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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-19 · Heft 42 (19.10.1906) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 42 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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seits aber konnte sich Alonzo mit seiner Anzeige beeilen, und er durfte ihn nicht ungestört vorübergehen lassen. Fernando nahm deshalb den Weg. den Alonzo zur Aljaferia hätte einschlagen müssen, und ging, scheinbar in Liefe Gedanken versunken, eine kurze Strecke vor der Stadt auf und ab, bis er einige junge Leute in die Herberge zur Ja Buen Ventura" hatte eintreten sehen. Dann kehrte er plötzlich kurz um und ging ebenfalls hinein. Noch war er nicht ganz sicher. Konnte Alonzo nicht schon früher, vor seiner Ankunft vorbeigegangen sein? Er hätte das so gut vom Wirte, Meister Vargas, oder von den übrigen jungen Herren, die bereits am Kneiptisch saßen, erfahren können; aber er wagte nicht zu fragen. Indessen kamen Älonzos Freunde nach und nach an; die Stunden vergingen und der fröhliche Zirkel wurde innner größer, aber Alonzo selber erschien nicht. Fernando begann von neuem zu fürchten, und seine Unruhe erreichte ihren Höhepunkt, als Plötzlich einige Akkorde einer Kanzonette, die von einer wohlbekannten Stinune gesungen wurden, an sein Ohr schlugen und einige der versammelten Gäste ihren Kopf nach der Gegend, aus der sie kamen, umwenden ließen. „Das ist Alonzo," sagten mehrere Stimmen auf einmal. Fernando schien die Worte ganz zu überhören; er setzte unbefangen die mit seinem Nachbar angeknüpfte Unterhaltung fort, nur seine Augen wandten sich schnell nach der Straße. In diesem Augenblick bemerkte er Alonzos Gestalt am Fenster; einen Moment fürchtete er, der letztere könnte nur Vorbeigehen, um sich geradezu zum heiliger: Offizium zu begeben; glücklicherweise trat er ein. (Fortsetzung folgt.) Lin jüdisches Seebad. Dubbeln, im September. ^<^er Aufenthalt in einem russischen Seebade während. dieses Sommers gehört nicht gerade zu den größten Erholungen. Vollends, wer an das gemütliche, harmlose Leben in deutschen Badeorten gewöhnt ist, wird nicht oft an Nachtruhe denken können. Dabei sind es weniger die Attentate, Raubüberfälle und Schrecknisse der Revolution, an die man sich langsam gewöhnt hat. als vielmehr die ganze bange Stimmung, die innner das Furchtbarste erwarten läßt. Es ist der Schrecken ohne Ende, den man mehr fürchtet, als ein Ende mit Schrecken. Jedes Zeichen wirkt aufregend; die kriegerisch bis an die Zähne bewaffnete Soldateska, die in wilden: Patrouillenritt den Strand durchrast, bringt das Moment der Unruhe in die Bevölkerung; furchtbare Nachrichten von Mordtaten ein banges Entsetzen, und die Feindschaft, die ständig zwischen der Bevölkerung und den Regierungsbeamten, besonders den an allen Ecken postierten Gorodowois (Schutzlenten) besteht, macht die Spannung nicht geringer. Dabei liebt der Russe das ruhige Wohlleben. Er hat sich hier am Strande in schönen großen Parkanlagen versteckte Villen als Sommersitz hingebaut, die ihm mehr an: Herzen liegen, als seine Stadtwohnungen. Denn der reiche Russe geht nicht auf drei bis vier Wochen ins Bad, wie der deutsche, sondern er schlägt hier für das ganze Sommerhalbjahr sei:: Domizil auf, das er scho:: Mitte April oder Anfang Mai bezieht, und wo er bis zum September, ja manchmal sogar bis November, bleibt. Diese Villen sind in einem eigenartigen nationalen Styl, meist aus Holz, gebaut und schließen sich so organisch an den Boden an, daß sie aus ihm empor- 503 -- gewachsen zu sein scheinen. Ein Stück große Kultur m dresen: als barbarisch verlästerten Lande. Hier pflegt ma:: sich