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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-10-19 · Heft 42 (19.10.1906) · p. Seite 496

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 42 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 496 (sequence 4)
Language
German
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- 496 -- jüdischen Gottesdienst abhalten zu dürfen. Auf diese Weife wäre allen geholfen gewesen; in erster Linie der Kunst, die in diesem Gebäude ein kostbares, einzigartiges Denkmal besitzt, der Stadt Toledo, die um eine große Sehenswürdigkeit bereichert würde, dem Staat, der die erheblichen Kosten der Restauration ersparen würde, den Israeliten, die ihr rechtmäßiges Eigentum zurückerhielten. Aber was kümmert sich der habsüchtige, fanatische spanische Klerus um solche Gründe! Kaum war das Projekt aufgetaucht, als von ihm Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt wurden, um den Plan zu vereiteln unter dem Vorgeben, die katholische Kirche habe einen größeren Anspruch darauf. Von der Schwäche der spanischen Regierung Rom gegenüber ist leider das schlimmste zu erwarten, nämlich, daß das architektonisch wie kunstgeschichtlich hochinteressante Bauwerk weiter dem allmählichen Verfall entgegengehen wird. Der ganze Vorfall zeigt aber, was von den Bemühungen des Signor Pulido und anderer edler Männer, die Juden wieder in Spanien heimisch zu machen, gegenwärtig noch zu erhoffen ist. * Die Tatsache, daß Amerika das Asyl der verfolgten und unglücklichen russischen Juden geworden, ist den Antisemiten seit jeher ein Dorn im Auge. Jetzt wissen sie geschäftig zu erzählen, daß in den letzten Jahren aus Rußland und Oesterreich so viele Juden eingewandert seien, daß sich langsam an einigen Stellen eine antisemitische Strömung geltend mache. Ferner exzerptieren sie für ihre Zwecke die soeben erschienene achte Ausgabe des „Jewish Hearbook". Das Buch enthält Berichte über jüdische Organisationen und Zeitschriften, über Werke jüdischer Künstler in den Vereinigten Staaten und Schenkungen an jüdische Institutionen. Die statistischen Ausweise ergeben, daß die israelitische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von 3000 im Jahre 1818 guf 1418 013 im Jahre 1906 gestiegen ist. Vom I. Juli 1895 bis zum 30. Juni 1906 sind 150 846 Israeliten in den Vereinigten Staaten aus andern Ländern eingewandert. Davon waren 106 896 Russen. Von diesen sind alle, mit Ausnahme von 17 000, die in Philadelphia und Baltimore landeten, im Hafen von Newyork angekommen. Daß die große Mehrzahl dieser Einwanderer in Newyork sich ansiedelte, geht daraus hervor, daß von den 1 418 013 Israeliten, die in den Vereinigten Staaten leben, allein ungefähr 600 000 in Newyork wohnen. In dem Stadtteil Manhattan allein gibt es ihrer mehr als in der Türkei, Persien und Aegypten zusammen, und erst die Zahl der vereinigten jüdischen Bevölkerung von Deutschland und Belgien erreicht etwa die der in der ganzen Stadt lebenden Israeliten. Rußland mit einer jüdischen Bevölkerung von 5 215 805 und Oesterreich-Ungarn mit einer solchen von 2 076 378 sind die einzigen Länder, die mehr Juden als die Vereinigten Staaten beherbergen. Im verflossenen Jahr wurden in den Vereinigten Staaten 44 neue Synagogen ihrer Bestimmung übergeben und 22 industrielle und wohltätige jüdische Gesellschaften gegründet. Im Kongreß der Vereinigten Staaten befinden sich fünf Juden, und zwar einer im Senat und vier im Abgeordnetenhaus. Dies alles und noch mehr wissen die antisemitischen Blätter mit schlecht verhehltem Ingrimm aus dem