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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-19 · Heft 42 (19.10.1906) · p. Seite 501

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 42 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 501 (sequence 9)
Language
German
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501 sicht sie bloßstellen könnte. Der angeerbte Witz müßte einem vergehen, geschweige die poetische Naivität." Ebenso offen ausgesprochen und von einem Gelehrten in der angesehenen Stellung des Geheimrats Cohen, der auch der philosophischen Prüfungskommission der. Universität Marburg seit langen Jahren angehört, nur auf Grund tiefer Erfahrung niedergeschrieben, ist folgende Mahnung: „Der Person Jesu gegenüber ist größte Vorsicht und Zurückhaltung nötig. Ich weiß wohl, daß Rücksichten des Friedens bei denen bestimmend sind, welche Sympathie mit dem Stifter der christlichen Religion uns auempfehlen. Aber, um mit dem Praktischen anzufangen, diese Rücksicht ist gefährlich! Sie baut dem Uebertritt die goldene Brücke. Und in den Zeiten so furchtbarer Verführung haben wir wahrlich die größte Vorsicht zu üben, um jene großen Gefahren uns nicht mutwillig selbst zu verstärken. Es ist mir in meinem Zimmer von einem jungen sogenannten Philosophen ins Gesicht gesagt worden, er habe sich taufen lassen, weil er die Person Jesu verehre. Ich durste ihm darauf nur erwidern, daß ich seine Einseitigkeit in der Kenntnis jüdischer Persönlichkeiten nicht zu bewundern vermag. Mit meiner Meinung über jene legendarische Person als Vorbild für unser sittliches Handeln, mußte ich solchem Besucher gegenüber zurückhalten. Um so weniger aber dürfen wir rückhaltlose Sympathie für diese komplizierteste Persönlichkeit der Mythologie und der Sagengeschichte bei unserer Jugend aufkommen lassen. . . . Der Herrenkultus ist unserm innersten Wesen zuwider. Das höchste Lob unseres Lehrers Mose ist, daß er der bescheidenste aller Menschen war; als Mensch war er der bescheidenste, nicht als Halbgott. „Und kein Mensch kannte sein Grab bis aus diesen Tag." Es ist, als ob dieses Wort, als Verurteilung des „Heiligen Grabes" geschrieben wäre. Gelte Jesus nur als Gott, so wäre die Gefahr geringer, dann stände unser Monotheismus gegen die Trinität. Jetzt aber läßt die protestantische Theologie die Gottheit Christi satten. Da rueint der jüdische Streber, er könne nunmehr zum Protestantismus überlaufen, denn Christus gelte ja nur als ein Lehrer der Menschheit, und das Lamm Gottes sei doch wenigstens ein idealer Mensch gewesen. . . . Wie wir keinen Gott des Leidens anerkennen, so dürfen wir auch keinen Menschen des Ideals anerkennen. Für uns bleibt der Mensch immer nur strebend und irrend. Unser Ideal ist in keinem Menschen gegeben, sondern allein in dem Gebot unseres Gottes: „Heilig sollt Ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." Das ist unsere Verwandtschaft mit Gott, christlich ausgedrückt: unsere .Gottmenschlichkeit. Aber als Menschen sind wir allesamt gleich; kein Meuschensohn ist Gottessohn in irgendeinem wie immer symbolischen, idealen Sinne." Als einen dritten wichtigen Punkt für die Jugendlektüre hebt Professor Cohen die Aufgabe hervor, daß sie das durch den. Antisemitismus getrübte Verhältnis zwischen Juden und Christen wieder bessern soll. „Sie muß Bilder entwerfen von der Sicherheit und Feinheit des jüdischen Wesens. Nicht Mißtrauen, noch Zuwarten soll unser Verhalten dem Christen gegenüber regeln, sondern zartes Vertrauen zur Menschheit und Menschlichkeit auch in dem jeweiligen Gegner. Stets von neuem muß das Vertrauen uns aufrichten, dann wird unser Blick das Scheue verlieren und Vertrauen und Hoffnung mit dem Mute und dem Selbstbewußtsein unseres Wesens sich glücklich vermählen. Eine Folge solches unerschütterlichen Zutrauens wird eine diskrete Freundlichkeit sein, die bei jedem Schritt unser Wesen stttigen und unser