Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Zeitung" herausgab, seinen ersten Roman „Das junge Europa" begann und die „Reiseuovellen" schrieb, die wenigstens bem Titel nach populär geworden sind. Diese Reisenovellen wurden tmd) einer Jtalienfahrt begonnen, die Laube im Verein mit Karl Gutzkow im Sommer 1833 unternommen hatte. Aber noch ein dritter Begleiter hatte sich zu ihnen gesellt, ein jüdischer Kaufmann namens Axenfeld, eine sehr originelle Persönlichkeit, die auch in den „Reiseuovellen", so wie Gutzkow als „Archivarius des Königs", als „Starost" verewigt ist. Er hatte bei dieser Reise die Rolle eines Mäcens übernommen; wenigstens erzählte Gutzkow in seinen „Rückblicken", daß er ihm das Reisegeld Vvrgestreckt habe mit Rücksicht auf das von Eotta zu erwartende Honorar für Gutzkows eben erscheinenden Roman „Maha Guru". Vor etwa zwanzig Jahren war dieser Axenfeld im langen Kaftan, mit langen Judenlocken und dem Sack über der Schulter, von Brody nach Leipzig gewandert und hatte sich hier durch geschickte Spekulationen als Agent und Dolmetscher auf den jährlichen Messen ein hübsches Vermögen erworben. Seine viele freie Zeit wandte er auf seine wissenschaftliche Ausbildung an, ließ sich als Student inuuatrikulieren, las unendlich viel, und erwarb sich so eine Bildung, die ihn an ° den Erzeugnissen der modernen Literatur Anteil nehmen und literarische Bekanntschaften machen ließ. So hatte er Laube kennen gelernt, und da er, natürlich laugst in seinem Aeußeren modernisiert, den eleganten Lebemann und Junggesellen zu spielen liebte, versprach seine Begleitung ein brauchbares Element zur Unterhaltung. Dies ist das Urbild des „Starosten", der in den „Reisenovellen" sporenklirrend umhergeht, durch komische Gutmütigkeit und eine drastische Nüchternheit in der Auffassung realer Lebensverhältnisfe die lustige Person dieses Dreimännerbundes bildet. Noch bis hoch in die vierziger Jahre hinein hat diese Freundschaft Laubes mit Axenfeld angehalten. Der Kaufmann gehörte zu den ständigen Besuchern des Laubeschen Hauses, das, nachdem Laube als Dramatiker schnell durchgedrungen war, als Journalist eine große Wirksamkeit entfaltete, und dazu eine Frau geheiratet hatte, die Liebenswürdigkeit und gesellschaftliche Bildung in hervorragendem Mäße besaß, zu einem literarischere und gesellschaftlichen Mittelpunkt in Leipzig geworden war. Axenfeld dagegen war ein hartnäckiger Junggeselle geblieben und zum Hausfreunde wie geschaffen. „Als ich ihn kernren lernte," so erzählt ein Zeitgenosse aus den vierziger Jahren, „war an seiner Galanterie mehr Geschrei als Wolle; sein Scheitel fing an kahl rrnd fein Bauch dick zu werden; aber er spielte noch immer gern den Galanteil, und die Damen konnten mit ihm machen, was sie wollten, ohne daß er verdrossen wurde. Lernte rrlan ihn näher kennen, so fand man in ihm einen sehr braven Mann, der das Herz auf der rechten Stelle hatte, obgleich es einsehr furchtsames Judenherz war. Er war sehr erkenntlich für kleine Freundlichkeiten, llnd galt es, einem Freunde einen ernstlichen Dienst zu leisten, so half er nicht nur mit Rat, sondern auch mit der Tat. Axenfeld war in Leipzig eine bekannte Stadtfigur und außer der Messe in der Gesellschaft der Literaten, während der Messe aber auf dem Brühl zu finden. Er hatte sein Geld in einer Drllckerei angelegt, und als ein Oer österreichischen Regierung luißliebiges Buch darin erschienen war, hielt man sich an ihn und wollte ihn zwingell, nach Oesterreich zurückzukehren. Er wunderte daher nach Dessau aus." Auch Laube erzählt in seinen letzten Erinnerungen von der Freundesbereitschaft dieses „Starosten". Als Laube Anfang 1840 aus Frankreich zurückkehrte, sammelte er unter seinen Bekannten für Richard Wagner, der damals in Paris darbte, und auch bei Axenfeld hatte er offene Hand gefunden. „Als nun später Magnea seinen Baun