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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-19 · Heft 42 (19.10.1906) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 42 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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499 ' wenn er nur offen und wahr ist. Aber ich glaube, unter Hunderttausendenist kaum ein ganz wahrer, offener zu finden das heißt nicht einnuil wahr gegen sich selbst. Die Wahrheit .verlernt sich wie die Schönheit . . . Nahet hat sich ihr eigenstes, privates Leben ganz bewahrt, und ihr Leben und somit ihr Buch, denn es ist ein Tagebuch. kommt mir immer vor, wie ein fortwährender Kampf um die ursprüngliche, wahre Existenz. Insofern ist es unser neuestes, wirklichstes Epos. „Nur die Gaieerensklaven kennen sich." ruft sie öfters aus im peinigenden Schmerze über die durchgehende Lüge der Menschen. Darum ist sie auch die seltene Erscheinung eines ganzen Menschen — wir sind mein nur Stücke, einzeln ausgebildete Stücke eines großen Torso — und sie hat darum für unsere ganze moderne Menschheit gelitten, ist unter Lüge und Enuui ein Märtyrer geworden. Und dieses echte Weib stimmt an vielen, vielen Stellen in diesen Hauptgedanken ein, daß die reiche, schöne Liebe der Menschen, dies Dokument unserer Gottverwandtschaft, noch nicht genügenden Raum gefunden habe unter uns." Als Laube dies schrieb, war er eben aus einer schweren, achtmonatlichen Untersuchungshaft in der Berliner Hausvoigtei entlassen worden; man hatte ihm aus mancherlei despektierlichen Aeußerungen gegen hohe Personen in seinen ersten Schriften einen Strick gedreht, und bei der Untersuchung war auch feine Teilnahme arr der Burschenschaft zutage gekommen. Jetzt aus dem Gefängnis entlassen, blieb er im Frühjahr 1835 noch eine Zeit in Berlin, um seine Zukunft zu ordnen, da er nur mit Genehmigung der Polizei einen Aufenthaltsort wühlen konnte. Noch in Berlin vollendete er jene Novelle „Liebesbriefe" und schrieb die erwähnte Widmung. Dann durste er sich in Naumburg niederlassen und neben mancher arideren Arbeit redigierte er von hier aus die Braunschweiger „Mitternachtszeitung". Die Aufsätze, die er dafür lieferte, sind noch gänzlich unbekannt, und ich habe sie in meiner eben erschienenen Laubebiographie zum erstenmal für die Geschichte seines Lebens und seiner geistigen Entwicklung benutzen können. Als sich Laube hier in Naumburg allmählich von den Strapazen und der Schmach des Kerkers erholte, vertiefte er sich nach so langer Entbehrung außer in Hegel und Goethe auch in die Lektüre Nahels, deren Briefe ihm nun in erweiterter Gestalt Vorlagen, und in einem seiner Aufsätze für die „Mitternachtszeitung" gedenkt er des geistigen Trostes, den ihm dies Buch gewährte, mit den schönen Worten: „Immer des Morgells, ehe ich an die Arbeit ging, las ich in diesem Buche, in dieser gedruckten Seele; tausenderlei Zugänge in die Geheimnisse des Herzens, der Sitte, der Gesellschaft öffnen sich bei dieser Lektüre, man fühlt sich angeregt, der Welt seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, wenn sie uns auch nur in den unscheinbarsten Manifestationen nahe tritt. Es hat etwas Tröstendes, ein Wesen 311 finden, was die kleinen, ganz kleinen Freuden und Leiden des täglichen Lebens zu Ehren und in große Bezüge bringt; das Leben erscheint uns plötzlich reicher, das Fundament der Zivilisation breitet sich zu unfern Füßen aus, wir erblicken die femfteu Verflechtungen und Bedingnisse des menschlichen Gedankens und der bürgerlichen Gesellschaft." Am tiefsten traf il)it damals jenes Wort Rahels, das er sich schon in der Widmung der „Liebesbriefe" zu eigen machte: „Jeder Mensch sei reich und originell, wenn er nur wahr gegen sich sei." Aus dieser selben Berliner Zeit sei noch zweier Bekanntschaften Laubes mit Juden gedacht, die er ausführlich in seinen Erinnerungen zeichnet. Der eine ist jener Joel Jacoby, der in der Geschichte des „jungen Deutschlands" eine so verhängnisvolle