Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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SW 500 Verstimmung gegen das jüdische Element sich einmal in Laube geregt hat, als der Komponist Meherbeer die Aufführung des Laubeschen Dramas „Struensee" durch Vorschiebung des gleichnamigen Trauerspiels von Michael Beer zu vereiteln wußte, worüber sich Laube in der Einleitung zu einem Stücke umständlich ausgesprochen hat; eine Verstimmung, die aber gleichsam wieder wett gemacht wurde durch Laubes Freundschaft mit Berthold Auerbach, von dem er im selben Zusammenhänge sagt: „Auerbach ist ein redendes Zeugnis, daß sich der hingebende Jude unter uns gründlich deutsch nationalisieren kann. Freilich wird dies nicht leicht im oberftächlichen Getriebe des großstädtischen Lebens geschehen können. Auerbach hat auch die Lösung der schweren Aufgabe nicht in der Lungerei des Kaffeehaus- und Börsentreibens, sondern in der keuschen Einsanckeit des Landlebens gefunden. Gabriel Rießer und nach mancher andere hat vor und neben Auerbach gezeigt, daß diese Nationalisierung des Juden nicht eine persönliche Ausnahme Auerbachs, sondern eine allgemeiue Möglichkeit sei für durchgebildete jüdische Naturen." An jenen zweiten Teil des „Jungen Europas" schließen sich nun, was die Charakteristik jüdischer Gestalten anlangt, noch zwei Werke aus Laubes späterer novellistischer Produktion. Zunächst der dreibändige Roman „Die Böhminger", in dem Laube die anziehende Erscheinung einer Jüdin Deborah gezeichnet hat, die an den Vorurteilen gegen ihre Abstamniung tragisch zugrunde geht, und schließlich Laubes letzter Roman, der aus seinem Nachlasse nach seinem Tode (1. August 1884) erschienen ist, der Roman „Rüben", der ganz im jüdischen Milieu spielt und mit Geschick mehrere charakteristische Typen darstellt, unter denen der alte Hausierer Moses zweifellos der originellste ist. Für seinen Standpunkt zur Judenfrage betrachtete Laube biefen Roman als sein Testament, aber es läßt sich nicht gerade sagen, daß er das zugrunde liegende Problem dichterisch bewältigt hätte; er haut vielmehr den gordischen Knoten einfach durch, indem er als bequemste Brücke zur Ueberwindung des Rassen- und Konfessionsunterschiedes die Zivilehe empfiehlt, die 1875 in Deutschland eingeführt worden war und dem praktisch veranlagten Laube als lange entbehrte Auskunft wie eine Erlösung von dem Zwange erschien, dem er schon von Jugend' auf sich stets heftig widersetzt hatte. Der Bürgermeister spielt in diesem „modernen" Roman die Rolle des altbewährten äeus ex machina. ’) ’) Vielleicht ist es mir gestattet, zu obigem Artikel hier noch einige persönliche Mitteilungen zu machen. Ich habe das Glück gehabt, Laube in den letzten Jahren seines Lebens nahe zu stehen und sein besonderes Wohlwollen zu genießen. Ich kann daher aus eigener Anschauung bestätigen, daß er ein warmer und aufrichtiger Freund der Juden gewesen ist. Als ich ihn zum letzten Male im Jahre 1883. besuchte, beschästigte er.sich gerade viel mit der antisemitischen Bewegung- Von Jugend auf hatte ihn die Judenfrage interessiert. In Sprottau, so erzählte er mir, habe er als Knabe sich besonders gern mit dem jüdischen Lehrer über die Gebräuche und Zeremonien der Juden unterhalten. Später fesselte ihn namentlich das weltgeschichtliche Drama des Kampfes der Juden gegen die Römer und in neuerer Zeit der Anteil derselben an der Bühne und Literatur. Alle diese Fragen und Erinnerungen wollte er in einer Novelle verwerten, die eine entschiedene Abwehr gegen die Wogen der antijüdischen Bewegung werden sollte. Uebrigens sprach auch Laube den Juden den Sinn^für Schönheit der Form ab; dafür sprach er ihnen freilich Intelligenz, Kraft und Charakter zu. Als ich ihm erzählte, daß schon ^im Talmud ein alter Rabbi den Satz ausgesprochen und durch ein uraltes Bibelwort begründet habe, daß Gott Hellas die Schönheit, Judäa aber die Wahrheit, daS heißt die religiöse Wahrheit als Erb- Lrlrkrüchte. raftvolle und von tiefstem sittlichen Ernst erfüllte „Gedanken über Jugendlektüre", die