Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 495 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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495 wert ftnb besonders die beiden folgenden Stellen über Besuche bei Bleichröder: „Berlin, 7. Mai 1874. Die Juden sind avertiert, das; ich ihr Feind sei, was er bestritten hat. Ueberhaupt behauptet er, mir das Terrain geebnet zu haben." Berlin, 15. Juni 1878. „Ich habe anderthalb Stunden bei Bleichröder gesessen und seine talmudische Weisheit angehört. Was mir bei dem ganzen Gespräch unangenehm war, ist, daß Bleichröder dach Einfluß in handelspolitischen Fragen bei Bismarck zu haben scheint. Er tut, als wenn er mitregierte, trotz seiner demütigen Versicherungen. Bezüglich der Wahlen erzählte er, er habe Instruktionen van Bismarck geholt, gerade als wenn er. Bleichröder, die Wahlen machen könnte. Mir scheint, als ob die eigennützige jüdische Handelspolitik Bleichröders an dem Sturze Delbrücks und an manchen unreifen Finanzprojekten der neueren Zeit schuld wäre." Daß in solchen Aeußerungen eine ungeheure Ueberschätzung des Einflusses von Bleichröder liegt, braucht für jeden Kenner der Verhältnisse nicht erst gesagt zu werden. Im übrigen soll bei dieser Gelegenheit noch konstatiert werden, daß Fürst Hohenlohe in bezug auf die Behandlung der Juden während seiner ganzen Amtszeit stets eine wohlwollende Objektivität an den Tag gelegt hat. Nicht mebr und nicht weniger. Aber unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist leider auch das schon genug. Wenn sie uns auch nicht direkt angeht, so ist doch noch eine kleine Notiz der Memoiren für uns von Interesse, da sie die inneren politischen Gesinnungen des Junkertums, unserer schlimmsten Gegner, grell beleuchtet: „15. Dezember 1898: Wenn ich so unter den preußischen Exzellenzen sitze, so wird mir der Gegensatz zwischen Norddeutschland und Süddeutschland recht klar. Der süddeutsche Liberalismus kommt gegen die Junker nicht aus. Sie sind zu zahlreich, zu mächtig und haben das Königtum und die Armee aus ihrer Seite. Auch das Zentrum geht mit ihnen. Alles, was ich in diesen vier Jahren erlebt habe, erklärt sich aus diesem Gegensätze. Denn alle diese Herren Pfeifen auf das Reich und würden es lieber heute als morgen auf geben." * Der vom Ministerium Stolypin angekündigte Plan znr Abänderung der russischen Maigesetze ist endlich so weit gediehen, daß er denuiächst dem Ministerium wird unterbreitet werden können. Der Plan enthält keinerlei positive Vorschläge, sondern nur eingehende Raisonnements über die Judenfrage. Es werden in demselben lang- und breit das Pro und Kontra besprochen und eingehend die Gründe dargelegt, die im Interesse des russischen Volkes die Schaffung aller die Rechte der Juden beschränkenden Gesetze veranlaßt haben. Andererseits wird aber auch darauf hingewiesen, daß diese Gesetzgebung die Juden unaufhaltsam in die Arme der Revolution treiben mußte. „Denn es steht außer allem Zweifel, daß die Revolution in Rußland in erster Reihe von den nichtrussischen Elementen, vorzüglich aber von den Juden, geschürt wird. Als Grund für diese behauptete, dadurch aber noch keineswegs bewiesene Tatsache .wird die seltsame Behauptung aufgestellt, das jüdische Volk, welches im Verlaufe seiner vieltausendjährigen Geschichte schon zahlreiche Regierungsformen gesehen habe, verhalte sich jeder Regierung gegenüber, selbst wenn diese noch so demokratisch sei, stets kritisch. Gegen einen solchen Nihilismus helfen nur die allerstrengsteu Ausnahmegesetze." Nachdem so jede noch so harte Bedrückung der Juden als im Interesse der Selbsterhaltung