Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 70 (1906)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1906)
- Date
- 1906-10-19
- Page
- Seite 494 (sequence 2)
- Language
- German
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494 - Sinn fragt es sich, tonnen die Juden ohne 'weiteres sich als i Angehörige der einen oder anderen Nationalität bekennen, soll - dieses Bekenntnis von der Rücksicht auf die ökonomischen Interessen, von dem Nationalgefühl der Individuen oder von der Muttersprache derselben diktiert werden? Auch der'oberflächlichste Betrachter wird leicht einsehen, das; hier Lebensfragen entschieden werden, welche, ganz abgesehen von ihrem erzieherischen Einflüsse, der Stellung der Inden in dem gemischtsprachigen Mähren auf Jahre hinaus vergreifen. Es ist klar, daß das bisher verborgen gebliebene Nationalbekenntnis der Inden nunmehr 511 jedermanns Einsicht im Wahlkataster verzeichnet sein wird. Damit ist die Möglichkeit eines intensiven Judenhasses der gegnerischen Nationalität leicht gegeben. Aber Neutralität? Auch diese ist hier nicht am Platze, da zugestanden werden musi. daß viele wirtschaftliche und soziale Interessen von dem politischen Verhalten der Juden abhängen. Nun hat eine Konferenz hervorragender jüdischer Persönlichkeiten einen Vorschlag unterbreitet, der sich im wesentlichen mit den Vorschlägen der „Österreichisch-Israelitischen Union" deckt und vollends geeignet erscheint, einen gedeihlichen mo lus vivendi herbeiznführen. Die Juden sollen sich in den deutschen oder tschechischen Wahlkataster eintragen, wofür verschiedene lokal zu beurteilende Gründe maßgebend sein können, m-d sodann nur solchen Kandidaten ihre Stimmen geben, die für eine „jüdische Jnteressenpolitik" eintreten wollen. In Orten, wo starke jüdische Minoritäten vorhanden sind, solle man trachten, durch günstige Kompromisse jüdischen Kandidaten zum Siege zu verhelfen, welche in dem eben erwähnten Sinne zu wirken und im Streite der Nationalitäten eine möglichst neutrale Stellung zu beobachten hätten. Auf diese Weise wird zwar der Gedanke einer nationaljüdischen Parlamentsvertretung zurückgewiesen, den aber zweifelsohne bestehenden, über den Rahmen einer Religionsgemeinschaft hinausreichenden jüdischen Interessen, die bisher über den höchst problematischen allgemeinen Interessen (nämlich die Doppelsprachigkeit usw.) nicht zu Worte kamen, Rechnung getragen. Solange die Gesetzgebung in die Hände der reaktionärsten, kleinlichsten und borniertesten Sondergruppen gelegt war, herrschte ausschließlich die nationale Phrase. Nun werden die großen sozialen und ökonomischen Fragen aufgerollt werden, welche die freiheitliche und kulturelle Entwicklung der österreichischen Nationen änbahnen sollen. Wieviel jüdisches Kapital, wieviel jüdische Intelligenz ist an der Entwirrung dieser Probleme interessiert! Und was schließlich der wichtigste Zweck ist, die Juden werden von neuem gewisse Gemeinsamkeiten entdecken, die, weit entfernt irgendwelcher Absonderungspolitik zu dienen, nur der jüdischen Gesamtheit zugute kommen müssen. In ähnlicher Weise wird sich die Stellung der Juden in den nicht nach Kurien abgegrenzten Kronländern oder dort, wo das Proportionalwahlverfahren eingeführt wird, gestalten. Ueberall wird entweder ein Anschluß an eine andere Nationalität geboten erscheinen oder es werden auf dem Wege des Kompromisses (oder ohne dieses in Bezirken mit jüdischer Majorität) jüdische Abgeordnete entsendet werden-. In jedem Falle werden die Delegierten auf das Programm der „jüdischen Jnteressenpolitik" verpflichtet werden müssen. Nun wird natürlich die Diskussion mit der Frage beginnen, was „jüdische Jnteressenpolitik" bedeutet. Die Antworter: werden verschieden ausfatlen, je nachdem man die jüdische