Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 504 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
- Odesa 1× ep/1000834
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- 504 - Ein jüdisches Seebad! Eine Kulturerrungenschast Rußlands! Alle öffentlichen Einrichtungen tragen diesen Charakter. Am Sonnabend find die Geschäfte streng geschlossen, wie bei uns am ersten Weihnachts- und Osterfeiertag. Und neben dem „Dwadzaty Wiek“, „Rietsch“ und „Nasha Shin“ werden auch Zeitungen feilgeboten, die in hebräischen Lettern geschrieben sind, sich teils der hebräischen Sprache, teils des Jargons bedienen. Die gelesenste Jargonzeitung heißt „Das Leben", in der die Leiden dieser hungernden, verfolgten und unterdrückten Rasse in naiven, aber um so rührenderen Worten zum Ausdruck gebracht werden. Zugleich ist die Zeitung aber auch das Zeichen, daß die Juden sich auf sich selbst besonnen haben, denn es ist kein wehleidiges Klagen und demütiges Bitten, das den Grundton der Zeitung angibt, sondern ein Fordern längst gebührender Rechte, die kein Mensch ihnen vorenthalten darf. Man sieht aber den Bewohnern an, daß sie noch viel zu fordern haben. Auf ihnen liegt noch der Schreck und der Haß aller der Judenhetzen in Odessa, Moskau, Garatow, Kiew, Kischinew und den vielen hundert Orten, aus denen sie hierher in Hast mit Weib und Kind geflüchtet sind, weil ihnen ihre Heimat nicht mal die dürftigste Sicherheit des Lebens gewährleistet. Hier kann man von den Greueltaten der „wahrhaft russischen Männer" hören, die so schrecklich sind, daß man die Nerven der Leute, die solches überlebt, bewundern muß. Und während noch die Worte auf ihren Lippen sind, kommen neue Nachrichten . . ., unglaubhafte . . ., unbestätigte . . ., unmögliche, die aber doch geglaubt werden, welche die Hörer mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Der Gebrannte fürchtet das Feuer. Plötzlich erscheinen Kosaken, und dieser an sich ganz harmlose Vorgang erregt die Gemüter. Man fragt sich: Wozu? und ergeht sich in Phantasien, die von den Schrecknissen früherer Erlebnisse ins Fratzenhafte verzerrt werden. Oder irgendein Badegast bekommt einen anonymen Brief, in dem ein Pogrom für die nächsten Tage prophezeit wird. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht im ganzen Ort. Manche verlassen fluchtartig das Seebad, andere schicken Weib und Kind ins sichere Ausland; der Rest bleibt zurück und erwartet in sieberhaster Spannung, was die nächsten Stunden bringen, ewig ruhelos. Und kaum ist ein geringes Gefühl von Sicherheit zurückgekehrt, so kommt schon wieder ein neues Ereignis welches die Bevölkerung in Aufregung versetzt. Denn es geschieht nichts in dem heiligen Rußland, ohne daß nicht die Juden fürchten müßten, daß sich das ganze Verderben ans ihr Haupt entladen wird. Die Auflösung der Duma und das Manifest des Zaren, alles gibt Anlaß zur Furcht. Und mit welchem Recht, das zeigen die Telegramme, die schon am nächsten Tage von bevorstehenden Pogroms meldeten. Man hält jedes Wort der Regierung, auch das freundlichste, für eine Hinterlist, und der Aufruf an die „Helden des Wortes und der Tat" wurde von der Judenschaft als eine Aufforderung zu Judenhetzen angesehen. Und nicht allein von der Judenschaft! Die Auffassung der Gouverneure war nicht weit davon entfernt. Trotzdem ist nichts vorgekommen. Aha! Stolhpin will es nicht haben, er fürchtet für die Rente. Also ist man sicher. Aber eine traurige Sicherheit für eine Millionenbevölkerung, wenn sie vom guten oder schlechten Willen eines Mannes abhängt. Sonst ist das Leben anscheinend ruhig, wie auch in anderen Kurorten. Die Kinder spielen und erholen sich; aber auch ihren Blicken sieht man an, daß sie die Gefahr und den Ernst