Verhalten veredeln wird. Wir werden dem Vorurteil durch solche innerliche Stärke und Ueberlegenheit am besten die Spitze bieten, auch in den Formen des sozialen Verkehrs, von denen uns ja die jahrhundertelange Verfolgung ausgeschlossen hatte. Von der Feinheit unserer Lebensformen nehmen sie keine Kenntnis; nur das Anstößige, was ihnen entgegentritt, halten sie für unsere Lebens" regel. Darum haben wir bei unserer Jugend mit peinlicher Strenge darauf zu halten, daß kein Verstoß gegen die gute Sitte verwilligt und nachgeseyen werde, daß bis in alle Einzelheiten des täglichen Verhaltens hinein Zartheit und Feinheit, Takt und Ehrerbietung, Zurückhaltung und Zutrauen zur Pflicht und zur Lebensgewohnhei erzogen werde. Und wahrlich, auch unter uns selbst haben wir diese soziale Fürsorge zu pflegen. Wie wir unserer Armen uns annehmen, so sollen wir uns der Niederen unter uns nicht schämen, uns nicht von ihnen zurückhalten, vor allem aber sie mit der Würdigkeit behandeln, die wir uns selbst schuldig sind. Es sollten die Zeiten endlich vorüber sein, in denen man der Juden selbst überdrüssig zu sein sich den Anschein gab oder gar ihnen auszuweichen sich für berechtigt hielt. Es ist unsere Pflicht, daß wir diejenigen mit unserem Gemüte aussuchen, welche die Welt verwirft und daß wir in Tat und Wort und Miene unser Mitgefühl ihnen zuwenden und zwar mit aller Feinheit, Tiefe und Innigkeit, deren wir selbst nur irgend fähig sind oder fähig uns machen können. Sittigung unseres Wesens in allen Einzelschritten unseres Lebens den Andersgläubigen, wie unfern Glaubensgenossen gegenüber. So läutern wir unser Selbstbewusstsein." Das sind goldene Worte, die überall bekannt und beherzigt zu werden verdienen. pus trüber Leit. Eine historische Erzählung. VIII. Ruinen waren ein ziemliches Ende von der Stadt - y entfernt. Fernando verließ sein Versteck und folgte dem jungen Ramira, immer eine gewisse Entfernung innehaltend. Sein Herz klopfte stark; Furcht, Zweifel und Hoffnung erfüllten abwechselnd seine Seele. Es war ein furchtbarer Weg. Zwanzigmal war Fernando entschlossen, sich auf Alonzo zu stürzen und ihn mit seine,n Degen zu durchbohren, um die Seinen vom unvermeidlichen Untergang zu retten; aber jedesmal hielt ihn eine andere Erwägung zurück. Es widerstrebte seinem stolzen und edlen Charakter, seinen Feind feige und plötzlich hinterrücks zu überfallen; das war schon ein ausreichender Grund, seinen Arm zu fesseln. Und außerdem, hätte er nicht eine viel größere und wirkliche Gefahr dadurch geschaffen, daß er eine vielleicht eingebildete durch ein solches Mittel zu beseitigen strebte? In der Tat hatte Fernando, als er sich aus der Stadt entfernte, um, wie er sagte, einigen Freunden das Geleit zu geben, seine Rückkehr während der Nacht anmelden müssen, damit man ihm die Tore öffne; Ramira hatte es ohne Zweifel ebenso gemacht. Man wußte also, daß beide junge Männer in derselben Nacht durch dasselbe Tor wiederkommen mußten, folglich auch denselben Weg zu verfolgen hatten. Wenn Fernando Ramira niederstach, fiel der Verdacht unmittelbar ans ihn, ob er nun in die Stadt zurückkehrte oder nicht, und er'-mußte dann den Gerichten Rechenschaft darüber abgeben, wie er die Zeit während der Nacht zugebracht hatte; er-mußte aussagen, welche Freunde er begleitet und wo er sie verlassen hatte; die letzteren wären ebenfalls gefragt worden. Wie konnte man ohne vorgängiges Einverständnis dem Verrat entgehen? Und dennoch bedeutete Fernandos Entkommen eine vielleicht noch sichere Gefahr. So nahte von allen Seiten ein drohendes und furchtbares Geschick. Die Lage Fernandos war schrecklich; alle diese verschiedenen Gedanken kreuzten sich in seiner glühenden Phantasie, während er Alonzo immer in derselben Entfernung folgte. Bald erschienen' ihm alle seine Befürchtungen nur als Ausgeburten seines erhitzten Gemütes, bald kainen sie ihm

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