ganz einen: gemütlichen Wohlleben hinzugeben. Am Morgen sieht man allenthalben im Walde und auf den Höfen den riesigen kupfernen Samowar stehen, in dem das Teewaffer bereitet wird und aus beffen kleinem Schornstein die blauen Rauchwolken der Holzkohle aussteigen, die dann Wald und Garte:: mit einen: dünnen silbernen Schleier überziehen. Das gleiche Schauspiel wiederholt sich nach jeder Mahlzeit. Davon geht der Russe nicht ab, auch in diesem Jahr der Unruhe nicht. Andererseits aber ist gerade hier der Aufenthalt um vieles gefährlicher. Denn erstens sind nur geringe Militärbesatzungen im Badeorte vorhanden, und zweitens bilden die leichten Sommervillen in Zeiten der Gefahr nicht den rechten Schutz. Darum ist aber jeder Mann hier tüchtig bewaffnet und die Villenbesitzer bilden, durch elektrische Leitungen verbunden, der: sogenannten Nachbarschutz oder die Selbstwehr, die viel pünktlicher in Aktion tritt als militärische Hilfe. Den besten Schutz allerdings bilden die Studenten, die unerschrockenen und gewalttätigen Verteidiger der Freiheit des Volkes, die einen so ungeheuren Terror verbreiten, daß sich sogar die Polizeiorgane vor ihnen ducken und sich an: liebsten außer Schußweite — diesmal in des Wortes wahrster Bedeutung — von ihnen halten. Ihr Machtwort verhindert viele Exzesse, die sonst sicher zustande gekommen wären, und ihre Drohungen halten die Gorodowois, Pristaws usw. von mancher Gewalttat zurück, zu denen der russische Tschinownik nur allzu gerne neigt, die Studenten gehen darum auch hier mit einem ungeheuren Gefühl der Sicherheit. Sie fürchten sich nicht und verstecken sich nicht, wie oft die Zeitungen berichten. Wird einer verhaftet — nitschewo! — es treten hundert an seine Stelle. Sie besuchen Meetings, halten Reden, debattieren über die Lage und begrüßen wohl auch einen vorüberreitendem Soldaten, der durch das verständnisvolle Lächeln zeigt, daß er im Herzen einer der Ihrigen ist, auf den sie im Falle der Not bauen könnten. So gibt es hier auch Tage und Wochen, wo ziemliche Ruhe herrscht, bis auf kleine Exkursionen und Untersuchungen der Polizei, die in kleinlichen Di::gen einen geradezu musterhaften Ordnungssinn entfaltet und einen Bnreaukratismus von schönsten: Wuchs zeigt. Denn unter den mannigfachen Badeorten, die sich längs des baltischen Strandes hinziehen, wird ganz genau festgestellt, wo sich dieser und jener aufhalten darf; besonders aber gilt diese Sorge den Juden, da wird ganz schlicht und gemütvoll erklärt: Ihr seid nicht würdig, in Majorenhof zu wohnen, nicht in Karlsbad, nicht in Assern, sondern nur in Dubbeln. Fertig! Und als die Regierung vor einigen Jahren — wie mir erzählt wurde — dies Verbot aufhob, beeilte sich der Besitzer dieser Orte, der Baron Firks, den lettischen Pächtern das Land nur unter der Bedingung zu vermieten, wenn sie sich verpflichteten, in den Villen Juden nicht auszunehmen. Wie überhaupt der baltische Adel innner noch russischer als die russische Regierung ist. Allerdings ist gerade Dubbeln von allen baltischen Seebädern das weitaus schönste. Nur ist dieser Ort noch vollständig unkultiviert und verwahrlost, und des öfteren ka:n mir der Gedanke, was aus diesen: Seebad geworden wäre, wenn es zum Beispiel vo:: betriebsamen Händen in Deutschland verwaltet würde, anstatt von den Letten. Die Beleuchtung ist hier höchst mangelhaft, die Wege sind bei Regenwetter eine richtige Menschenfalle. Nitschewo! Jeder kümmert sich um sich. Und nur an den prächtigen, stilvollen Villen, die tief in großen Gärten versteckt liegen, sieht man, daß hier die kaufmännische Aristokratie von Petersburg, Moskau und Riga versammelt ist.

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