der Lage ahnen. Die Gymnasiasten sprechen hier nicht von Ovid, Homer und Horaz, sondern von „Ausgeschlossenen" und „Nichtzugelassenen". Ihre Sorge ist die Bestimmung der Regierung, daß nur vier Prozent Juden in Gymnasien ausgenommen werden. Und jedes Wort wird Haß und Wut gegen die Unterdrücker. Jedenfalls ist hier nicht das alltägliche Leben der Kurorte, und auch die Ruhe ist nur ein plötzliches Verstummen der Unruhe und nicht ein friedlicher Zustand der Sicherheit, dessen Dauer verbürgt ist. Lttrrsnlchr Mitteilungen. Die seinerzeit von Nathan Sokolow und anderen geplante Herausgabe einer neuen jüdischen Enzyklopädie soll demnächst * Wirklichkeit werden. Nur soll das große Werk leider nicht in hebräischer, sondern in russischer Sprache erscheinen. Der plötzlich als - nächste Folge der großen Juden not in Rußland eingetretene rapide Rückgang der hebräischen Literatur läßt die Herausgabe eines großen Werkes in der hebräischen Sprache gegenwärtig als absolut undurchführbar erscheinen. Sind doch in den letzten drei. Jahren die vier in Rußland bis dahin erschienenen hebräischen Tageblätter alle nach und nach eingegangen, um ebenfovieleu Jargonblättern Platz zu machen! Die Enzyklopädie wird 16 Bände 9. 60 Druckbogen umfassen, vierteljährlich erscheinen und im ganzen 60 Rubel kosten. Die Redaktion weist Namen wie Hessen, Baron David Günzburg, Dubnow, Katzenellensohn, Kulischer, Pereferkowitsch und andere von gutem Klange auf. Den Verlag übernimmt H. Esron. Es ist aber noch ein Garautiefond von 90 000 Rubel erforderlich, der, im Falle er nicht gebraucht werden sollte, ebenso wie ein eventueller Reingewinn zur Herausgabe anderer großen jüdisch-literarischen Werke verwendet werden soll. Von den 90 000 Rubeln hofft man zwei drittel in Rußland selbst, den Rest aber im Auslande aufzubringen. I » I Soeben ist der neueJahrgang des von der „Oesterreichisch- ) Israelitischen Union" herausgegebenen „Kalenders für Jsrae- 1 liten" erschienen, welcher die Vorzüge dieses in Amt und Familie bereits weit verbreiteten Nachschlagebuchs aufs neue bewährt. Der „Unionkalender" ist bekanntlich der einzige jüdische Zeitweise, welcher zugleich einen wertvollen Führer durch die österreichischungarischen Kultusgemeinden bildet. Auch in dem neuen Jahrgang ist der Schematismus über den Personalstand und die Einrichtungen aller Kultusgemeinden des Reiches, ferner aller jüdischen Vereine, mit der größten Genauigkeit und Sorgfalt zusammengestellt worden. Durch die Neuaufnahme der rituellen Speisehäuser erhält der Kalender auch für unsere reisenden Glaubensgenossen einen erhöhten Wert. Der literarische Teil enthält ein besonderes Lustre durch eine glänzende Erzählung aus den jüngsten Freiheitskämpfen in Rußland aus der bewährten Feder Julius Uprimnys. Die Erzählung trägt den Titel „Auf der Barrikade" und liest sich in ihrer Plastik und spannungsvollen Dramatik wie ein unmittelbar aus der Zeitgeschichte gegriffenes Stück Leben. Sprechsaal. Verehrliche Redaktion! , ^rtt Nummer 41 Ihrer geschätzten Zeitung vom 12. Oktober d. I. * bringen Sie unter der Rubrik „Der Gemeindebote" auf Seite 2 einen Artikel aus Frankfurt a. M., 2. Oktober, worin zu lesen ist: „Trier-Darmstadt erklärte, daß nur die Gemeinden eingeladen wurden, nicht aber die Religionsgesellschasten, welche nur Privatvereine seien." Ich ersuche Sie, in der nächsten Nummer die Berichtigung aufzunehmen, daß ich weder dem Wortlaut noch dem Sinn nach eine Erklärung in der * treffenden Versammlung abgegeben habe, wie mir von Ihrem Berichterstatter in den Mund gelegt wurde. Darmstadt, 14. Oktober. Hochachtungsvoll Ludwig Trier. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. f Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.