Gesamtheit als einen mit den übrigen gleichwertigen Volkskörper oder als Religionsgemeinschaft begreift. Auch werden lokale Rücksichten — man denke nur an den Unterschied der jüdischen Interessen etwa in Galizien uub Böhmen — für die Beurteilung dieses Begriffes entscheiden. Bald wird man die Forderung einer jüdischen Schule (Galizien!), bald die Ueberführung der jüdischen Massen zum Ackerbau oder zur Industrie, bald die Förderung religiöser Interessen usw. als nächstes Ziel der Politik unserer: eigenen, odev der mit Hilfe der Inden gewählten Tkbgevrdneteü hinstellen müssen. Daß selbst maßgebendsten Ortes die Tatsache des Bestandes besonderer jüdischer Interessen anerkannt wird, kann wohl dadurch bewiesen werden, daß die Wahlkreiseinteilung Galiziens und der Bukowina auch mit Rücksicht auf die jüdischen Minoritäten getroffen werden soll. Hier mag auch auf die große Begeisterung hingedeutet werden, mit welcher die Bestrebungen nach Erreichung einer National-jüdischen Autonomie in Galizien ausgenommen wurden. Wie immer man sich zu dieser Forderung stellen mag. darin stimmen heute nahezu alle jüdische Kreise überein, daß der große Moment der Umwälzung, die gegenwärtig in Oesterreich vor sich geht, auch sür uns nicht ungenutzt verstreichen darf. Die Trennung der Nationalitäten, welche in Konsequenz des allgemeinen Wahlrechtes und der nationalen Vertretung erfolgen muß, wird die überhitzten nationalen Leidenschaften abkühlen, sie wird die Hauptreibungsflächen beseitigen und zu nüchterner Beurteilung sowie gesunder wirtschaftlicher Arbeit infolge der weit ausgedehnten lokalen, nationalen und beruflichen Autonomie erziehen. Den Juden aber, welche die Bedeutung dieses Momentes verstehen, wird sie den ersehnten Frieden, einen modv8 vivendi ihrer politischen und sozialen Beziehungen zu den anderen Völkern:, bringen. Dir Woche. Berlin, 16. Oktober, ie Memoiren des Fürsten Chlodwig von Hohenlohe bilden gegenwärtig das Tagesgespräch. Soweit bis jetzt zu beurteilen möglich, haben wir an dieser Publikation kein anderes Interesse als alle anderen Staatsbürger. Indes ist es doch wohl anzunehmen, daß sich in den beiden dicken Bänden Manches finden wird, was für uns von besonderem Interesse sein könnte. Vorläufig haben wir nur einige solcher Notizen gefunden, die wir hier folgen lassen: „Schillingsfürst, 27. Juni 1888. Gestern abend. 8 Uhr, fuhr ich mit Thaden von Berlin ab, nachdem ich noch mit Viktor und Franz im „Kaiserhof" gegessen hatte. Den Tag füllten verschiedene Besuche aus. Friedberg fand ich etwas gedrückt. Er ist nicht mehr der große Mann, der er zur Zeit Kaiser Friedrichs war, wo alles ihm die Kur machte.. Er weiß, daß der Kaiser die Semiten nicht protegiert." „Schillingsfürst, 4. November 1898. Die Verhandlungen der Cour de Cassation lim D reyfu s - Proz eß) lese ich mit großem Interesse. Die Generalstäbler haben sich seinerzeit übereilt. Dann haben sie den Irrtum eingesehen, hatten aber nicht den Mut, es offen einzugestehen. Dann kamen gemeine Kerls, wie Esterhazy und Henry, uub boten ihre Fälschungen als Rettung an, und darauf sind die dumulen Kerls hereingefallen." Diese letztere Notiz ist für die Geschichte des großen Prozesses nicht unwichtig. Hohenlohe kannte das Terrain, die Persönlichkeiten, den ganzen Fall. Sein Urteil fällt also schwer in die Wagschale. Nur scheint es, daß der alte Mann die Tragik der Sache nicht richtig erfaßt hat, wenn er die elenden Drahtzieher jener Jntrigue bloß für „dumme Kerls" hält. Die eigenartige Vertrauensstellung, die der 1893 Heimgegangene Gerson von Bleichröder beim Fürsten Bismarck einnahm und die Rolle, die ihm gelegentlich in unserer Politik zufiel, beleuchten die Memoiren scharf, wenn auch zuweilen in flüchtigem Unmut, mit falschem Licht. Bemerkens-