des russischen Staates absolut notwendig hingestellt wurde, wird diese Bedrückung inkonsequenter Weise scharf kritisiert und als völlig zwecklos bezeichnet. Dieselbe treffe in erster Reihe die ärmeren, fleißig arbeitenden und Produkte ersten Bedarfes erzeugenderl Schichten des Jildentums, während die das russische Volk gefährdenden und ausbeutenden reichen Juden von ihnen nahezu verschont blieben. Der ganze Erfolg aller Judenbedrückung wäre nur, daß die Juden sich „fleißig mit der Revolution befassen", und nirgends seien die revolutionären Elemente so vorzüglich organisiert, wie in Polen und in den: eigentlichen Ansiedlungsrayon. Dennoch vermag der Verfasser der Denkschrift sich zum Vorschlag der Abschaffung des unzweckmäßigen und der Regiexung selbst so gefährlich gewordenen Ansiedlungsrayons nicht zu versteigen. Konsequenz war nie die starke Seite des russischen Tschinowniktums gewesen. Der Bericht schlägt nur vor, die Regierung möge sich die Sache mit dem Ansiedluugsrayon „gut überlegen". Das Memorandum gipfelt in dem Vorschlag, die Lage der armen Schichten des jüdischen Volkes zu verbessern, indem den Juden innerhalb des Rayons gestattet werde, auch außerhalb der Städte zu wohnen, ferner soll' den jüdischen Handwerkern das Fortziehen aus dem Rayon möglichst erleichtert werden. Endlich soll jedem Juden, der Soldat gewesen ist, das freie Wohnrecht in ganz Rußland gewährt werden. Spaßhaft ist es schließlich, zu sehen, daß der Verfasser des Memorandums sich noch mit der Frage beschäftigt, inwiefern es den Juden gestattet werden könnte, ein Staatsamt zu bekleiden. Es wirkt das um so komischer, als erst am 27. September in einer unter dem Vorsitz des Geheimrats Gortschakow im @ifenbahnministerium stattgehabten Sitzung mit großer Mehrheit beschlossen wurde, Juden, selbst wenn sie schon seit lange getauft sind, nicht zum Eisenbahndienst zuzulaffen. In derselben Sitzung wurde beschlossen, den berüchtigten Lawrow, der, weil er sich bei den Judenhetzen arg exponiert hatte, von: Gericht zu 100 Rubel Geldstrafe verurteilt und außerdem von Stolypin aus seinem im Ministerium des Innern bekleideten Amt gejagt wurde, beim Eisenbahnminifterium anzustellen. * Die Jt o (Jewish Territorial Association) hat einen sehr wichtigen Schritt zur Konsolidierung ihrer Interessen getan. Ihr Präsident, Israel Zangwill, veröffentlicht soeben die Namen der Mitglieder der geographischen Fünferkommission, die er gemäß dem Beschluß der letzten Londoner Sitzung des großen Rats der Jüdisch-Territorialistischen Organisation (I. T. O.) zusammenzustellen übernommen hatte. Die I. T. O. will bekanntlich versuchen, einen Teil, der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa in autonome Siedlungen zusammenzufassen, und die Kommission hat die Aufgabe, aus allen der I. T. O. vorliegenden Kolomsationsprojekten und Angeboten das für eine jüdische Massensiedlung Geeignetste auszuwähleu. Die Kommission besteht aus folgenden Herren: Lord Rothschild, Oscar S. Strauß, Newyork, dem früheren amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, James Simon, Berlin, dem Präsidenten des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Paul Nathan, Berlin, und Dr. Mandelstamm, Kiew. Wie spanische Blätter melden, hatte ein aus wohlhabenden Juden bestehendes Komitee der Regierung vorgeschlagen, die 1366 in Toledo auf Kosten Samuel Al-Lavis, des reichen Bankiers Peters des Grausamen, von Me'w Abbeli im schönsten Mudejaustil errichtete Aljanca — jetzt Synagoge bet Transito genannt — endlich zn restaurieren nnd dem Publikum offen zu halten, sofern gestattet werde, darin wiederum regelmäßig