viel auch für die jüdifche Jugend Beachtenswertes enthalten, veröffentlicht soeben Geheimrat Professor Hermann Cohen (Marburg) in dem „Wegweiser für die Jugendliteratur", der von Dr. M. Spanier (Magdeburg) im Aufträge der von der Großloge für Deutschland VHI. U. O. B. B. gebildeten Kommission für Jugendliteratur herausgegeben wird. Es gibt moderne Romane und Jugenderzählungen genug, die einen satirischen Ton oft in bester Absicht gegenüber dem Judentum anschlagen, und, wie es zum Beispiel Mauthners interessanter Tendenzroman „Moderner Ahasver" in der Vorrede versuchte, geradezu aus die Bekämpfung und vollständige Aufhebung der jüdischen Zeremonialgesetze ausgehen. Professor Cohen schreibt über diese Art Tendenzdichtkunst: »Mir ist es sehr empfindlich, wenn ich eine komische Behandlung unserer Zeremonialgesetzgebung in solcher Poesie gewahre. Ich bin gewiß nicht der Ansicht, daß wirkliche Fehler unserer Eigenart vertuscht und beschönigt werden sollen, aber in Bausch und Bogen das lebendige Wesen der jüdischen Frömmigkeit lächerlich zu machen, das ist jedenfalls jetzt nicht zeitgemäß. In Zeiten der schwersten Angriffe auf unsere Existenz und der ungerechtesten Verleumdung unserer Wahrheit gibt es keine Opportunität für die Satire, geschweige für den Humor. Die Satire pflegt sich nicht in den Dienst der Gewalthaber und der Unterdrücker zu begeben, sondern vielmehr zum Schuh der Unterdrückten sich einzustellen. Und der Humor verschmäht es nicht, auch bei dem Schwachen Schwächen und Blößen aufzudecken, aber eine allgemeine Friedensstimmung ist dabei die unerläßliche Voraussetzung. Wenn der Schwache auf der Schlachtbank liegt, dann schweigt der Humor, dann spricht die Tragödie. Erst sollen unsere Gegner die Poesie schätzen lernen, welche unsere Vorfahren mit tiefer geschichtlicher Weisheit in unserem gottesdienstlichen Wesen aufgerichtet und eingepflanzt haben, bevor sie im Stile des Heidenapostels über unsere Gesetzlichkeit spotten dürfen. Und vor allem sollen sie erst ihr Dogma reinigen, bevor sie unser Ritual verurteilen. Als ein christlicher Freund mir einmal sagte: Warum schafft Ihre Gemeinde die Speisegesetze nicht ab'f, ba antwortete ich ihm: Lieber Freund, Sie schaffen ja nicht einmal die Gottheit Christi ab. Er nahm das' nicht als eine Malice, denn er verstand die Analogie. Die protestantische Welt glaubt nicht an die Gottheit Christi, aber sie schafft sie dennoch nicht ab. Die überwiegende Mehrheit der gebildeten Juden hält ebenso auch die Speisegesetzgebung nicht für gleichwertig mit dem sittlichen Gehalt unserer Glaubenslehre. Das Gesetz der historischen Beharrung waltet hier wie dort. Indessen in der schweren Bedrängnis unseres Zeitalters sollte es keinen jüdischen Dichter geben, der ohne Ehrfurcht unsere religiöse Verfassung betrachten, der mit dem leichtesten Spotte sie beschreiben oder selbst mit der besten Abeigentum verliehen habe, da war Laube freudig überrascht. Er sagte einmal: „Ja freilich, das öde, traurige Land Kanaan hat die Fülle und die Schönheit der Form weniger gebären können, als die Unermüdlichkeit, die wunderbare Ausdauer, die Kraft des Gedankens!" Zum Beweise dafür pflegte er mit Vorliebe Heine und die Rachel zu Zitieren. Bekanntlich hot Laube in seiner letzten Erzählung „Rüben" alle diese Fragen behandelt. Ich erinnere mich noch mit Vergnügen, wie er mir damals den jüdischen Schächter seiner schlesischen Heimatsstadt in seinem ganzen Leben und Wesen mit den kleinsten Zügen in so realistischer Weise vorführte, als hätte er ihn erst vor einigen Jahren kennen gelernt. Dieser Schächter kommt auch in der Novelle vor, deren Erscheinen Laube nicht mehr erleben sollte. Er starb am 1. August 1884 plötzlich, ohne vorher längere Zeit krank gewesen u sein. Alle, die ihn gekannt, werden sein Andenken Hochhalten. Für uns aber steht er auf der Ehrentafel derer verzeichnet, die das Judenrum nach seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gewürdigt und den Juden ihr Interesse und ihre Teilnahme zugewendet haben. 6. K.