Rolle spielt, wie ich bereits in meinen „Gutzkowfunden" ausgeführt habe. Und besonders für Laube war dieser Jacoby zum bösen Schicksal geworden. Zn Anfang der Dreißiger Jahre lebte derselbe abwechselnd in Halle und Leipzig und muß schon 1832 Laube persönlich bekannt gewesen sein. Im Verein mit Jacoby kommt Laubes Raine zuerst in den Akten der preußischen Polizei vor; diese beiden sollten Nachrichten in Sachsen verbreitet haben, die für Preußen kompromittierend waren, worüber sich jedoch nichts Näheres ergeben hat. Die Frage nach seinem Verkehr mit Jacoby, der damals unter Polizeiaufsicht stand, wegen demagogischer oder hochverräterischer Verbindungen, wurde in allen Verhören Laubes vorgelegt, und es war sür ihn geradezu belastend, daß er diesen Schriftsteller 1833 in Leipzig gesprochen und zu Anfang 1834 in Halle besucht hatte. Jetzt nach Laubes Entlassung aus dem Gefängnis hatte sich Jaeobys politische Meinung in das Gegenteil verwandelt und er suchte sür seine Bekehrung Proselyten zu werben in Gutzkow sowohl tute in Laube. Es ist ein Zeugnis für Laubes harmlose Gutmütigkeit, daß er biefent Renegaten ein System unterschob, das seine ganze spätere Karriere bis zum ordengeschmückten Hofrat hinauf wenigstens verständlich machen sollte. Der zweite dieser Bekannten war das völlige Gegenbild des ersteren, es war Aron Bernstein, der spätere Redakteur der „Berliner Bolkszeitung", der damals noch in den kümmerlichsten Verhältnissen als Journalist in Berlin lebte, lieber beide vergleiche man Laubes Erinnerungen in meiner soeben erschienenen Ausgabe von Laubes ausgewählten Werken (Vill. Band S. 321 ff.). An die sympathische Charakteristik dieses Bernstein möchte man denken, wenn inan sich die Judengestalten vergegenwärtigt, die Laube in seinem Roman „Das junge Europa", und zwar in dem zweiten Teil dieser Trilogie, in den „Kriegern", auftreten ließ, an die ergreifende Gestalt des Juden Joel, der mit in den polnischen Krieg zieht, aber, nachdem er auch hier auf dem Felde der Ehre trotz tapferer Bewährung nur Verachtung und Abscheu gefunden hat, den Soldatenrock wieder auszieht und in das Kleid des hausierenden Juden zurückkehrt, der er ursprünglich gewesen ist. Ich verweise dabei nachdrücklich auf diesen, eben zu jener Zeit, im Berliner Gefängnis entstandenen zweiten Teil des „Jungen Europas", der in Romanform eine außerordentlich packende Schilderung des polnischen Freiheitskampfes bildet und mit zuin besten gehört, was dein Novellisten Laube gelungen ist. Grade die bittere Anklage gegen das Schicksal, dein Joel und sein sterbender Vater Manasse zum Opfer fallen, ist der letzte, wehmütige Rekord dieses Buches. Wie ein herbes Epigramm lauten seine Schlußworte: „Vor der Hand will ich schachern! Mit diesen Worten erhob sich Joel, und die beiden Wanderer schritten im Winde, der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte, auf Krakau zu." Auch Vater, der eigentliche Held dieses Romans, kehrt mit zertrünunertelt Idealen ans dem Polenkriege nach Hause. Bei der energischen Teilnahme, die nach der Julirevolution jüdische Schriftsteller an der Entwicklung des deutschen Geisteslebens nahmen, war es natürlich, daß Laube mit zahlreichen dieser Kollegen in engere und entferntere Berührung kam, und es knüpft sich an diese Bekanntschaften keine besondere Erörterung, weil es Laube nicht in der: Sinn kam, mit ihnen unter besonderen Vorbehalten zu verkehren. Die langjährige Freundschaft, die Heine bis zu seinem Tode sür Laube hegte, sei hier nur kurz erwähnt, da sie bereits von Berufeneren genügend geschildert wurde, und auch Namen wie Moritz Hartmann, Eduard Gans, Gabriel Rießer usw. seien hier nur flüchtig erwähnt,^ mit Beziehung auf meine schon erwähnte Ausgabe der Laubeschen Werke, wo mit Hilfe eines ausführlichen Registers den einzelnen Persönlichkeiten mit Leichtigkeit nachgespürt werden kann. Nicht unerwähnt aber soll bleiben, daß auch eine vorübergehende

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