen bedauernd, daß mit einer solchen Stimme vielleicht tausend braven Christen der Hunger gestillt, hundert ordentlichen christlichen Familien auf die Strümpfe geholfen werden könnte. Der eine, mit einem Kpstenauswande von durchschnittlich 22000 Mark getaufte Jude ist oft ein Lump und bleibt trotz der Taufe nicht weniger oft ein Lump, und mit diesem selben Gelde könnte man wer weiß wie viele Christen vom Verlumpen, vom Verbrechen zurückhalten. Die nun einmal Praktisch veranlagten Juden meinen, es wäre sowohl gescheiter als auch richtiger und besser, jenes zu lasten und dieses zu tun. Die Juden neigen um so mehr zu solchen Ansichten, als sie selbst keine Proselyten machen, ja sich abwehrend verhalten gegenüber den allerdings nicht zu zahlreichen Andersgläubigen, die sich unter den heutigen Zeitverhältnissen zur Aufnahme in das Judentum melden. Die Juden waren eben lange, bevor man das Wort Toleranz gebildet, der Ansicht, daß die Rechtschaffenen jeden Glaubens Anteil am künftigen Leben haben, daß, da alle Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen nnd inithin Brüder sind, der gemeinsame göttliche Vater sie alle auch mit gleicher Liebe und Gerechtigkeit behandeln werde, wie es schon einem gewöhnlichen menschlichen Vater zukommt gegenüber seinen Kindern, die sich nichts haben zuschulden kommen lasten, geschweige denn dem göttlichen Vater, der doch der Inbegriff der Güte und Gerechtigkeit ist. Indessen können wir auch verstehen, daß eine Religion oder Kirche eine Propaganda für richtig und angebracht halten kann. „Gehet hin und lehret alle Völker!" ist ein christliches Gebot, dessen eifrige Befolgung der Kirche oder doch vielen Christen wichtiger scheinen mag, als die Unterstützung oder selbst Rettung von Christen. Die Juden werden von ihrem Standpunkte die Weisheit einer solchen Richtung bezweifeln, aber diese als einmal vorhanden anerkennen und zu verstehen sich bemühen. Was an der Judenmission ihnen besonders mißfällt, das ist, daß sie direkt auf die Armen, die Geld-, wie die Geistesarmen, spekuliert, ja ihre materielle Not und ihren geistigen Mangel ausnutzt, um sie mehr durch materielle als geistige und moralische Lockmittel dem Judentum abtrünnig zu machen und dem Christentum zuzuführen. Sie halten diese Verführung für um so überflüssiger, als ja dem Christentum aus den Reihen der begüterten und gebildeten Juden genug Ueberläufer gratis zufallen. Es kommt hinzu, daß die Kinder der Mischehen, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt — es gibt verhältnismäßig ebenso viele jüdisch-christliche als evangelisch-katholische Mischehen — fast ausnahmslos christlich, zum mindesten nicht jüdisch erzogen werden. Ta scheint den Juden dieses doppelte Ablerten, nämlich durch die Gesetzgebung des Staates und auch noch durch die Judenmission der Kirche, überflüssig zu sein. Wir haben übrigens erst neulich auf den Unfug hingewiesen, den die Mission mit ihrer „Jom Kipur- Feier" treibt! Heißt das etwa nicht „unter falscher Flagge segeln"?

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