ausgesprocherl gegen die Juden, da faßte mich der Starost beim Rockknopfe und rief: Darum also Räuber urrd Mörder? Darum hat Dir der Jude aus Brody einen Beitrag in die Hand gedrückt für den hoffnungsvollen Künstler, um nun vom älteren Wahnfried geächtet zu werden." Laube muß also noch in den sechziger Jahren mit diesem Axenfeld zusammengetroffen sein. Vielleicht bringt ein Zufall noch nähere Details über diesen Kaufmann und Literaturenthusiasten zutage; denn es ist immerhin von Wert, die Persönlichkeit ganz zu kennen, die Laube so lange nahe stand und außerdem in einem Werke porträtiert ist, das wie die „Reifenovellen" zwar keinen sonderlichen dauernden Wert, aber immer eine historische Bedeutung haben wird. Auf die geistige Physiognomie des Jungen Deutschlands hat bekanntlich Rahel Varnhagen eine tiefe Wirkung ausgeübt, und zwar hauptsächlich nach ihrem Tode, durch die Sammlung ihrer Briefe und Aussprüche, die ihr Gatte Barnhagen von Ende 1833 zuerst in einem Bande, später dann erweitert zu vier Bänden herausgab. Weder Gutzkow noch Laube haben Rahel persönlich gekannt, aber sie haben beide unter dem Bann dieses Buches gestanden, und auch von Laubes Seite liegen dafür mehrere Zeugnisse vor, die kaum bekannt sein dürften. Sein Freund Gustav Schlesier, der ihn in der Redaktion der „Eleganten Zeitung" unterstützte, hatte Varnhagen um ein Exemplar dieses Buches „Rahel" gebeten, da der erste Druck nur für Freunde gegeben wurde, und da Varnhagen diesem Wunsche sofort Folge leistete, war auch Laube zur Kenntnis des Werkes gekommen. Dieser Umstand verschaffte ihm die für sein Leben so wichtige persönliche Beziehung zu Varnhagen. Als Laube im Sommer 1834 auf Veranlassung der preußischen Behörde aus Leipzig ausgewiesen wurde und kecken Mutes nach Berlin reiste, um seine Angelegenheiten ins Klare zu bringen, besuchte er den Geheimen Legationsrat, der an ben Verfasser des „Jungen Europa" auch sofort ein lebhaftes Interesse nahm, und daß sich ihre Unterhaltung immer wieder um Rahel bewegte, deren kurz vorher erfolgten Tod Varnhagen damals betrauerte, war wohl selbstverständlich. In Erinnerung an diese intimen Unterhaltungen, in denen Laube mit Ueberraschung erkannte, wie nahe diese Frau und auch ihr Gatte denr Empfinden der jungen Generation standen, hat Laube eine Skizze Rahels zu geben versucht in der an den Fürsten Pückler-Muskau gerichteten Widmung der Novelle „Liebesbriefe", die im Sommer 1835 erschien. Nachdem er sich über das Thema seiner Novelle „Frauen und Liebe" verbreitet hatte, fuhr er fort: „Es heit in Berlin eine Frau gelebt und Briefe geschrieben, eine gewaltige Frau, welche von allen gelesen, studiert werden sollte, die sich unsers sittlichen und geselligen Zustandes bewußt werden wollen, oder mit andern gewöhnlich mißbrauchten Worten: von allen, die auf Bildung Anspruch machen. Ew. Durchlaucht wissen wohl, wen ich meine, Sie haben diese moderne Cornelia, die auf das nur stolz war, was dem echten eigenen Herzen und Wesen entsprang. Sie haben sie ost gesehen in jenem lichten Hause der Mauerstraße, wo sie waltete und sprach, wo sie die Freunde mit immer gleicher Liebe, mit Unterordnung aller eigenen Interessen empfing, jedem Menschen, auch dem-unbedeutenden, auch dem unangenehmen, zugänglich, bereitwillig. Ich meine Rahel, die wahrhaftige, welche bei allen inneren und äußeren Stürmen sich frei erhielt von dem verhüllenden Firnis, den Herkommen, Gewohnheit über das Herz und den Geist der Menschen breiten. Wenn an jemand appelliert werden kann bei Besprechung menschlicher Zustände, bei Untersuchung über echte, gesittete Existenzen, so ist dies Rahel. Wir haben kein so offenherziges Buch in unserer- Literatur als ihre Briefe, wenigstens keins, wo soviel Geist und Spekulation der Offenherzigkeit zu Hilse gekommen wäre. Jeder Mensch, auch, der unbedeutendste, ist reich und originell,