Lande der Freiheit' zu erzählen. Es ist nur gut, daß diese Blätter drüben entweder gar nicht gelesen oder höchstens als humoristische Lektüre oder aber als Beweis für die sogenannte „europäische Rückständigkeit" betrachtet werden. JBafear Lrorrtm. Stockholm, 2. Oktober. Bchweden hat dieser Tage (am 22. September) einen schweren Verlust erlitten, indem es einen seiner bedeutendsten Dichter und Literarhistoriker, Professor Oskar Levertin, zu Grabe trug. Alle unsere großen Tagesblätter bringen sein Bild und spaltenlange Artikel über seine Verdienste um die Literatur- Schwedens und Klagen über den beinahe unersetzlichen Verlust. Und in die tiefe Trauer können wir Juden einstimmen, denn Oskar Levertin hat uns angehört, nicht nur der Geburt, sondern dem Geiste nach. Seine Beerdigung legte ein beredtes Zeugnis ab, wie geliebt, geehrt und betrauert der nur 44 Jahre alt gewordene Dichter wurde. Unabsehbare Scharen hatten sich auf dem Wege zum Friedhofe dem Leichenzuge angeschlossen. Unter ihnen fast vollzählig alle Professoren der Stockholmer Hochschule, an welcher der Verstorbene angestellt war, Vertreter der Upsalaer und Gothenburger Universität, Studentenvereine aus den genannten Orten mit ihren Standarten, die hervorragendsten Künstler und Journalisten, kurz alles, was das Land an Größen aufweisen kann, war versammelt, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Die Friedhofskapelle konnte die Menschenmenge nicht fasten und deshalb wurde der Sarg vor derselben niedergestellt und unser Rabbiner Professor Dr. Klein nahm zuerst das Wort. In warmen Worten spendete er den Leidtragenden Trost. Unter anderem sagte er: „Es ist weder meine Absicht, noch liegt es in meinem Bereiche, zu schildern, was der Verstorbene für unsere Kultur gewesen ist. Das möge ein kongenialer Genosse tun. Aber vom Menschen Oskar Levertin kann ich zeugen. Sein ganzes Wesen trug den Adelsstempel der wahren Menschlichkeit au sich, über fein ganzes Wesen war ein Hauch von höheren Regionen gebreitet. Freundlich und fromm war er wie ein Kind, gut und treu als Freund, Gatte und Verwandter." Am Grabe sprach dann zuerst der Rektor der Hochschule, Professor de Geer, dann der bedeutendste jetzt lebende Dichter- Schwedens, Werner von Heidenstam. Der Schriftsteller Axel Lundegard las ein von ihm eigens für diese Gelegenheit verfaßtes Gedicht und ein Student trug einige Verse aus Levertins „König Salomo und Morolf" vor. Professor de Geer versuchte dem Verstorbenen als Gelehrten gerecht zu werden; er begann seine Rede mit den Worten: „Die wissenschaftliche Forschung in unserm Lande hat durch Oskar Levertins Fortgang einen großen und schwer zu ersetzenden Verlust erlitten," und berichtete dann von seinem Wirken an der Hochschule. Herrlich und ergreifend war Heidenstams Nachrede auf den Freund und Gesinnungsgenossen. Ich will hier nur einige Worte, die ein näheres Interesse für den Leserkreis der „A. Z. d. I." haben können, wiedergeben. „Wir betten Dich hier zur Ruhe bei Deinen Vätern, bei dem Wandervolke, Deinem Volke, mit dem Du littest und grübeltest und welches rätselhaft und wissenheischend uns so oft in Deiner Dichtung begegnet. Wie gut erinnere ich mich eines Herbsttages, wie es heute einer ist, wo Du gerade hier mit mir standest, hier, wo Dein Staub sich mit dem Deiner Stammverwandten vermischen wird, nicht in Kanaans Erde, sondern hier unter den schwedischen hohen Winternächten, unter dem Säuseln des Laubes, dem Vogelgezwitscher der nordischen Sommermorgen! Mit Tränen in den Augen

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